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Russische Sommerfreuden

Ohne Datscha ist das Leben für viele Russen undenkbar: Die russische Germanistin Marina Rumjanzewa schreibt in «Auf der Datscha» eine fesselnde Kulturgeschichte dieser «Institution».

Wer sich auf Tschechow, Pasternak, Gorki, Puschkin, Tolstoi einlässt, stösst unweigerlich in ihren Texten und Biografien auf die Datscha, jenes Sommerhaus, das die Russen von Mai bis September bewohnen – eine Oase abseits der Stadt, der Hektik, des Lärms und nicht zuletzt der Politik. So wird man in Marina Rumjanzewas lockerer Kulturgeschichte, der ein Lesebuch angefügt ist, von Herzen schwelgen, weil diese Autorin – 1958 in Moskau geboren und seit 1992 in Zürich lebend – eine Kennerin der Datscha-Szene ist und nebst den kulturhistorischen Erläuterungen mit Insider-Informationen zur heutigen Situation aufwarten kann.

Ein Statussymbol

Denn die Datscha ist kein historisches Relikt, sondern für Russlands Neureiche geradezu ein Statussymbol; allerdings hat sich der Charakter der Datscha bzw. ihrer Siedlungen erheblich verändert. Der ehemals freie Zugang zu den Gärten und Wäldern, zu Bächen und Flüssen ist aus Sicherheitsgründen eingeschränkt worden – das kleine Paradies hat sich in ein Getto für Neokapitalisten verwandelt. Die Bodenpreise sind exorbitant angestiegen, sodass für Normalbürger der Besitz einer Datscha nicht mehr erschwinglich ist und viele der früheren Sommerhäuser verlottern. «Wir gehen auf die Datscha!», lautet seit Jahrhunderten der Lockruf für die geplagten Moskowiter und Petersburger. Der Begriff «Datscha» leitet sich her von: Gabe, das Gegebene. Peter der Grosse verlieh als erster Zar den Adeligen als Dank für ihren Dienst ein Landstück, das neu für Sommerresidenzen gedacht war, nicht wie bis anhin für zu bewirtschaftende Güter. «Datscha» meinte bald einmal nicht nur das Grundstück (worauf die Formulierung «auf die Datscha gehen» hinweist), sondern auch das zugehörige Haus. Seit Beginn regierte in diesen Siedlungen, die Ende des 18. Jahrhunderts zusehends vom Mittelstand eingenommen wurden, ein entspannter Stil fernab der Machtzentren: Es gab Sommertheater und -konzerte, man übte sich in Gymnastik und Sport, las während Stunden in der Hängematte, besuchte einander ohne förmliche Einladung, schwärmte in die Wälder aus und spann Romanzen. Kurz: Es herrschte Dolce vita «à la russe», das sich bis zu Stalins exzessiven Gelagen steigern konnte.

So hat sich auf der Datscha eine Welt in der Welt entwickelt, die auch ein spezifisches Personal aufweist. Aus der Literatur sind Figuren wie die vergnügungssüchtige Gattin, der schmachtende Liebhaber, der pendelnde Gatte bekannt. Bis heute existieren eigene Datscha-Zeitungen, und der frühere Datscha-Führer vermittelt nun hauptsächlich Aufschlüsse über Kauf und Verkauf. Vergnügt stöbert man schliesslich in der Textsammlung zur «Datschamania», schweift über die Bilder, die unerwartet auf der Innenseite des Schutzumschlags auftauchen. Als Ort für diesen Lese- und Schaugenuss empfiehlt sich die Hängematte.

Marina Rumjanzewa, Auf der Datscha. Eine kleine Kulturgeschichte und ein Lesebuch. Dörlemann, Zürich 2009. 290 Seiten, Fr. 36.–.

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