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Reto Caffi greift nach dem Oscar

«Überfliegend, unbeschreiblich»: So charakterisiert Reto Caffi seine Stimmung nach der Oscar-Nomination von «Auf der Strecke». Erstmals seit sechs Jahren ist ein Schweizer Film wieder im Oscar-Finale.

In Zürich, in der Wohnung seines Ko-Autors Philippe Zweifel, hat Reto Caffi gestern Nachmittag zusammen mit Leuten seines Teams die Nominationen am Computer verfolgt und zum ersten Mal auf den Erfolg angestossen. «Ich war sehr nervös und habe in den letzten Nächten nicht mehr gut geschlafen», gesteht er. «Die Spannung ist extrem gross, wenn man vor einer so wichtigen Auszeichnung steht.» Die Spannung war umso grösser, als Caffi wusste, dass sein Film den Sprung auf die – bei den Kurzfilmen inoffizielle – Shortlist geschafft hatte und er also nur noch einen Schritt vor der Nomination stand. Am Abend reiste Caffi nach Solothurn an die Filmtage, wo das Ereignis mit einer Party gefeiert wurde. Im Februar wird Caffi für das traditionelle Dinner mit allen Nominierten nach Hollywood reisen und dann bis zur Oscar-Nacht am 22. Februar in den USA bleiben. «Von einer eigentlichen Oscar-Kampagne kann man bei den Kurzfilmen nicht sprechen», sagt er, «aber es ist wichtig, im Vorfeld der Verleihung vor Ort zu sein.» Caffi möchte das alles mit seinem Team erleben. «So eine Erfahrung will man mit andern teilen. Zudem ist Nomination der Erfolg eines ganzen Teams, denn Film ist immer Teamarbeit.» Seine vier Konkurrenten um die wichtigste Trophäe in der Filmwelt kennt Caffi nicht. «Ich habe keinen der Filme gesehen. Die grossen Festivalkracher des letzten Jahres sind nicht dabei. Ich liess mir aber sagen, dass die Konkurrenz sehr hart ist.» Man werde alles tun, um den Film zu unterstützen, sagt Simon König von der Promotionsagentur Swiss Films. Dabei hofft er auf einen Zusatzkredit vom Bundesamt für Kultur (BAK), das pikanterweise die Produktion von «Auf der Strecke» nicht unterstützt hatte. 2002, bei der letzten Oscar-Kampagne eines Schweizer Films, dem Dokumentarfilm «War Photographer» von Christian Frei, hatte das BAK 50 000 Franken zur Verfügung gestellt. Der letzte Schweizer Film, der einen Oscar gewann, war 1991 Xavier Kollers «Reise der Hoffnung». Intensives Drama«Auf der Strecke» erzählt von einem gehemmten Warenhausdetektiv (brillant: Roeland Wiesnekker), der sich in eine Buchhändlerin verliebt, die er heimlich beobachtet. Als er eines Abends Zeuge wird, wie ein vermeintlicher Nebenbuhler in der Bahn Opfer gewalttätiger Jugendlicher wird, greift er nicht ein – mit dramatischen Folgen nicht nur für das Opfer, sondern auch für ihn.Es geht um universelle und ewige Themen wie Schuld, Einsamkeit und Liebe im dichten, präzis beobachteten und psychologisch differenzierten Film. «Die Story schneidet zudem aktuelle Themen wie Überwachung, Jugendgewalt und Zivilcourage an. Das ist ein weiterer Grund für den Erfolg des Films», sagt Caffi. Für den 37-jährigen Berner ist die Oscar-Nomination der bisherige Höhepunkt in seiner Karriere als Filmemacher. «Auf der Strecke», den er 2007 in Bern, Zürich und Köln gedreht hat, wo er damit sein Studium an der Kunsthochschule für Medien abschloss, wurde an über 100 internationale Festivals eingeladen und gilt schon jetzt als erfolgreichster Schweizer Kurzfilm aller Zeiten. Er hat bisher mehr als 50 Preise gewonnen, darunter den Berner Filmpreis, den Schweizer Filmpreis 2008 (Quartz des besten Kurzfilms), den Lutin 2008 als bester europäischer Kurzfilm und den Studenten-Oscar als bester ausländischer Schulfilm.

Filmtage-Vorstellung: Die Solothurner Filmtage zeigen «Auf der Strecke» heute in der Reithallle im Block von 17.30 Uhr.

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