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Musikalische Chaos-Praxis

Ein Debüt, das für Aufsehen sorgt: «Jewellery» von Micachu ist ein schwindelerregendes Pop-Karussell, dessen kurze Songs von tausenderlei Brüchen belebt, angetrieben und verschönert werden und doch vor allem eines sind: grosser Pop.

«Jewellery» ist die unordentlichste Platte seit Langem. Aber auch die frischeste, die munterste und die beglückendste. Das Trio um die erst 21-jährige Mica Levi alias Micachu rast mit jugendlichem Ungestüm durch kurze und noch kürzere Songs voll unerwarteter Brüche, Haken, Stil- und Richtungswechsel. «Vulture», der erste Song des Albums, beginnt mit einer frenetisch angeschlagenen, dumpf verstimmten Kindergitarre, bald setzt ein nervöser Rhythmus ein, über den ein vermutlich alter Synthesizer hübsch dissonante Schlieren malt.

Immer wieder kippt der Song in ruppige Instrumental-Passagen, ehe nach 1 Minute und 20 Sekunden der eingängige Refrain einsetzt. Pop pur, allerdings nur kurz, denn: Hektisch gehts weiter, nach 2 Minuten 45 Sekunden, damit ist «Vulture» einer der längsten Songs des Albums, findet die Karussell-Fahrt ein Ende, und man fühlt sich ob so vieler Brüche erst mal schwindlig gerockt. Beim dritten oder vierten Anhören entdeckt man in «Vulture» einen grossartigen Pop-Song. Spätestens beim siebten Mal wird man gewahr, wie clever und raffiniert dieses Lied ist. Zu diesem Zeitpunkt aber ist man dem Charme von Micachu ohnehin verfallen und süchtig. Süchtig nach ihren ungeschliffenen und tausendfach gebrochenen Pop-Juwelen.

Dehnbar wie Kaugummi

Mica Levi ist 21, Engländerin, aufgewachsen in einem musikalischen Haushalt, seit frühester Kindheit (4) klassisch sozialisiert (Violine), Kunststudentin. Auf ihrer Myspace-Seite gibt sie den amerikanischen Avantgardisten Harry Partch «und solche Typen» als Einfluss an; letztes Jahr komponierte sie ein Stück für das London Philharmonic Orchestra und sorgte mit dem Grime-Mix-Tape «Filthy Friends» (auf Myspace als Gratis-Download angeboten) für Furore. Das Epizentrum ihres musikalischen Aktionismus ist aber Micachu: Unter diesem Namen spielt sie allein oder begleitet von The Shapes (Mark Pell, Raisa Khan) eine furiose Mischung aus Punk, Dubstep, Hip-Hop, Folk und Pop. «Jewellery» (Rough Trade/Musikvertrieb) ist ihr Debüt, knapp 35 Minuten kurz, aber mit Ideen und Einfällen für zwei Doppelalben und im Begriff, zum Sommer-Hype zu werden.

Alles wirkt ungenau und verschleppt, verstimmt, nachlässig hingeworfen und dilettantisch. In «Curly Teeth» schrummt die Klampfe leicht verstimmt, der Synthie fiepst und zwitschert, das Schlagzeug stolpert über vergessene Synkopen, und die Stimme – mal kieksend, meistens eher dunkel und androgyn – ist in den Hintergrund gemischt. Plötzlich der Bruch: Der Beat stampft härter, aber dehn- und verkürzbar wie Kaugummi, drängt vorwärts, ohne zu wissen wohin, und Levi nuschelt unterkühlt den Refrain ins Mikrofon: «Boom boom dead.» «Golden Phone» ist ihre Version eines flotten Elektro-Pop-Heulers mit reizendem «Ooh-Ooh-Ooh»-Chörchen und ebensolchem Video-Clip. «Sweetheart» und «Lips» sind nur gerade 52 bzw. 72 Sekunden kurz, wechseln aber die Stile schneller, als der Chronist tippen kann. Die Texte sind meist wenig verständlich, der Blick ins Booklet zeigt, dass es oft um Beziehungen und Ähnliches geht, die deutlichste Aussage macht Mica Levi in «Just in Case»: «I won’t have sex because of STDs» (Abkürzung für «Sexuell übertragene Krankheiten»).

Aufmerksamkeitsdefizite

Micachus Chaos hat aber – neben dem notwendigen Quäntchen Wahnsinn – Methode und Stil. Es wäre verfehlt, «Jewellery» als eine witzige Novelty-Platte für den Sommer zu betrachten, als die gut gelaunte Provokation jugendlicher Störenfriede. Ihre Songs sind nicht nur verschrobene Spielereien, sie sind keine unfertigen Songskizzen, die durch extravagante Gimmicks aufgewertet werden. Selbst die kleinsten Details – der Staubsauger etwa in «Turn Me Well» – sind Teil der Songs; dies macht vor allem die kongeniale Produktion von Matthew Herbert hörbar. Herbert, seit den Neunzigerjahren ein stilsicherer Grenzgänger zwischen Avantgarde-Elektronik, House und orchestraler Musik, schärft die Brüche und schleift die Kanten der Songs, verknüpft Versatz- und Bruchstücke gekonnt miteinander und schichtet alle Instrumente, Sounds und Effekte übereinander zu einem erstaunlich differenzierten, bei aller Rohheit berührend brüchigen Wall of Sound.

Ist das nun Musik für die unter Aufmerksamkeitsdefiziten leidende Jugend, die alle dreissig Sekunden einen neuen Impuls braucht, um nicht abzudriften? Vielleicht sind Micachu genau dies. Vielleicht aber sind sie einfach eine grosse Pop-Band. Sie klingen einfach etwas anders als das, was derzeit (noch) in den Charts unter Pop verstanden wird. Aussenseiter-Pop, aber so frisch, unverfroren, dringlich, notwendig und in erster Linie beglückend, dass er seinen Weg in die Mitte finden wird. Garantiert.

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