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Lieblose Manager im Theater Biel-Solothurn

Folgt auf den Lebensabschnittspartner nun das Lebensabschnittskind? Eine These, die, wie das Stück darüber («Top Kids»), reichlich gewöhnungsbedürftig ist.

«Top Kids» ruft natürlich «Top Dogs» von Urs Widmer in Erinnerung. Waren es da überflüssig gewordene Manager, die entsorgt wurden, so sind es bei Marianne Freidig lästig gewordene Kinder, die die Eltern der Karriere zuliebe loswerden wollen. «Das Kind ist diesbezüglich quasi die letzte Bastion», hat die Autorin in einem Interview erklärt. «Das Kind wegzugeben ist ein echtes Tabu.»

Das Stück wurde 2006 in Stuttgart uraufgeführt und ist eng verwandt mit dem im gleichen Jahr in Bern erstmals gespielten Stück «Gift», wo es um die Sterbehilfe bei einem 12-jährigen manisch-depressiven Kind geht. Laut der Autorin sind die zwei Schauspiele Teil einer Trilogie, zu der auch «Neger im Schnee» gehört, das Stück, das von der Krise eines Skigebiets im Berner Oberland handelt und im Dezember 2009 im Stadttheater Bern Premiere gehabt hätte, wenn es wegen Differenzen zwischen Regie und Autorin nicht aus dem Spielplan gestrichen worden wäre.

Sprechendes Bühnenbild

Für die Schweizer Erstaufführung von «Top Kids. Die Verteidigung der Freiheit» hat Tassino Tesche ein Bühnenbild beigesteuert, das die Machart des Stücks sehr schön vorwegnimmt: Über der ansonsten weitgehend leeren Bühne schwebt ein vielfältig verzweigtes Gerüst, das aus einem stilisierten Brutkasten herausragt und wie die Verkörperung ständig wachsender unlösbarer Probleme anmutet. Samuel Streiff und Katja Tippelt sind Michael und Verena, die in Scheidung begriffenen Eltern, Margit Maria Bauer und René-Philippe Meyer spielen Freundin und Freund der beiden und vertreten die Parteien zugleich als Anwälte vor Gericht. Und die Gespräche zwischen Anwalt und Kläger drehen sich nun natürlich nicht darum, sich in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu setzen, um das Sorgerecht für die fünfjährige Chantal zu bekommen, sondern darum, als Rabenvater oder Rabenmutter zu erscheinen und das Kind so dem Partner zuzuschieben. So hat die Mutter den Kindergeburtstag vergessen und erinnert sich mit Schrecken an die Geburt. Und der Vater hat Chantal in einem Pariser Warenhaus einmal verloren und hofft, aus der Geschichte eines gemeinsamen Bades negatives Kapital schlagen zu können.

All das ist in 31 kurze Nummern unterteilt und mutiert dreimal zu einem imaginären Tennis-Match zwischen den vier Protagonisten. Welch letztere brav und bis zum letzten Wort verständlich ihren Upperclass-Talk aufsagen: manchmal smart und cool, gelegentlich auch erregt und wütend, unter vielerlei Bänke- und Stühleverschieben und Kleideranundausziehen, um das trockene Gesprächsschema mit etwas Aktivität aufzulockern.

Moderat und verständlich

Man hätte das Stück, dessen auf eine «Fremdplatzierung» hinauslaufende Pointe nach achtzig Minuten kaum noch überrascht, unter Preisgabe der Verständlichkeit ins Absurde drehen und steigern können – als grotesker argumentativer Leerlauf von reichen verwöhnten Vierzigjährigen, die dem Leben die Karriere vorziehen –, aber Regisseurin Anina La Roche hat sich anders entschieden. Sie lässt den Abend im immer gleichen moderaten Tempo ablaufen, und sie setzt offenbar auf die feinen Bruchstellen im Text, auf die Ahnungen und Vermutungen, die, gegenläufig zu den mit Überzeugung vorgetragenen Behauptungen, eine tiefere, von elementaren Gefühlen und Erfahrungen bestimmte Dimension enthüllen. Wenn die Mutter von dem kleinen, schutzbedürftigen Körper des Mädchens spricht und nicht darüber hinwegkommt, dass ihr Geruch ihm Angst machen könnte, wenn der Vater erzählt, welche Mühe es koste, sich von dem Kind loszureissen und wie sehr ihn das schlechte Gewissen plagt, es nicht häufiger sehen zu können.

Leise Finessen wie diese können einen tatsächlich immer wieder für eine Inszenierung erwärmen, die aus einer trockenen und handlungsarmen, das theoretische Konstrukt dem dramatischen Moment vorziehenden Vorlage ein Maximum an schauspielerischer und thematischer Präsenz herausholt und dem Schaffen einer jüngeren Schweizer Dramatikerin auf einer renommierten Stadttheaterbühne eine faire Chance gibt.

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