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Kritik im Wortsuchspiel

Ein Show-Künstler auf der Suche nach ausstellungsfähigen Konzepten: San Keller wagt in der Ausstellung im Bieler Centre Pasquart den Schritt von der Aktionskunst zur Konzeptart und gerät dabei leicht aus dem Tritt.

Werke von San Keller: «Conceptual Weight» (2009), Aktionsobjekt und «Clever and smart» (2007), Siebdruck. (zvg)
Werke von San Keller: «Conceptual Weight» (2009), Aktionsobjekt und «Clever and smart» (2007), Siebdruck. (zvg)

Darf Kunst Spass machen? Trotz Kinder-Workshops und Museums-Cafeteria herrscht in Ausstellungsräumen andächtige Stille. Im Kunstdiskurs dominiert fachwortschwere Ehrfurcht. San Keller platzt mit seinen Aktionen in diese Andacht wie ein kluger Narr, der schlaue Fragen als dumme Scherze ausgibt und Betrachter zu mehr Unbefangenheit verführt. In Bern liess er Besucher in der Stadtgalerie tanzen. In Solothurn stellte er Bürger als Statuen in Fassadennischen des Kunstmuseums. Unter dem Titel «Masquerade» legte er Fotos von sich vor, mit der Bitte, sie zu übermalen. Das erinnert an Marcel Duchamps Mona Lisa mit Schnurrbart und macht den Betrachter zum Komplizen. Jetzt wird San Keller selber museal. In seiner ersten Schweizer Solo-Museumsschau wagt der in Zürich lebende Berner den Schritt von der augenzwinkernden Aktion zur Konzeptkunst, vom flüchtigen Event zum bleibenden Werk. Anlass der Ausstellung «Show Show» ist die Verleihung des Manor-Kunstpreises: Als erster Künstler im Kanton Bern wird der 38-jährige San Keller mit der renommierten Auszeichnung geehrt. Der mit 15000 Franken dotierte Preis wurde 1982 in Luzern gegründet und wird alle zwei Jahre in 12 Kantonen vergeben.Preis mit PrestigeDer Manor-Kunstpreis arbeitet in jedem Kanton fix mit einem Museum zusammen. In Bern mit dem Centre Pasquart in Biel. Direktorin Dolores Denaro kann vier Kunstschaffende für den Preis vorschlagen und den von einer Fachjury gewählten Preisträger in ihrem Haus präsentieren. Attraktiv ist der Preis also nicht nur für Künstler. Fünf Jahre bewarb Denaro sich um den Kunstpreis. Mit dem 2008 in Biel eröffneten Manor-Kaufhaus kam endlich die Zusage. Doppelte Ehre also für San Keller, der in seiner neuen Rolle als Museumskünstler aber noch nicht ganz trittsicher ist. Die Arbeiten im Neubau schliessen logisch an die Aktionen an. Im Video «Preview» verkünden Gäste am Vorabend der Eröffnung ihre Kritik zur Ausstellung. Gezeigt wird das Video aber ohne Ton. Das Vernissagen-Geplauder ist hier buchstäblich leer. Die fehlenden Worte finden sich in «Clever & Smart», benannt nach zwei Comic-Detektiven. Spürsinn ist beim Betrachter gefragt. Der Siebdruck zeigt ein Wortsuchspiel, in dem sich 47 englische Adjektive aus Kritiken zu San Kellers Werk verbergen. Davor steht eine Hantelbank, auf der Bücher über Konzeptkunst für Gewicht sorgen.Künstler als LuftikusNoch reduzierter wirkt die Arbeit «Concept and Commerce», für die Keller acht Schweizer Kuratoren gebeten hat, anhand eines Keller-Werkverzeichnisses und eines Grundrisses eine Präsentation zu entwerfen. Aus Skizzen und kurzen Texten kann der Betrachter sich im Kopf ein Bild der gedachten Ausstellungen machen. Überzeugend nähert sich Keller konzeptuellen Arbeiten wie On Kawaras Postkarten oder den Handlungsanweisungen von Allan Kaprow. Die Reflexion des Kunstbetriebs und seiner Teilnehmer bleibt dabei sein wichtigstes Thema. Doch möchte er sich als Person mehr zurücknehmen. «Auf Witz will ich nicht verzichten», versichert San Keller. Auf einer Etage im Altbau zeigt er die Intervention «Œuvre d’air», die allzu luftig daherkommt. In allen Räumen stehen die Fenster offen. Luft und Leere sind die Exponate. Wirklich neu oder frech ist das nicht. Keller deutet den Strassenlärm als minimalistische Antwort auf die Frage «Wie hole ich das Gesellschaftliche in die Kunst?» Bleibt zu hoffen, dass Keller sich nicht auf das Diktum des Medientheoretikers Marshall McLuhan zurückzieht, alles sei Kunst, solange man damit durchkomme. San Keller kann mehr. Das zeigt ein Teil der Bieler Schau.

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