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Kopfs Kopf steckt voller Ideen

Auf «Live Life» veröffentlicht der Elektrobassist Herbie Kopf ausschliesslich Konzert-Mitschnitte. Morgen tritt er mit seinem ungewöhnlich instrumentierten Nonett U.F.O. in Bern auf.

Mit Jahrgang 1962 ist Herbie Kopf alt genug, um die 180-Grad-Wende bei den Produktionsbedingungen für Jazz-Alben von Schweizer Gruppen selber erlebt zu haben. Während man früher mit Bandübernahmeverträgen sogar etwas hätte verdienen können, müsse man sich heute bei den Labels einkaufen, hält Kopf fest. Es gäbe halt immer mehr Musiker, Jazz sei zu einer Art Breitensport geworden, gibt der Zürcher Elektrobassist zu bedenken. Kommt hinzu, dass die ganze Tonträgerbranche in einer riesigen Krise steckt. Kopf hat die Konsequenz gezogen und ein eigenes Label gegründet. Illusionen hat Kopf keine: «Der marginale Jazz wird noch marginaler. Es handelt sich um ein absolutes Nischenprodukt. Um überhaupt noch auftreten zu können, muss man sich immer mehr um Dinge kümmern, die einen vom Musikmachen abhalten. Dafür hat man dann allerdings auch mehr Einfluss auf die Musik.» Als Betreiber eines eigenen Labels sieht sich Kopf als Teil einer immer grösser werdenden Bewegung, er erinnert daran, dass zum Beispiel auch Pat Metheny, Dave Douglas, Dave Holland, Maria Schneider oder Don Li ihre Geschicke selbst in die Hand genommen haben. Der Name von Kopfs Label ist programmatisch zu verstehen: Auf «Live Life» werden ausschliesslich Mitschnitte von Konzerten veröffentlicht. «Ich fühle mich in der sterilen Atmosphäre eines Studios einfach nicht wohl. Natürlich bringt die Live-Situation auch gewisse Risiken mit sich. Aber gerade das macht es spannend. Lebendige Interaktion ist mir viel wichtiger als Perfektion.» Der umtriebige Kopf will sein Label vornehmlich zur Dokumentation des Schaffens seiner eigenen Gruppen nutzen. Mit der gleichzeitigen Veröffentlichung von vier Alben legt «Live Life» einen Blitzstart hin. Die Katalognummern 1 bis 3 sind für die Quartettformationen Explo 3000 («Bliss») und Close Contact («Honk!») sowie das Nonett U.F.O. («Flux») reserviert, mit denen Kopf fast nur Eigenkompositionen spielt. Die Mitmusiker des agilen Elektrobassisten sind bei Explo 3000 der furiose Sopransaxofonist Adi Pflugshaupt, der konzise Pianist Hans Feigenwinter und der impulsive Schlagzeuger Pius Baschnagel, bei Close Contact der virtuose Geiger Tobias Preisig, der vielseitige Saxofonist Reto Suhner und der geschmeidig-druckvolle Schlagzeuger Tobias Friedli. Spannendes Innenleben Dass Explo 3000 und Close Contact mitreissende Musikalität mit improvisatorischer Chuzpe verbinden, ist für aufmerksame Beobachter der helvetischen Szene längst kein Geheimnis mehr. Die grosse Überraschung ist die CD des Nonetts U.F.O. (die Abkürzung steht für Universal Fake Orchestra). Bis dato lag von dieser ungewöhnlich instrumentierten Mini-Big-Band (drei Holzbläser, zwei Blechbläser, Cello, Piano, E-Bass, Schlagzeug) ein eher strenges Studioalbum vor. Vor Publikum kommt die Band viel mehr in Fahrt – und plötzlich offenbaren die originellen Konzepte ein enorm spannendes Innenleben. Kopfs Präferenz für die Live-Situation zahlt sich in diesem Fall ganz besonders deutlich aus. Die Nummer 4 im «Live-Life»-Katalog des Labels stammt vom Michael Gassmann («Fearless Five»). Dieser mal melancholische, mal euphorische Trompeten-Melodiker trat im Februar 2008 mit einem sehr flexiblen Quintett im Zürcher Jazzclub Moods auf. Der Konzertmitschnitt ist ein Musterbeispiel für spontane, unverkrampfte Interaktion, die zwischen verträumter Klangmalerei und intensiven Grooves oszilliert. Dass der fantasievolle Pianist Gregor Müller sozusagen in letzter Sekunde für einen erkrankten Kollegen einsprang, sorgte zudem für den einen oder anderen unerwarteten Adrenalinschub. Konzert Donnerstag, 2.4., 20Uhr. Be-Jazz-Club. www.bejazz.ch

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