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«Ich mag das Ungelenke»

Jean-Pierre Darroussin brilliert im Sommerfilm «Les grandes personnes» als rührend-nervender Vater. Begegnung mit dem Star unter den Antistars des französischen Kinos.

Jean-Pierre Darroussin spielt einen alleinerziehenden Vater, der seine Tochter (Anaï Demoustier) gluckenhaft behütet. (zvg)
Jean-Pierre Darroussin spielt einen alleinerziehenden Vater, der seine Tochter (Anaï Demoustier) gluckenhaft behütet. (zvg)

Man muss ihn einfach gern haben. Ob als philosophierender Gärtner in «Dialogue avec mon jardinier» oder als nörgelnder Wanderer in «Saint-Jacques . . . La Mecque», ob als Kellner in «Un air de famille» – wofür er 1997 den César als bester Nebendarsteller erhielt – oder als Trinker und hilfloser Ehemann in «Feux rouges»: Jean-Pierre Darroussin rührt und berührt. Die Schrullen und Schwächen seiner Figuren, die uns nur zu bekannt sind, treibt er oft ins Komische, aber nie ins Lächerliche. Er prägt die Filme, ohne sie zu dominieren. Er ist der Star unter den Antistars des französischen Kinos.Beim Gespräch in Paris sitzt einem ein Mann gegenüber, der langsam spricht, leise, die Worte stets abwägend. «Ich bin nicht einer, der viel redet, ich höre lieber zu», sagt Darroussin. Er liebe es, in Figuren aufzugehen, die Welt durch die Augen anderer zu sehen. «Ich bin wie ein Schwamm, der diese andere Person in sich aufnimmt. Ich habe Zutrauen zu den Menschen, ich bin nicht argwöhnisch und vermute überall Fallen. Ich lasse mich gerne leiten, von der Freundschaft, von der Liebe.»Furchtbare SchwächenIn «Les grandes personnes», dem charmanten Kinodebüt der erst 24-jährigen Anna Novion, spielt Darroussin den 46-jährigen Albert, einen Bibliothekar und alleinerziehenden Vater, der seine Tochter derart gluckenhaft behütet, dass sie beinahe erstickt. «Albert will ein unfehlbarer Vater sein, hat selber aber furchtbare Schwächen, er ist unerträglich, aber auch berührend in seiner Ungeschicklichkeit», sagt Darroussin. «Es macht sehr viel Spass, jemanden zu spielen, der sich seiner Lächerlichkeit nicht bewusst ist.» Albert plant minutiös alles, auch die Sommerferien, die er jeweils zur kulturellen Weiterbildung seiner Tochter nutzt, der mittlerweile 17-jährigen Jeanne. Er war mit ihr in Berlin, in Rom, in diesem Sommer nun führt die Reise nach Schweden, wo es die Welt der Wikinger zu entdecken gilt. Mit einem Detektor macht sich Albert in fremden Gärten auf Spurensuche – was mit seiner Tochter geschieht, dafür fehlt ihm allerdings das Sensorium. Erst als er seine Hilflosigkeit eingestehen muss, kann er die Selbstständigkeit seiner Tochter akzeptieren. «Er hat Angst zu leiden, deshalb öffnet er sich nicht», sagt Darroussin, und spielt dabei mit den Verben s’ouvrir und souffrir. «Erst wenn man sich verliert, wenn man die Masken fallen lässt, findet man sich.» Darroussin, selber Vater zweier Töchter, weiss, wovon er spricht. Seinen Töchtern habe der Film sehr gut gefallen, erzählt er. «Sie sagten mir, ich könne beruhigt sein: Ich sei ganz und gar nicht so wie Albert.»Kind der BanlieueDarroussin arbeitet viel, über 80 Titel umfasst seine Filmografie, dazu kommen seine Theaterengagements. «Ich muss eine Familie ernähren», sagt er, «aber ich arbeite auch so viel, weil ich diese Arbeit liebe. Es gab eine Zeit, in der das nicht so war, in der ich mich treiben liess und anderes machte.» «Anderes machen», das ist eine sehr vage Umschreibung für seine ziemlich wilde Jugendzeit. Darroussin, ein Kind der Banlieue, hing mit Gangs herum, machte Einbrüche. Auf die Schauspielerei kam er sozusagen über seine Fähigkeiten als Kritiker: «Ich entdeckte, dass ich die Fähigkeit hatte, Schauspieler kritisch zu beurteilen. Ich sah, ob jemand gut ist oder schlecht. Das gab mir Lust, selber zu spielen.» Darroussin stammt aus einfachen Arbeiterverhältnissen, sein Vater war Handwerker, Gerber. «Er lehrte mich das Handwerk, aber er war sich bewusst, dass dies ein Beruf ohne grosse Zukunft ist. Er hat mich deshalb in meinem Wunsch, Schauspieler zu werden, unterstützt. Die Schauspielerei bot die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg.» Darroussin besuchte das Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique in Paris, wo er Catherine Frot kennenlernte und Ariana Ascaride, die ihn mit Robert Guédiguian bekannt machte. Er spielte in praktisch allen Filmen des linken Produzenten und Regisseurs («Marius et Jeannette»). «Meine Zugehörigkeit zum Milieu der Arbeiter und Handwerker ist mir wichtig. Dieses Bewusstsein verband und verbindet mich mit Robert», sagt er. Auch in Guédiguians neuem Film «L’armée du crime», der diese Woche am Filmfestival Cannes läuft, ist Darroussin wieder dabei, dieses Mal spielt er einen Inspektor.Dass Darroussin in den Filmen von Guédiguian spielt, ist Ehrensache. Bei seiner Rollenwahl lässt er sich aber nicht in erster Linie von den Regisseuren, sondern von den Drehbüchern leiten. «Ich will die Individualität des Menschen spüren, der das Drehbuch geschrieben hat, ich will spüren, dass es ihm ernst ist, dass er diesen Film machen muss.» Anders als viele seiner Kollegen spielt er gerne in Erstlingsfilmen, obschon die Honorare weniger hoch und das Risiko besonders gross ist, dass der Film misslingt. «Ich mag das Risiko, ich mag auch das Ungelenke und Ungeschickte. Manchmal denke ich, dass es dem Kino an Ungeschicklichkeit fehlt.»

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