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Hundert Jahre Grund zu Pessimismus

Eindrücklich und bewegend im Detail, gelingt es dem breit ausgreifenden Band nicht, das 20. Jahrhundert wirklich in den Griff zu bekommen.

Mit dem grandiosen Bild einer Flut, die plötzlich über ein friedliches Tal hereinbricht, beginnt ein Buch, das, in sieben Teile geteilt und jedes Mal wieder mit einem visionären Auftakt beginnend, die Zeit zwischen 1900 und 2000 Revue passieren lässt. Nicht, wie das Günter Grass 1999 in «Mein Jahrhundert» tat, indem jedes Jahr durch ein Statement in Rollenprosa präsent ist, sondern mit einem System von Erlebnis- und Erfahrungsbereichen, die immer wieder aufgenommen und in ihrer Entwicklung gezeigt werden. EntwicklungslinienSo schildert eine aus Gerzensee stammende österreichisch-ungarische Gräfin das Adelsleben in Osteuropa vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Untergang in den Zwanzigerjahren und das Heraufdämmern der Diktaturen. Die Metamorphosen des Deutschnationalen sind satirisch in den Protokollen einer fiktiven «S.A.Thorwaldt-Gesellschaft» dargestellt, der vor 1914 Gerhard Hauptmann und Oswald Spengler angehören, die sich nach 1918 revanchistisch, ab 1933 – unter der Leitung von Goebbels – faschistisch und nach 1945 im Umfeld des Kalten Kriegs situiert, bis sie am Ende, nachdem die Studenten 1968 noch die GV gestürmt haben, unter Vorsitz von Joschka Fischer einer glänzenden Zukunft entgegengeht, die dann allerdings durch den Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek 2004 abrupt zu Ende geht.Eine andere Entwicklungslinie hat den Bauernhof «Im Winkel» zum Schauplatz, wo Exponenten verschiedener Generationen in Rollenprosa darüber berichten, wie der Hof von der traditionellen bis zur biologischen Landwirtschaft immer wieder neu erfunden wurde und wie stark jederzeit die Verführung war, in einen nichtbäuerlichen Beruf hinüberzuwechseln. Katastrophen-BilderSolchen eher unspektakulären Entwicklungen stehen die Katastrophen des Jahrhunderts gegenüber, denen sich Halter meist über die Beschreibung von Fotografien nähert. So fokussiert sich der Seekrieg des Ersten Weltkriegs auf ein Bild vom Untergang des Panzerkreuzers «Blücher», wird das Wesen der politischen Indoktrination anhand einer Lenin-Fotografie enthüllt, aus der immer wieder andere Kampfgefährten wegretuschiert werden, während die Judenprogrome der Nazis anhand der Aufnahme einer verbrannten Synagoge evoziert werden und die amerikanische Militärpolitik nach 1990 in je einem Bild von der Demontage ausrangierter B-52-Bomber und einer aus der Luft zerstörten irakischen Panzereinheit präsent ist. Dazu kommen die Umweltkatastrophen von Seveso und Tschernobyl und zeigen erschütternde Lebensläufe die Folgen auf, die Kriege und Verbrechen für einzelne Menschen haben konnten. So gelingt fast zur gleichen Zeit einem deutschen Landser die Flucht aus Stalingrad und einem jüdischen Mädchen durch die Röhren der Kanalisation die Rettung aus dem Warschauer Getto. Dem stehen aber immer wieder humoristische Texte gegenüber. Etwa der Briefwechsel zweier chinesischer Funktionäre über die Opportunität der Herstellung von Bruder-Klaus-Statuen, oder Satiren auf die moderne Wissenschaft, die eine sich selbst frittierende und pochierende Gen-Scholle hervorbringt bzw. der neuen emanzipierten Frauengeneration die Möglichkeit gibt, das Kinderkriegen dank in vitro befruchteten, tiefgefrorenen Eiern masskonform in die Karriereplanung zu integrieren. Aus dem AbseitsAn einer zentralen Stelle definiert Ernst Halter selbst sein Buch als den «vielleicht untauglichen Versuch», sein «damaliges Abseitsstehen wettzumachen». Ja, er habe den Eindruck, er sei, während all das, was er nun beschreibt, geschah, «als Aerosol durch die Welt geschwebt», als «ein Kulturverzehrer ironischer Existenz und nur lose mit der Welt verknüpft». Eine Selbsteinschätzung, die es plausibel erscheinen lässt, dass Halter die grossen Ereignisse nicht direkt, sondern aus zweiter Hand, von der Optik eines Fotografen her, beschreibt, und dass er sich weitgehend des Urteils enthält. Letzteres überlässt er dem als «Schlossherrn» eingeführten Jean Rudolf von Salis, mit dem er vier in das Buch eingestreute ausführliche Gespräche über die Geschichte des 20. Jahrhunderts führt. Gespräche allerdings, die bei allem Tiefsinn ganz auf den Zweiten Weltkrieg und die Lehren daraus fokussiert sind und so mit einem bedauerlichen Mangel des Buches in Einklang stehen. Es findet nämlich das Jahr 1989, das die «Wende» brachte und von vielen als Beginn des 21.Jahrhunderts betrachtet wird, gar nicht statt.Schnee von gesternHalter besinnt sich am Ende auf die Natur, die im Unsagbaren zum Sprechen gebracht wird, und auf die in den Steinen symbolisierte Überzeitlichkeit, die dem Bösen gegenübersteht, welches das Kommende und die Geschichte austilgt. Dass das zwanzigste Jahrhundert mit dem Ende des Kolonialismus weltweit auch Kräfte freigesetzt hat, die im einundzwanzigsten Jahrhundert bestimmend sein könnten, ja dass das Jahrhundert am Ende auch in Europa noch die Kraft fand, die alten Paradigmen zu verabschieden und sich mit neuen Perspektiven und Hoffnungen selbst zu überwinden – das wird von Halter nicht thematisiert und lässt den Jahrhundertschnee in einer wesentlichen Hinsicht als Schnee von gestern erscheinen. Unglaubliche FülleWas bleibt, ist ein Band mit einer unglaublichen Fülle von berührenden und bewegenden, aber auch nachdenklich stimmenden Details, Geschichten und Momenten, die umso glaubwürdiger werden, je näher sie dem persönlichen Erleben des Autors kommen. So sind etwa der Abschied vom kranken Vater, die Begegnung mit einem nur dem Namen nach mit dem Dichter verwandten Franz Kafka in Prag oder das Porträt eines jüdischen Hausierers Kabinettstücke, die man nicht missen möchte.Der selbst gestellten Aufgabe aber, das gewaltige und gewalttätige, zerrissene, kontroverse, noch immer rätselhafte 20.Jahrhundert unter Berücksichtigung aller wesentlichen Komponenten als Ganzes einer Revision zu unterziehen, dieser Aufgabe wird Halter bei aller sprachlich-stilistischen Professionalität nur in Ansätzen gerecht. Kann er, wie das nicht wesentlich überzeugendere Beispiel von Günter Grass nahelegt, vielleicht auch gar noch nicht umfassend gerecht werden. Beide Bücher aber können auf ihre je eigene Weise mit einer Fülle von Beispielen durchaus dazu beitragen, dass wir das noch lange nicht ausdiskutierte zwanzigste als mahnendes Lehrstück für die späteren, hoffentlich glücklicheren Jahrhunderte sehen lernen. Das Buch Ernst Halter: Jahrhundertschnee. Versuch einer Revision. Ammann-Verlag Zürich 2008, 444 S., Fr. 46.- >

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