Zum Hauptinhalt springen

«Hors saison»

Der Münsterorganist Daniel Glaus hat den 97. Zyklus der Abendmusiken im Münster mit einem überraschungsreichen Solorezital quer durchs Kirchenjahr eröffnet.

Erdbeeren im November. Spargelspitzen im Januar. Das ist wie Adventsmusik im Juni – «hors saison» irgendwie. Doch kein Grund, misstrauisch zu sein: Musik ist mehr als Frucht und Gemüse und darf ohne schlechtes Gewissen konsumiert werden, auch wenn sie nicht in die Jahreszeit passt. Besonders gross ist der Genuss, wenn sie so klug verpackt serviert wird wie im Eröffnungskonzert des Abendmusikzyklus im Berner Münster.

Organist Daniel Glaus, der künstlerische Leiter der traditionsreichen Konzertreihe, ist der Gastgeber. Und obwohl er in seinem Programm auf Traditionelles setzt – auf Choralbearbeitungen von J.S. Bach –, sorgt er für spannungsvolle Überraschung: Der experimentierfreudige Tastenkünstler initiiert eine ungewöhnliche Tour d’Horizon durch das Kirchenjahr, indem er mit seinem Programm Musik zusammenbringt, die normalerweise zeitlich getrennt voneinander erklingt.

Aus einem Guss

Glaus spielt Adventliches, erinnert an Weihnachten, an Karfreitag, Ostern und Pfingsten. Da hört man Bekanntes «hors saison» mit neuen Ohren. «Nun komm, der Heiden Heiland» (BWV 659): Samtig strahlt der Klang der Münsterorgel. Ein mattes Licht, das in die Ferne führt. Ganz anders «Vom Himmel hoch», die Bearbeitung in Variationen, mit der Bach sich 1747 um die Aufnahme bei der Leipziger Sozietät der musikalischen Wissenschaften bewarb. Da wird durch des Organisten Gestaltungskunst Bachs kontrapunktische Kunstfertigkeit offenbar. Im pfingstlichen «Komm, Heiliger Geist» (BWV 651) entfaltet er über einem liegenden Tonstrom im Pedal ein feurig wucherndes Rankenwerk. Und mit taumelnden Synkopen und schmerzlichen Halbtonschritten lässt er die Ereignisse des Karfreitags erfahrbar werden.

Neugierde ist geweckt

Begeisterung lösten auch seine massvollen Tempi aus, die farbigen Registrierungen. Damit schafft Glaus eine mitreissende dramatische Lebendigkeit, in der die Gegensätze als Fluss, als sinnvolle Einheit wahrgenommen werden. Eine spannende Erfahrung, die Neugierde ist geweckt. Wie wird der Organist sich als Komponist präsentieren? Im Rahmen der vierzehn jeweils dienstags stattfindenden Abendmusiken wird seine im Auftrag des Altenberger Kultursommers Köln verfasste Komposition für sieben Stimmen, Blechbläserquintett, Streichquintett und Theorbe uraufgeführt.

www.abendmusiken.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch