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Haydn-Fest ohne Kasarova

Wenige Stunden vor dem Eröffnungskonzert sagte die Sängerin Vesselina Kasarova ihren Auftritt ab. Die Enttäuschung im Publikum war nicht zu übersehen, obwohl mit Elena Mosuc ein valabler Ersatz einsprang.

Marianne Mühlemann
Temperamentvolle Interpretin: Die Sopranistin Elena Mosuc rettete das Eröffnungskonzert in der Kirche Saanen. (zvg)
Temperamentvolle Interpretin: Die Sopranistin Elena Mosuc rettete das Eröffnungskonzert in der Kirche Saanen. (zvg)

Im Gespräch im Vorfeld ihres geplanten Auftritts am Menuhin Festival (vgl. «Bund» vom 15. Juli) wurde es angesprochen, das heikle Thema: Dass sie «aus gesundheitlichen Gründen» gelegentlich einen Auftritt absage. Die bulgarische Sängerin Vesselina Kasarova sprach von der Verantwortung gegenüber der Stimme, konstatierte, dass kein Sänger gerne absage, dass man sich danach fühle «wie der letzte Dreck».

Und dann tat sie es trotzdem, nur gerade neun Stunden vor ihrem Auftritt. Das Publikum, das trotz nasskaltem Wetter zahlreich aus Nah und Fern nach Gstaad gereist war, um die grosse Mezzosopranistin singen zu hören, war enttäuscht. Doch es hätte noch schlimmer kommen können, wenn es Christoph Müller, dem künstlerischen Leiter des Menuhin Festival, nicht gelungen wäre, innert kürzester Frist einen valablen Ersatz aus dem Ärmel zu zaubern.

Retterin in der Not

Die Retterin in der Not heisst Elena Mosuc. Die schweizerisch-rumänische Sopranistin, die seit 1991 am Opernhaus Zürich singt, bringt zwei Arien der Donna Anna aus Mozarts «Don Giovanni» («Or sai chi l’onore» und «Crudele . . . Non mi dir») sowie die Motette «Exsultate Jubilate», KV 165, nach Gstaad – Stücke, die sie vor einigen Jahren auf einer Mozart-CD eingespielt hat.

Mosuc gibt die temperamentvolle, stimmstarke Interpretin mit üppigem, vibratoreichem Klangvolumen, die auch in der Höhe nie an Intensität nachlässt. Bewundernswert, wie sich das Kammerorchester Basel und der österreichische Komponist und Dirigent HK Gruber auf den kurzfristigen Programmwechsel einlassen. Zwar ist eine gewisse Anspannung im Zusammenspiel mit der theatralischen Solistin – sie singt die Motette ab Blatt – nicht zu überhören. Sie äussert sich in einem eher als robust zu beschreibenden Klangbild, subtilere Ausdrucksschattierungen fehlen. Auch der Dirigent scheint sich mehr auf den sicheren Zusammenhalt, denn auf dynamische Differenzierung zu konzentrieren. Man drückt ein Auge zu: Unter weniger turbulenten Umständen und mit mehr Vorbereitungszeit hätten Präzision und klangliche Balance zwischen Stimme und Orchester optimiert werden können.

Quirliger Dialog

In HK Grubers zweitem Violinkonzert (genannt «Nebelsteinmusik») entspinnt sich zwischen dem Orchester und der souveränen Solistin Julia Schröder ein quirliger, angeregter Dialog. Gruber will das 1988 im Auftrag der Alban-Berg-Stiftung entstandene Werk als Hommage an Gottfried von Einem, seinen ersten Lehrer und Mentor, verstanden wissen. Ein eklektisches Opus voller Anspielungen und Referenzen: Da tauchen jazzige Elemente (1. Satz) ebenso auf wie atmosphärisch Deskriptives («In Time with the Heartbeat») oder zum Schluss ein atemloses Concertino.

Der 66-jährige HK Gruber zeigt sich angetan von der jungen Geigerin, die den Part in seinem Werk ebenso differenziert wie dezidiert hinlegt – er vergisst darob fast das Publikum. Die Kommunikation über den Bühnenrand scheint der designierte Chef der BBC Philharmonie kaum zu suchen. Oder sind es die kleinen Pannen an diesem Abend, die ihn etwas menschenscheu machen? Das Handy, das mitten in eine Spielpause klingelt, oder der Notenständer, der umstürzt und für eine Kunstpause sowie ein paar Nebengeräusche sorgt?

Das Eröffnungskonzert endet heiter, wie es angefangen hat, mit einer Sinfonie von Joseph Haydn, dessen Todestag sich heuer zum 100. Mal jährt. «Der Philosoph» (Nr. 22) und «Die Uhr» (Nr. 101) gefallen durch eine sich steigernde Fülle von reizvollen Bläsersoli (Englischhörner, Flöte im Finale Vivace) und spritzigen «Tic-Tac»-Streichertutti. Ein Klangfest, das den Namen Fest verdient.

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