Zum Hauptinhalt springen

Globalisiert und entschleunigt

Pop, Folk, Country, Gospel – vieles klingt in den Songs auf «Replace Why With Funny» des südafrikanischen Duos Dear Reader an. Nur eines nicht: Afrikanische Musiktraditionen.

Es ist nichts als konsequent und gerecht – und doch sorgt es zunächst für eine gewisse Verwunderung, wenn die musikalischen Spiesse mal umgedreht werden: Während derzeit zahlreiche bleiche Briten sich krampfhaft um Afrobeat-Einflüsse bemühen, legen Dear Reader aus Johannesburg mit ihrem Debüt «Replace Why With Funny» (City Slang/TBA) ein lupenreines Folk-Pop-Album ohne jegliche Anklänge an afrikanische Musiktraditionen vor.

Die Single «Dearheart» steht sinnbildlich für die Vielschichtigkeit der Songs von Cherilyn McNeill und Darryl Torr: Eine bassig dumpfe Pianolinie bildet das Fundament, das kräftige Schlagzeug wird von rhythmischem Händeklatschen beschwingt, ein Streicher, ein Akkordeon, ein einsames Waldhorn und eine Melodika umspielen die bezaubernde Melodie, die nach dem Refrain in ein kammermusikalisches Streicherintermezzo mündet. Dabei wird der musikalische Reichtum nicht prahlerisch vorgeführt, sondern in den Hintergrund gemischt, um Cherilyn McNeills glockenheller Stimme möglichst viel Raum zu geben. Ähnlich raffiniert verbinden auch die anderen neun Songs Subtilität und sinfonische Dichte, stilistische Breite, geniesserische Melodien, melancholische Harmonien und immer wieder überraschende Brüche.

Hinter Mauern

Dear Reader benötigen für «Replace Why With Funny» keinen Exotenbonus – die Musik ist hinreissend genug, um Fragen nach ihrer Herkunft überflüssig zu machen. Und doch ist es interessant, sich zu vergegenwärtigen, wo diese Platte entstanden ist. Johannesburg ist nicht nur eine der gefährlichsten Metropolen der Welt, deren weisse Minderheit in ständiger Furcht lebt, beschützt von hohen Mauern und Alarmanlagen, sondern auch weit entfernt von den kulturellen Metropolen des Nordens. Wegen dieser Isolation bleibt die Auseinandersetzung mit den hiesigen Trends trotz Myspace und Youtube weitgehend virtuell.

Dichte Texte

Das sorgt in den Liedern von «Replace Why With Funny» sowohl für zusätzliche Spannungen und Widersprüche, die nicht zuletzt auch in McNeills dichten Texten ihren Ausdruck finden, als auch für eine gewisse Entschleunigung. Es ist zwar unüberhörbar, dass McNeill und Torr bestens über das aktuelle Indie-Pop-Geschehen informiert sind, doch erlaubt ihnen die Distanz, nicht den Trends hinterherzuhecheln, sondern sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Auf grossen Pop, eingängig und unwiderstehlich, und doch weit entfernt von Mainstream und Radiostumpfsinn.

«Replace Why With Funny» ist ein verwunderliches Album. Seine Mischung aus Folk und Pop, durchwirkt von Anklängen aus Country bis Gospel klingt zeitgemäss – und versprüht dennoch eine zeitlose, universale Schönheit. Auch das ist eine Form von Weltmusik, bei der es letztlich gleichgültig ist, wo sie entstanden ist. In diesem Sinn sind Dear Reader ein besonders erfreulicher Beitrag zur Pop-Globalisierung.

Auftritt heute Samstag, 19 Uhr, im Mascotte Zürich, als Vorgruppe von Get Well Soon.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch