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Gesellschaftskritik am Kachelofen

Zeitkritische Kunst frisch ab Atelier: Die Pro-Progr-Edition 2008 und die Neuankäufe der Stadt Bern verbinden sich im Progr zu einer vielseitigen und lebendigen Schau.

Zur Weihnachtszeit halten sich auch unternehmungslustige Menschen gern im geheizten Wohnzimmer auf. Es fügt sich also bestens, dass der Loge-Pavillon auf dem Progr-Hof sich im Rahmen der Weihnachtsausstellung in eine Art gemütliches Zimmer verwandelt.

Die Autorin Sandra Künzi, just von einem Gastaufenthalt in Glasgow heimgekehrt, verwandelt eine Ecke des luftigen Ausstellungsraums in einen lauschigen Lesewinkel mit gelbem Teppich und virtuellen Bücherregalen: Auf schmale Holzbrettchen hat sie die Buchrücken von Lieblingslektüren ihrer schottischen Bekanntschaften gemalt. Schräg gegenüber steht ein Objekt von Diana Dodson, das an einen holländischen Kachelofen erinnert. Bei genauem Hinsehen jedoch zeigt sich, dass die Kacheln in Delfter Blau nicht nur traditionelle Motive wie Segelschiffe und Fische, sondern auch grinsende Totenköpfe zeigen. Nicht alles, was gemütlich aussieht, ist auch harmlos.

Gipfeli und Zitate

«In Progress» heisst die diesjährige Weihnachtsausstellung im Progr. Kunstschaffende mit Atelier in dem zurzeit wieder heiss diskutierten ehemaligen Schulgebäude am Waisenhausplatz konnten sich mit neuen Arbeiten für die Schau bewerben, aber auch Künstlerinnen und Künstler von ausserhalb des Progr vorschlagen. Einige Werke entstanden eigens für die Schau, die von Martin Waldmeier organisiert wurde. An der Auswahl der immerhin 38 Künstler und Künstler-Duos waren auch Progr-Geschäftsführerin Beate Engel und Kurator Marc Munter beteiligt.

Die üppig besetzte Schau vereint alle erdenklichen Techniken und Medien und zieht sich durch fast alle Räume im Parterre. Im Flur stapft man geradewegs in eine Bodenarbeit von Muriel Baumgartner. Aus Karton legt die Zürcherin ein Kunst-Parkett im klassischen Fischgratmuster und verbindet so bürgerlichen Wohnkomfort mit einem Billigmaterial, das Obdachlosen als Wetterschutz dient. Einen Blick auf Alltagswelten wirft auch Sophie Schmidt. Die Progr-Künstlerin zeigt riesenhaft vergrösserte Papiertüten mit den Signets bekannter Bäckereien und Confiserien. Politische Untertöne klingen in Peter Aerschmanns Videoarbeit «Oil» an. Aerschmann, Initiator der Künstler-Initiative Pro Progr, die den Kauf des Gebäudes durch die Ateliermieter anstrebt, hat Ölpumpen, Strandurlauber, Soldaten und Karussells zu einer bedrohlichen Mischung aus Big Business und Entertainment amalgamiert. Auf die aktuellen Debatten um den Progr spielen Gabriela Löffel aus Zürich und Tilo Steireif aus Lausanne an. Eigens für die Ausstellung haben sie comichafte Zeichnungen mit Politikerzitaten unterlegt und so eine Bildserie dicht am Zeitgeschehen geschaffen.

Unerwünschte Konkurrenz

In ganz anderer Weise zeitnah ist ein Video von Eva Jiricka, die im Juni Progr-Gastkünstlerin war. Im Dezember 2007 schenkte die Pragerin auf dem Weihnachtsmarkt in Wien im Rahmen einer Performance kostenlos Punsch aus. Das ist zwar nicht offiziell verboten, erwünscht ist es allerdings auch nicht. Das Video zeigt, wie Marktverkäufer versuchen, die lästige Gratis-Konkurrenz vom Platz zu vergraulen.

Besinnlicher wirken die Neuankäufe der Stadt Bern, zwei Fotoarbeiten von Brigitte Lustenberger aus der Serie der Blumenstillleben. Die sehr ästhetischen Auseinandersetzungen mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit zeigen verblühte Lilien in der Vase. Prints von Brigitte Lustenberger finden sich auch in der Pro-Progr-Edition 2008 (Fr. 300.–), die, ebenso wie die Ankäufe der Stadt, in der Loge präsentiert wird. Die Mappe in 20er-Auflage enthält Arbeiten von zehn Künstlern, zumeist Druckgrafiken, aber auch Original-Zeichnungen von Victorine Müller.

Ausstellung und Fest: Die Ausstellung dauert bis 24. Dezember. Heute Freitag grosses Progr-Benefizfest: 17 bis 3 Uhr.

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