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Geisterbeschwörungen

Auf «Heavy Ghost» beeindruckt der Amerikaner DM Stith mit einer ungewöhnlichen und berückend schönen Verknüpfung von Folk, Pop, Gospel und Ambient.

Es gibt diesen Moment kurz vor dem Einschlafen – man weiss zwar, dass man noch nicht wirklich schläft, beginnt aber schon zu träumen und wird hypnotisiert von ersten Traumfetzen. Diese Phase beschwören die eigenartigen Ambient-Folk-Pop-Songs von DM Stith; sie sind fragmentarisch wie Traumbilder, Widersprüchliches fliesst ineinander, anderes bricht ab, Stimmungen und Klänge bleiben im Leeren hängen, hallen nach – und alles ist in eine unwirkliche Stimmung getunkt. «Heavy Ghost», das Debüt des von Sufjan Stevens entdeckten und von seinem Label Asthmatic Kitty (Vertrieb: Irascible) veröffentlichten Amerikaners trägt seinen Titel zu Recht: David Michael Stith schreibt Songs, die wie Geister klingen, wie Visionen und Stimmen aus einer anderen Welt. Er interpretiert sie mit akustischer Gitarre, Streichern, Piano, Händeklatschen, frei schwebenden Chören, aber auch dem Knarren alter Türen und vor allem mit seiner androgynen, zwischen charismatischer Präsenz und ätherischer Jenseitigkeit schwebenden Stimme, die den überirdischen Charakter seiner Songs noch vertieft.Mäandernde MelodienDer Opener «Isaac’s Song» ist eine von rhythmisch unregelmässigen, aber hartnäckig wiederholten Piano-Akkorden getragene Anrufung Gottes durch Isaak – kurz bevor er von seinem Vater Abraham geopfert werden soll. Nach diesen knapp 100 verstörenden Sekunden ist die Realität verdrängt, und wir stecken mittendrin in DM Stiths nächtlichen Albträumen zwischen irrlichternden Geistern und eigenwilligen biblischen Bildern. Im folgenden «Pity Dance» schlafwandeln wir zu zurückhaltenden, folkigen Arrangements, einer mäandernden Melodie und vor allem einem ungemein spannungsvollen Songaufbau durch düstere, Gänsehaut bewirkende Klanglandschaften. In «Creekmouth» hallt die Spiritualität des Gospels nach, ein Eindruck, den DM Stith mit predigerhaftem Sprechgesang noch verstärkt.Egal wie karg und fragmentarisch gewisse Arrangements sind – die insgesamt zwölf Songs sind von einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Allerdings beschwört DM Stith Geister, reflektiert er biblische Glaubenssätze und schafft unheimliche Atmosphären nur, um seine inneren Dämonen zu exorzieren und die eigene Fragilität zu verarbeiten. Das tun viele seiner (anti-)folkigen Zeitgenossen – im Gegensatz zu ihnen unterläuft DM Stith jedoch die traditionellen Folkklischees und schafft mit ungewöhnlichen Stilmitteln eine sehr intime Identität zwischen Form und Inhalt, Musik und Aussage.«Heavy Ghost» ist eines der beachtlichsten Debüts des Jahres. Selten klang ein durchaus experimentell verspieltes Album so diszipliniert wie «Heavy Ghost», so durchdacht und stilsicher, so dicht auch und reif. Es ist düster und schwierig – und doch umfängt und verführt es, nicht zuletzt dank DM Stiths berückender Stimme, den Hörer mit einer Leichtigkeit und einer lauteren Schönheit, der man kaum widerstehen kann. So wie man sich seiner Träume beim Einschlafen nicht zu erwehren vermag.

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