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Eines Mannes letzte Fahrt

Dirty Harry ist ein alter Hund: Clint Eastwood spielt unter eigener Regie einen mürrischen, rassistischen Alten, der mit der Welt im Clinch liegt – und der auf seine alten Tage seine Vorurteile überwindet. Ein Vermächtnis? Ein aktueller, ein grosser Film.

Die Figuren, die Clint Eastwood in seiner langen und beispiellosen Karriere gespielt hat, haben längst ihren Ehrenplatz in der Filmgeschichte – und in seinem Antlitz. So etwa auch sein Cop Harry Callahan, den Eastwood in der Person des verbitterten Walt Kowalski aufleben lässt. Es ist kein Zufall, dass der erste «Dirty Harry»-Film bloss ein Jahr älter ist als der Ford Gran Torino, Baujahr 1972, der dem neuen Film des 79-Jährigen den Titel gegeben hat.

Der Gran Torino ist kein Prunkstück der US-Automobilindustrie, nur einfach der Vertreter einer Zeit, da in den USA Autos noch ohne Staatshilfe gebaut wurden. Heute gehen die Autobauer an Staatskrücken wie die US-Banken – der Gran Torino ist nur noch Nostalgie. Aus einer anderen Zeit kommt auch Walt Kowalski, ein Arbeiter, der seinen Gran Torino hütet wie seinen Augapfel. In Korea hat der Rentner für seine Heimat gekämpft, ein Leben lang hat er für Ford gearbeitet. Im Alter findet sich Kowalski als letzter Kämpfer an einer neuen Front: Einwanderer aus Südostasien haben sein geliebtes Quartier in den Suburbs von Detroit eingenommen. Dass diese zum Volk der Hmong gehören, das in Vietnam an der Seite der USA gegen den Vietcong gekämpft hat, interessiert ihn nicht. Asiaten haben seiner Meinung nach hier nichts verloren.

Wenn Clint knurrt

Das obligate Bier in der Hand, die amerikanische Flagge im Rücken, den Gran Torino in der Garage und seinen Hund Daisy als letzten Begleiter neben sich: So hält Kowalski von seiner Veranda aus einsam und allein Wacht. Seit dem Tod seiner Frau, mit deren Begräbnis der Film beginnt, ist seine Isolation noch grösser geworden. Überall sieht er nur Zerfall, für die Welt hat er bloss noch das Knurren eines alten Hundes übrig: Er knurrt, wenn er das Piercing seiner Enkelin sieht; er knurrt angesichts des japanischen Autos, das sein missratener Sohn fährt; er knurrt, wenn er die bittersüssen Wohlfühl-Worte des Priesters hört, der ihm die Beichte abnehmen will und ihn dabei erst noch duzt.

Walt Kowalski, das ist Dirty Harry im Alter. Mit der Flinte verteidigt er seinen Rasen gegen die «Gelben», gegen die «Schlitzaugen» mit ihren seltsamen Bräuchen. Sein «Get off my lawn» klingt wie Callahans legendäres «Make my day». Mit der Welt will er nichts zu tun haben – selbstverständlich aber lässt diese ihn nicht in Ruhe. Ja, es sind ausgerechnet seine vermeintlichen Feinde von nebenan, die ihn aus seiner Einsamkeit herausholen, und dabei spielt der Gran Torino eine entscheidende Rolle: Thao (Bee Vang), der Teenager der Nachbarsfamilie, wird von einer Gang gezwungen, Kowalskis Stolz zu stehlen. Dieser aber überrascht den Eindringling. Zur Strafe wird Thao von seinen Eltern gezwungen, für Kowalski zu arbeiten, was beiden nicht passt. So beginnt eine Annäherung, die Kowalski dazu bringt, seine Vorurteile zu überwinden. Er schwingt sich gar zum Beschützer von Thao und dessen Familie auf. Mit seiner Auge-um-Auge-Haltung setzt er aber eine Spirale der Gewalt in Gang und sieht sich an der Heimatfront mit der Schuld aus seiner Vergangenheit konfrontiert.

Abgesang auf eine Welt

In seinem Alterswerk mit Filmen wie «Unforgiven» hat sich Eastwood mehrfach mit den Folgen der Gewalt beschäftigt. Das ist auch in diesem Film, in dem sich komische, dramatische und tragische Dimensionen einmalig verbinden, ein zentraler Aspekt: «Gran Torino» erzählt von der umfassenden Läuterung des Walt Kowalski und distanziert sich zugleich von der Selbstjustiz-Ideologie von Dirty Harry. Das Drehbuch von Nick Schenk, einem Newcomer, ist dabei nicht frei von didaktischen Zügen. So etwa findet Kowalski ausgerechnet bei den Hmong jene Werte, die er in seiner Familie vermisst. Doch die Autorität und Präsenz von Eastwood machen noch die schematischsten Szenen zum Erlebnis. Da schwingt natürlich auch Wehmut mit. Man kann nicht wissen, ob dieser Auftritt vor der Kamera, vier Jahre nach «Million Dollar Baby», nicht auch Eastwoods letzter ist.

Ein Ereignis ist der mit bescheidenen Mitteln produzierte Film auch dank der souveränen, vollkommen unprätentiösen Regie des rastlosen Arbeiters Eastwood. Er macht kein Aufhebens, er filmt geradeaus, konventionell – hat man ihn deshalb bei den Oscars sträflich übersehen? In jedem Bild spürt man, dass hier einer am Werk ist, der niemandem etwas beweisen muss – und der auch im Alter ein konservativer Outlaw geblieben ist: So etwa nutzt Eastwood die Besuche von Kowalski beim Coiffeur zu herrlichen Attacken gegen die politische Korrektheit und lässt die beiden im rassistischen Vokabular schwelgen – das ist der Rap alter, weisser, proletarischer Amerikaner.

Über dem ganzen Film liegt viel Melancholie. «Gran Torino» ist der Film eines Mannes, der weiss, dass die Welt neue Helden braucht und der sich Sorgen macht um sein Land, das einst Autos baute wie den Gran Torino und Filme produzierte wie diesen. Filme, die auf leichte Art gewichtige Fragen verhandeln und zugleich eine starke Geschichte erzählen. Wenn Clint Eastwood am Ende gar noch einen Song haucht, dann wird «Gran Torino» zum berührenden Abgesang. Wer soll nun das Steuer übernehmen?

Der Film läuft ab Donnerstag in Bern in den Kinos Gotthard, Rex und Pathé Westside.

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