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Eine solche Jugend ist schwer

Die Jugend ist ein vielschichtiges Wesen. Weder kann man sie mit einem Label versehen, noch sollte sie in ein Korsett gepresst werden.

Stolzer Sieger: Till Beer (ganz rechts) holt im «Bund»-Essay-Wettbewerb den ersten Platz.
Stolzer Sieger: Till Beer (ganz rechts) holt im «Bund»-Essay-Wettbewerb den ersten Platz.
Adrian Moser
Sie sei «quasi der Ingwer auf der Sushiplatte»: Moderatorin Hazel Brugger.
Sie sei «quasi der Ingwer auf der Sushiplatte»: Moderatorin Hazel Brugger.
Adrian Moser
Thema des Essay-Wettbewerbes war: «Die heutige Jugend – ein Ausbund an Tugend?»
Thema des Essay-Wettbewerbes war: «Die heutige Jugend – ein Ausbund an Tugend?»
Adrian Moser
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Eine solche Jugend ist schwer. «Es scheint, als sei die Jugend heute eine, die sich wie beim Schach jeden nächsten Zug genau überlegt.» Vernünftig, vorausschauend, verlässlich. Die Karriere wird ebenso durchgeplant wie das Privatleben. Die Mutter des Essayisten, der dieses Bild vom Schachspieler für die eigene Generation benutzt, reiste als 19-Jährige nach Abschluss der Ausbildung für mehrere Monate in die Karibik – ohne Furcht, dass sie nach ihrer Rückkehr den Einstieg in das Berufsleben nicht schaffen würde.

So etwas sei heute kaum mehr vorstellbar, konstatiert der Sohn in einer Mischung aus Unglauben und Neid. Die Frage, die heute viele Jugendliche umtreibe, laute vielmehr: Kann ich mir diesen Luxus überhaupt leisten, nehmen während meiner Abwesenheit – aus der kein Praktikumsattest oder sonstige für den Lebenslauf nützliche Bescheinigungen resultieren – nicht andere meinen Platz ein und verschaffen sich so Startvorteile? «Was, wenn ich es nicht schaffe, den ‹Erfolgs-Zug› zu erwischen und alleine auf dem Gleis zurückbleibe?»

Die Kehrseite der Zielstrebigkeit

Der 10. «Bund»-Essay-Wettbewerb forderte die angeblich so brave und tugendhafte heutige Jugend heraus, sich zu erklären, gegen diese «Unterstellungen» zu rebellieren, ihre eigene Sicht der Dinge darzulegen. Dominiert tatsächlich eine stille Konformität, ist der Gehorsam im «Termitenhügel» die Tugend der Mutlosen? Eines zumindest lässt sich jenseits aller Pauschalisierung festhalten: Eine realistische, besonnene Jugend hat hier das Wort ergriffen, Angehörige der Generationen Y und Z vor allem, Digital Natives, die durchaus im Berufsleben Karriere machen wollen und denen Netzwerke wichtig sind. Nicht in erster Linie die Aussicht auf materielle Reichtümer treibt sie an, sondern das Streben nach Anerkennung. Aber da ist auch die Kehrseite dieser souveränen Zielstrebigkeit: Unsicherheiten werden verborgen, Image ist alles in einer Welt, in der das Internet, diese Verkaufs- und Selbstdarstellungsplattform des Ich, niemals vergisst.

«Bieder ist das neue Cool»

In einer Multioptionsgesellschaft aufwachsend und begleitet vom Mantra «Alle Türen stehen dir offen», sehen sich Jugendliche zwei potenziell lähmenden Tendenzen gegenüber: einer auf Dauer abstumpfenden Medienflut, die ein Schwarz-weiss-Weltbild verunmöglicht und hochfliegende Utopien bereits im Keim erstickt, sowie Elternhäusern, in denen Überfürsorglichkeit und falsche Toleranz zu wenig Reibung bieten. Auffallend oft ist in den Essays die Rede vom «Peter-Pan-Syndrom» der Älteren, vom Jugendwahn und von der Unverbindlichkeit der älteren Generationen. Alles steht Kopf, einst natürliche Gegensätze bilden heute einen formlosen Brei: frühvergreiste Jugendliche und penetrant auf Jugendlichkeit bedachte Ältere. Jugend aber wolle, dass man ihr befehle, damit sie die Möglichkeit habe, nicht zu gehorchen, zitiert eine Essayistin zustimmend Jean-Paul Sartre.

Und so läuft die Identität stiftende Abgrenzung teils gerade in die andere Richtung; «Bieder ist das neue Cool», lautet ein Credo. Man heiratet früh(er), hat jünger Kinder und lebt äusserlich bürgerlich. So irritiert diese Jugend vielleicht gerade mit einer subversiven Angepasstheit – einer Angepasstheit, die auch als Zerrspiegel gedeutet werden kann, den sie den älteren Generationen vorhält: So haben wir uns euch eigentlich gewünscht, um Widerstand leisten zu können.

Gefühl der Machtlosigkeit

Der Pragmatismus vieler Jugendlicher ist auch ein Spiegel des Zynismus unserer Gegenwart: Sie sind über das Internet jederzeit umfassend über alle Ungerechtigkeiten auf dieser Welt informiert, Leid und Elend werden ihnen im Liveticker präsentiert; gleichzeitig sind sie verständlicherweise auf ihr eigenes Wohlergehen und Fortkommen bedacht. Ein Gefühl der Machtlosigkeit mag dazu führen, dass viele sich auf die Optimierung des persönlichen Umfelds konzentrieren.

Er habe keine Hoffnung, dass diese Generation sich als Ganzes erheben werde, notiert ein Essayist. «Wogegen auch? Es ist doch alles gar nicht so schlimm, und ein klares Feindbild ist nirgends zu erkennen.» Vielleicht aber passiert bei dieser vernetzt denkenden und Extrempositionen abholden Generation Y/Z die Rebellion nicht wie 1968 oder 1980 lautstark auf der Strasse, sondern in den Köpfen. Noch ist sie versteckt. Was nicht heissen muss, dass es sie nicht gibt.

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