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Eine Brücke über Jahrtausende

Erstmals werden altägyptische Skulpturen den Figuren, Zeichnungen und Gemälden Alberto Giacomettis (1901–1966) gegenübergestellt. Dies ermöglicht wesentliche neue Einsichten in Giacomettis Schaffen.

Das Thema der Ausstellung wirkt überraschend, doch es gründet auf sicherem biografischem Boden. Schon als Gymnasiast hielt Giacometti einen Vortrag über ägyptische Kunst, und als Zwanzigjähriger schrieb er seinen Eltern aus Rom: «Die schönste Statue ist für mich weder griechisch noch römisch und schon gar nicht aus der Renaissance, sondern ägyptisch. . . . Die ägyptischen Skulpturen haben eine Grossartigkeit, ein Gleichmass der Linie und der Form, eine perfekte Technik, wie sie nachher niemand mehr beherrschte.»

Es war die Stilisierung in der ägyptischen Kunst, die Giacometti von da an Zeit seines Lebens faszinierte. Damals kaufte er auch das Buch «Die Plastik der Ägypter» von Hedwig Fechheimer. Während vieler Jahre brachte er darin und in einem anderen Werk zum selben Thema Randzeichnungen an, welche die Abbildungen auf persönliche Art interpretieren, wie eine Reihe von Fotokopien in der Ausstellung zeigt. Aber auch auf einzelnen Blättern beschäftigte er sich über Jahrzehnte hinweg zeichnerisch mit ägyptischen Kunstwerken. Dabei strebte er nicht eine abbildhafte Ähnlichkeit an, sondern erforschte den Aufbau, die Struktur, indem er diese mit mehrfachen parallelen Strichen betonend umkreiste und hervorholte.

Selbstporträt nach Echnaton

Auch im eigentlichen Werk Alberto Giacomettis zeigt sich der Einfluss der ägyptischen Kunst früh. In einem Selbstporträt des Zwanzigjährigen gleicht nicht nur seine Körperhaltung ägyptischen Darstellungen, sondern sein Gesicht ist nach dem bedeutendsten erhaltenen Porträt des Echnaton stilisiert, das er damals nach einer Fotografie abgezeichnet hat und das in Zürich auch im Original zu sehen ist – ein überzeugender Bezug gleich zu Beginn der Ausstellung. Eine konsequent auf abstrakten Formen aufgebaute Skulptur von Giacometti ist «Cube» von 1933/34, auch wenn er selbst sie als Kopf betrachtete und ein Selbstbildnis in sie einritzte. Ihr ist die Würfelstatue des Senenmut (um 1470 vor Christus) gegenübergestellt, in deren geometrische Grundform zwei Köpfe als figürliche Elemente eingefügt sind. In ihrer äusserlichen Ausformung wirken die beiden Werke zwar unterschiedlich, doch entsprechen sie einander in ihrem klaren Aufbau und ihrer starken sinnlichen Kraft und Präsenz.

Gespanntes Schreiten

Mit der Lösung vom Surrealismus und der erneuten Zuwendung zum Bild des Menschen beginnt für Giacometti um 1935 eine neue Phase intensiver Beschäftigung mit der ägyptischen Kunst. Diese wirkt sich allerdings erst nach 1945 in der Werkgruppe der dünnen, überlangen, zerklüfteten Figuren aus, an die man bei seinem Namen zuerst denkt. Im Gegensatz dazu haben die ägyptischen Skulpturen eine gespannte Oberfläche und klare, erfüllte Volumen. Betrachtet man aber die Haltung, so sind die Parallelen frappant. Figuren wie «Homme qui marche» stehen genau wie die sogenannten Stand-Schreitfiguren aus Ägypten in einer Position gespannter Ruhe oder, wie Thomas Mann es formuliert hat, sie sind «stehend im Gehen und im Stehen gehend». Leben ist Bewegung, das wusste Giacometti, doch er suchte sie nicht in ausufernder Dynamik, sondern in ihrer höchsten Konzentration, und deshalb war ihm die Haltung der ägyptischen Figuren ein Vorbild. Dazu gehört auch die grosse und massive Basis, auf der sie stehen und die mit statischen Gründen nicht zu erklären ist, sondern dem virtuellen Schreiten den Raum schafft. Auch andere Beispiele zeigen: Es sind nicht die Details, sondern der gefasste Ausdruck, die strenge, würdevolle Haltung, der verinnerlichte und gleichzeitig in eine unbestimmte Ferne gerichtete Blick der ägyptischen Skulpturen, welche Giacometti auf seine eigene Art aufnahm und umsetzte.

Mit neuen Augen

Die Idee zur Ausstellung geht auf Dietrich Wildung, den Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin zurück. Er erzählt, er befasse sich seit vielen Jahren mit den Bezügen zwischen seinem Fachgebiet und der Gegenwartskunst. Dabei sei ihm klar geworden, dass sich kein Künstler so intensiv und ausdauernd mit der ägyptischen Kunst auseinandergesetzt habe wie Giacometti. Christian Klemm, Konservator der Alberto-Giacometti-Stiftung und der Sammlung im Kunsthaus Zürich, hat diese Idee aufgenommen und realisiert. In den Räumen sind verhältnismässig wenige Objekte zu sehen, doch in dieser Konzentration auf wesentliche Gegenüberstellungen liegt die grosse Qualität des Konzepts. Dank ihm betrachtet man die Werke von Giacometti, die man seit Langem zu kennen glaubt, mit neuen Augen, und man wird neben den ägyptischen Bezügen auch Eigenheiten entdecken, die nicht unmittelbar mit dem Thema zusammenhängen. Nicht zuletzt aber beeindruckt die Begegnung mit zwanzig hervorragenden ägyptischen Kunstwerken aus der Zeit von 2500 bis 400 v.Chr., die in schweizerischen Museen nicht eben im Überfluss vertreten sind.

Die Ausstellung dauert bis zum 24. Mai. Katalog Fr. 28.–.

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