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Ein Star hinter Gittern

Gestern Abend hätte Roman Polanski in Zürich für sein Lebenswerk geehrt werden sollen. Der Anlass wurde zu einem Trauerspiel.

Vor dem Kino Corso liegt der rote Teppich, aber die Kameras interessieren sich an diesem Abend mehr für ein paar von Hand bemalte weisse Laken und andere Protestnoten. «Gebt ihnen das Bankgeheimnis, nicht Roman Polanski», fordert ein Transparent. Freunde des Zurich Film Festivals verteilen Kärtchen zum Anstecken, darauf steht «Free Polanski».Der begehrteste Interviewpartner ist Otto Weisser, Fotograf für den «Playboy» und ein enger Freund des Regisseurs, der am Samstag bei seiner Einreise am Flughafen Zürich festgenommen wurde. Nach seiner Verhaftung, so heisst es aus Kreisen des Zurich Film Festivals, soll Polanski zwei Anrufe getätigt haben. Seinen Anwalt habe er angerufen und Karl Spoerri, den Ko-Direktor des Festivals.Jauslin lässt sich entschuldigenDer Star des Abends sitzt also im Flughafen hinter Gittern, aber die Festivalleitung hat sich entschieden, die Gala zu Polanskis Ehren trotzdem plangemäss durchzuführen. Das mag verständlich sein, aber es wirkt unter diesen Umständen eher makaber, wenn im Kino die übliche Durchsage erklingt: «Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung.» Und es wird nicht besser an diesem Abend, der von Beginn weg unter einem schlechten Stern steht.Im Saal bleiben viele Plätze leer. Von den geladenen Gästen mögen offenbar längst nicht alle einem Stargast die Ehre erweisen, der gar nicht da ist, weil er am Flughafen in Haft sitzt. Auf der Bühne begrüsst die Ex-Wetterfee Bettina Walch das Publikum und macht strahlend gute Miene zum bösen Spiel. Nadja Schildknecht, die Ko-Direktorin des Festivals, tritt ganz in Schwarz auf die Bühne und sagt: «Heute ist wirklich ein schrecklicher Tag.» Zu den rechtlichen Angelegenheiten wolle und könne sich das Festival nicht äussern, sagt Schildknecht. Sie zeigt sich aber schockiert und traurig über den Vorfall. Und sie weist darauf hin, dass Polanski seit vielen Jahren unbehelligt in Europa leben und arbeiten konnte. Die Festivalleitung, sagt Schildknecht, habe «zu keinem Zeitpunkt» Kenntnis gehabt von der geplanten Verhaftung Polanskis.An dieser Stelle hätte ein offizieller Gast die Laudatio auf Polanski halten sollen. Pikant daran: Als Redner war Jean-Frédéric Jauslin vorgesehen, der Direktor des Bundesamtes für Kultur. Jauslin liess sich gestern entschuldigen, stattdessen setzt nun Karl Spoerri als künstlerischer Leiter des Festivals zur Laudatio an. Nach wenigen Sätzen wird er durch einen nächsten Zwischenfall unterbrochen: Ein Zuschauer im Saal erleidet einen epileptischen Anfall, draussen fährt die Ambulanz vor. Als Moderatorin des Abends beschwört Bettina Walch unerschütterlich eine «festliche Stimmung», die es längst nicht mehr gibt.Schon am Sonntagmorgen hätte im Kino Corso eine Masterclass mit Roman Polanski stattfinden sollen. Junge Filmemacher, aber auch etablierte Regisseure wie Christian Frei sassen da im Saal, als Karl Spoerri zur Begrüssung von einem «historischen Moment» sprach. Man hätte schon an seiner erstickten Stimme merken müssen, dass damit nicht der Auftritt von Polanski gemeint sein konnte.Bleibt also die bittere Ironie der ganzen Geschichte: Spätestens seit diesem turbulenten Sonntag kennt man das kleine Zurich Film Festival auf der ganzen Welt. >

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