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Echt Unechtes und unecht Echtes

Zusammen mit dem Geiger Linus Roth und dem Schauspieler Stefan Suske begeisterten das Berner Symphonieorchester und Andrey Boreyko mit einem Originalwerk sowie originellen Bearbeitungen und witzigen Stilparodien

Mit seinem zweiten Abonnementskonzert (grüne Reihe) im Grossen Saal des Kultur-Casinos sprengte das Berner Symphonieorchester gleich mehrere Grenzen: Mit rund hundert Minuten Musik gehört das Konzert zu den längeren, weswegen einige Zuhörer frühzeitig den Saal verliessen. Damit verpassten sie das finale Stilkuddelmuddel von Richard Strauss’ Schauspielmusiksuite zu «Le Bourgeois gentilhomme», welche sich nicht nur über stilistische Zäsuren hinwegsetzte, sondern auch die Musik hin zur Sprache erweiterte. Auch das allseits bekannte Violinkonzert von Ludwig van Beethoven D-Dur op.61 geht zumindest im episch ausladenden Kopfsatz über die Gepflogenheiten eines klassischen Solokonzerts hinaus und gebärdet sich wie eine Sinfonie mit obligater Violine. Davon liess der junge deutsche Geiger Linus Roth freilich nur wenig spüren. Mit fülligem Ton und ausladendem Vibrato nahm er nach einem soliden Beginn des Orchesters die aufsteigenden Oktaven in Angriff. Der Geiger als EdelmannDas von Beginn weg vorherrschende, wenig differenzierte Forte sicherte ihm im grossen Casinosaal zwar in jedem Moment die Präsenz, schränkte die Gestaltungsmittel während der langen elegischen Passagen aber doch empfindlich ein. Wechselte Roth nach einer Orchesterpassage in ein durchaus delikates Piano, unterlief er dessen Wirkung mit nachgerade eierndem Vibrato, das allenfalls im Forte Dramatik verleihen kann, ansonsten aber eher die Intonation trübt. Schliesslich verschleppte der Solist bisweilen das Tempo, statt mit kleinen agogischen Bewegungen den ansonsten seelenlos und gleichförmig, ja sogar etwas etüdenhaft wirkenden Läufen Plastizität zu verleihen. Eher entgegen kam Roth das Schlussrondo mit seinem Jagdthema. Der Geiger als Edelmann: Hier konnte der von Anne Sophie Mutter geförderte Musiker seine – allerdings nicht ganz lupenreine – Virtuosität ausspielen. Die ansonsten harte Bogenartikulation verstärkte hier die flotte Spielfreude, die dem sympathisch auftretenden jungen Geiger viel Beifall einbrachte.Bewusste StilbrücheMit seinen bewusst und hintersinnig eingesetzten Stilbrüchen wirkte die zweite Konzerthälfte mit Richard Strauss’ Suite zu Molières «Le Bourgeois» wie ein bösartiger Kommentar zum vorher Gehörten. Unter der gewohnt ziserlierten Zeichengebung von Andrey Boreyko liess das erlesene, vorwiegend aus den ersten Streicherpulten und den Bläsern des BSO zusammengestellte Kammerensemble eine herrlich affektierte Schauspielouvertüre entstehen. Mit welch stilfremden Harmonien auch der Continuopianist Gerardo Vila die pompöse, von wenigen Streichern in spätromantischen Klangfarben mit breiten Artikulationen geformte Sinfonia unterlegte, war schon ein ganz sublimer Spass. Der ehemalige Berner Schauspieldirektor Stefan Suske führte mit pointierten und vielstimmigen Kommentaren durch Molières Stück. In seiner nicht anders als musikalisch zu nennenden Sprechweise entsprach er dem Vorgehen seiner Mitstreiter, hielt das Publikum nicht minder gekonnt als das Orchester mit seinen Stilkapriolen bei der Stange und ermöglichte auch denjenigen, die Molières Stück nicht mehr ganz so präsent hatten, ein umfassenderes Verständnis des Gebotenen. Bei der Interaktion mit Dirigent und Orchester bewies Suske auch Gespür: Mit einigen leichten Pointen wurde der Bezug hergestellt, ohne ihn zu strapazieren.Das Orchester, allen voran der Konzertmeister Alexis Vincent und der Solocellist Constantin Negoita, nahm sich der mitunter technisch hochkomplexen Lully-Verballhornungen mit Leichtigkeit und Spielfreude an. Den Rahmen sprengte dann schliesslich das Diner, ein eigentlicher Schweinsritt durch die Musikgeschichte, auf dem Strauss auch nicht vor den eigenen grossen Schinken Halt machte und die breit orchestrierten Tondichtungen in Kammerbesetzung persiflierte.Dies machte die Aufgabe für die Musiker nicht einfacher – sie lösten sie aber trotzdem mit Bravour und dem nötigen wissenden Augenzwinkern, welches das Ganze echt unecht, gewissermassen als originelle Originalkopien erscheinen liess.>

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