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Die Königinnen sind losgelassen

Die Langeweile zu Beginn ist Konzept: Das «alte» Theater ist in der Inszenierung von

Schiller ist einfach nicht Shakespeare. Wie vergoldetes Blei fallen Schillers Verse zuerst zwischen die weit auseinanderstehenden Figuren in der Schiffbau-Halle, so ernst in allem, so hehr, so sehr künstlich, so höfisch steif. Es sind die letzten Tage der Maria Stuart (Jördis Triebel), einst Königin von Schottland und rechtmässige Anwärterin auf die Nachfolge ihrer Tante Elisabeth (Carolin Conrad), der Königin von England. Viele Probleme gibt es zwischen den beiden, etwa, dass Maria Katholikin ist und Elisabeth Protestantin, dass Maria – angeblich – ihren zweitletzten Gatten ermorden liess und den Mörder zu ihrem dritten Gatten machte, dass Maria, die mit 16 Königin von Frankreich wurde (1560, mit 18, war sie zum ersten Mal Witwe), Allianzen mit den Franzosen hat – und dass sie eine schöne, allseits begehrte Frau ist. Und deshalb sitzt Maria jetzt seit Jahren in einem Kerker der Elisabeth und wartet auf ihre Enthauptung.Maria sitzt in der RöhreAls Maria Stuart geköpft wurde, da war sie 42 und Tante Elisabeth 53, aber Schiller, der Schlingel, wollte seine «Maria Stuart» (1800) von Anfang an mit zwei jungen, etwa gleichaltrigen Frauen besetzt haben, der Spannung und gewiss auch des Sex-Appeals wegen. Barbara Frey hat sich daran gehalten und hat zwei schöne, schnelle, schlaue Frauen einander gegenübergestellt. Beide analysieren mit blendender Schärfe das politische System, in dem sie stecken, sind dabei weit kühler und rationaler als all die Hofschranzen, die sie umgeben und die immer nur über Lügen und Intrigen den eigenen Vorteil zu vergrössern hoffen. Jördis Triebel als Maria ist sinnlich, stolz und störrisch, kein bisschen verzweifelt, königlich in ihrer Selbstgerechtigkeit und stark – wie einen lästigen Hund schüttelt sie den Mann ab, der sie bedrängt. Ihre Körperlichkeit wirkt ein wenig wie diejenige von Veronika Ferres, bloss mit Stil.Aber eben: Zunächst ist die Inszenierung schwer, fast tödlich schwer, die Gewänder historisch verbrämt, die Gesten spärlich – da ist kaum Leben vorhanden, wenn nicht Graham F. Valentine aus einer Mauernische heraus alte englische Weisen klagen würde. Natürlich ist das schön. Und natürlich ist das Bühnenbild toll, dieses industrielle Röhrensystem von Ausstattungsleiterin Bettina Meyer, das so organisch in die Halle passt und die Eingeweide eines Systems verkörpert, das Maria und Elisabeth seit einigen Generationen verbindet. In der dicksten dieser Röhren, die nirgendwohin führt, ist Elisabeths auswegloses Gefängnis, ein massiver Deckel öffnet sich, drinnen ist es vermoost und vermodert. Auch der erste Auftritt der Elisabeth ist einer, wie man ihn kennt: Wie einst Bette Davis in den alten Elisabeth-Filmen hält sie betont ruppig, burschikos und im prächtigen Kleid Hof, und die Kritikerin denkt: «Wie sag ichs bloss meinen Lesern?» Doch allmählich wird Barbara Freys Inszenierung zum Ereignis. Allmählich fällt das Historische von den Figuren ab, hier fehlt ein Kragen, da ein Ärmel, die Wämser fallen und die Röcke auch, die Härte verschwindet von den Gesichtern, die Gänge werden verspielter, die Figuren immer reicher und moderner, das Drama so packend, dass die letzten fünfzig Minuten wie zehn erscheinen. Die Langeweile zu Beginn, die war Konzept, begreift man da, dieses «alte» Theater war nur das Vorwort zu einem sehr zeitgemässen Drama über zwei mächtige Frauen, die in den teuflisch berechnenden Umständen, die sie selbst auch mitgeschaffen haben, niemals glücklich werden können. Und es ist auch ein Stück über das Theatermachen selbst: Zwar kann sich die Regie noch so befreit geben, das Schicksal der beiden Frauen ist ewig gültig. Wie klug.Zitternd vor BegierdeUnd wie verblüffend, dass diese schillerschen Papierfiguren plötzlich so viel Leben gewinnen! Mortimer etwa, dieser arme Tropf, protestantisch erzogen, mit zwanzig in Rom katholisch erleuchtet und schliesslich nach England zurückgekehrt mit der festen Absicht, Maria Stuart, die schöne katholische Märtyrerin, erst zu retten und dann zu besitzen. Jirka Zett spielt diesen Mortimer sehr berührend, zitternd vor Aufregung und Begierde, viel zu naiv und verträumt für seine grosse Tat, und als sein Rettungsplan schliesslich fehlschlägt, da rammt er sich nicht etwa heroisch seinen Dolch in die Brust, sondern schreit wie ein allein gelassenes kleines Kind, schneidet sich erst in die Hand, sticht sich dann in den Bauch, dann ins Herz und kriecht wie ein verwundetes Tier in eine der Röhren. Und auch Graf von Leicester (Frank Seppeler), dieser unerträglich opportunistische Geck, der seine Zuneigung ganz egoistisch zwischen Maria und Elisabeth hin und her flattern lässt, entpuppt sich als grandiose opportunistische Hassgestalt. Leicester ist übrigens Elisabeths letzte Enttäuschung. Nach Marias Tod besteigt er ein Schiff nach Frankreich, Elisabeth ist allein und verzweifelt, selbst der väterliche Freund Shrewsbury (wen könnte man sich dafür mehr wünschen als Siggi Schwientek) hat sich von ihr zurückgezogen. Carolin Conrad ist in diesem Moment ganz in der Gegenwart, ihr Kostüm jetzt ein schwarzes Negligé, ihr Gesicht fern von jeder höfischen Repräsentationspflicht, ganz weich, ganz verletzt, wie die junge Juliette Binoche sieht sie aus. Die jungfräuliche Königin ist jetzt eine kindliche Königin, man hält den Atem an, und das Stück könnte in diesem Augenblick auch «Elisabeth – nach Schillers ,Maria Stuart‘» heissen.Danach viele Bravorufe für Conrad, für Triebel, für Frey und langer Applaus für alle zusammen. Und so geschah es also, dass an diesem denkwürdigen Donnerstagabend im September Barbara Frey die Königinnen losliess und die Gunst des Volkes gewann.Vorstellungenbis 18. Oktober. www.schauspielhaus.ch>

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