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Die Erinnerung an ein anderes Leben

Klaus Merz, ein Meister der kleinen Form, bleibt sich treu. Sein jüngstes Buch ist eine Hommage an einen, von dem es heisst, er sei ein turnierreifer Tangotänzer gewesen.

Auch wenn er auf dem heimischen Parkett stets den lustlosen Tänzer mimte, das Gerücht hielt sich hartnäckig: Er, der in sich gekehrte Dorfschullehrer, sei ein grandioser Tänzer. Selbst Amelie, «seine schöne, lebensfrohe Frau, (...) glaubte im Stillen noch während Jahren daran». Und in der Tat, er hat es in Buenos Aires bis zum turnierreifen Tangotänzer gebracht und dann das Schiff zurück in die Alte Welt bestiegen, wie er in den handschriftlichen Aufzeichnungen notiert, die er an seinem Sterbetag auf einem Fensterbrett hinterlässt.

Doch was hat den jungen Mann nach zwei Jahren in Argentinien zurückgetrieben in die Schweiz? War es die Sehnsucht nach Amelie, oder lag es an der Schweizer Krankheit, dem Heimweh, das manche Eidgenossen in der Ferne überfällt? Die Fragen bleiben offen. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wollte er, der 1924 Geborene, weg «aus der alten, auf Grund gelaufenen Welt», um in Argentinien ein Gaucho zu werden. Ein hartnäckiger Heuschnupfen machte diesen Traum zunichte; er wurde Tangotänzer und zu Hause «für den langen Rest seines beruflichen Alltags» Lehrer in einer kleinen Dorfschule. Unzufrieden oder frustriert aber war er nicht. Vielmehr habe er sich, so heisst es einmal, an Camus’ Rat gehalten, «man müsse sich Sisyphus glücklich denken».

Die Enkelin und ihr Schulkamerad

Der 63-jährige Aargauer Klaus Merz, ein Meister der kleinen Form und Autor so unvergesslicher Bücher wie «Jakob schläft» oder «Los»,wählt für seine Novelle «Der Argentinier» eine ungewöhnliche Perspektive: Da erzählt nicht der geheimnisvolle Mann oder seine Enkelin Lena, die sich vor Wochenfrist an seinem Begräbnis von ihm hat verabschieden müssen. Es ist ein Schulkamerad, der die junge Frau an einer Klassenzusammenkunft trifft. Er lauscht ihren Worten und gibt sie über weite Strecken in indirekter Rede zu Protokoll. Das mag vielleicht etwas gespreizt klingen, ist es aber überhaupt nicht. Denn diese Ich-Figur, von der wir nur wissen, dass sie Theologie studiert hat und kinderlos ist, nimmt sich ganz zurück und wird gewissermassen zum Ohr des Lesers.

Auch Lena, Kuratorin einer Privatsammlung, geschieden und ebenfalls kinderlos, gibt kaum etwas von sich preis. Einmal heisst es: «Als hätten wir beide den Eindruck, doch noch zu wenig gelebt, gehört und gesehen zu haben, um davon auch wirklich erzählen zu müssen, wandten wir uns wieder dem Argentinier zu.» Das tun sie ausführlich und kommen sich dabei näher – so nahe, dass Lena ihren Zuhörer zum Tango auffordert.

Die Kritik am Zeitgeist

Merz ist ein gewiefter Erzähler, der die Kunst des Weglassens und Aussparens beherrscht. Mit einer Ausnahme: Allzu explizite Kritik am Zeitgeist – mag sie noch so berechtigt sein – kippt in einem literarischen Text leicht ins Traktathafte. Selbst der ansonsten sehr zurückhaltende Ich-Erzähler fällt einmal aus seiner Rolle und mokiert sich über all jene, die für ihre Abenteuer eine «Fernsehanstalt als Begleiterin» suchen.

Merz’ wiederum erwiesene Stärken als Schriftsteller liegen in seiner Liebe zum Menschen, seiner Empfindsamkeit für Tod und Trauer – ungemein zart beschreibt er den Hinschied des noch keine fünf Jahre alten Sohnes von Amelie und ihrem Mann – und in seinem Gespür für den Kern einer Geschichte, den er Schicht um Schicht freilegt. In «Der Argentinier» ist es die Erinnerung an ein anderes Leben, die der Grossvater bis zu seinem Tod hütete wie ein kostbares Geheimnis.

Klaus Merz: Der Argentinier. Novelle. Mit drei Pinselzeichnungen von Heinz Egger. Haymon, Innsbruck 2009. 97 S., Fr. 27.50.

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