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Der Reiz des Verrats

Raffiniert setzt Tony Gilroy seine Stars Julia Roberts und Clive Owen in Szene, mixt Filmgenres und rechnet satirisch mit der Welt der Grosskonzerne ab. Sein Film «Duplicity» ist intelligent, verspielt, böse. Nur romantisch ist er leider nicht.

Julia Roberts und Clive Owen in «Duplicity». (zvg)
Julia Roberts und Clive Owen in «Duplicity». (zvg)

Julia Roberts und Clive Owen gemeinsam in einer Agenten- und Liebeskomödie: eine todsichere Erfolgsformel, möchte man meinen. Die «Pretty Woman» zählt nach wie vor zu den grössten Stars des Weltkinos, auch wenn sie sich in letzter Zeit mehr um ihre Kinder als um die Karriere gekümmert hat. Der Brite Owen, der bereits in «Closer» (2004) gemeinsam mit Roberts auf der Leinwand überzeugte, beweist selbst in zusammengeschusterten Zeitgeist-Filmen wie «The International», dass er ein besserer Bond als Daniel Craig wäre. Wenn mit Tony Gilroy, dem Autor der «Bourne»-Filme und Regisseur des düsteren Justiz- und Wirtschaftskrimis «Michael Clayton», noch ein raffinierter und ambitionierter Filmautor die Inszenierung übernimmt, dürfte eigentlich nichts mehr schiefgehen.Wer braucht wen?Julia Roberts spielt die CIA-Agentin Claire Stenwick, Clive Owen ihren Konkurrenten Ray Koval, der für den britischen MI6 engagiert ist. Bei einem Empfang der amerikanischen Botschaft in Dubai knistert es zum ersten Mal zwischen den beiden – glaubt jedenfalls Ray, bis er am Morgen danach aus seiner Betäubung aufwacht und feststellen muss, dass seine Eroberung ihn um wichtige Dokumente erleichtert hat.Fünf Jahre später ist aus den Gegnern von einst ein Liebespaar und Team geworden: Claire und Ray haben den Staatsdienst quittiert und agieren nun als Industriespione in eigener Sache, was unvergleichlich lukrativer zu werden verspricht. Sie arbeiten für zwei verfeindete Konzerne, die ihr Geld in einem Bereich verdienen, den man schwerlich als glamourös bezeichnen kann: Equikrom, geführt von Dick Garsik (Paul Giamatti), und Burkett & Randle unter der Leitung von Howard Tully (Tom Wilkinson) bekämpfen sich im Bereich von Toiletten- und Kosmetikartikeln. Es geht hier also nicht um Männer, welche die Welt mit bösen Banken, neuen Technologien oder schlichter Waffengewalt dominieren wollen, sondern um einen Kampf auf dem Feld von Shampoo und Pampers. Dass er auf satirische Mittel setzt, demonstriert Gilroy gleich zu Beginn des Films, als er in extremer Slowmotion zeigt, wie die beiden Wirtschaftskapitäne vor ihren spiegelbildlich angeordneten Firmenjets aufeinander losgehen – ein absurdes Ballett mit Wilkinson und Giamatti als comichaft verzerrten Karikaturen: Tom gegen Jerry.Aus deren Kampf um die Weltherrschaft bei Cremes und Lotions versuchen Claire und Ray Kapital zu schlagen. Wie die beiden nach dem ersten Rendezvous zueinander finden und einen Plan entwickeln, der sie aller Geldsorgen entheben soll, enthüllt Gilroy Stück für Stück in Rückblenden. Diese narrative Strategie sorgt zwar für ein kurzweiliges Hin und Her zwischen Zeiten und attraktiven Schauplätzen, die auch Bond gefallen würden, kompliziert die Story aber zusätzlich. Noch komplexer wird das Ganze, weil Claire und Ray Opfer ihrer Déformation professionelle sind: Sie kennen einander zu gut, um sich vertrauen zu können.Bis zur ErnüchterungVorwärtsgetrieben von lässig-swingendem Retro-Sound und verpackt in coole Hochglanzbilder, entwickelt der Film zunächst viel Drive. Raffiniert arrangiert Gilroy das Geschehen zwischen Chefetagen, Spionageabteilungen und Liebesbetten, in denen sich Claire und Ray belauern, zu intelligenter Unterhaltung. Die geschliffenen Dialoge sind ein Vergnügen, das Timing ist perfekt. Klug auch, wie Gilroy eine Beziehung analysiert, die ihren romantischen Reiz aus der Gefahr des Verrats entwickelt.Doch je länger «Duplicity» dauert, desto mehr weicht das zunächst grosse Vergnügen leiser Ernüchterung. Das fintenreiche, tendenziell unendliche Spiel mit Täuschungen verliert an Wirkung, die Romanze, die Agentenpersiflage und die Wirtschaftssatire legen sich gegenseitig beinahe lahm. Giamatti und Wilkinson werden zu Konkurrenten für Roberts und Owen, zwischen denen es weniger prickelt, als man sich wünschen würde. Der Film, eine Art «Mr. & Mrs. Smith» für Anspruchsvolle, wird Opfer seiner eigenen, zersetzenden Cleverness – was immerhin wieder zur Story passt.

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