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Der Jaguar lebt hier nicht mehr

Im grossartigen Spielfilm «Birdwatchers» des Chilenen Marco Bechis stellt sich eine Gruppe Guarani-Indianer aus dem brasilianischen Dschungel einem weissen Grossgrundbesitzer entgegen.

Pfeile schnitzen für Touristen: Guarani-Indianer auf dem gerodeten Land ihrer Ahnen im Mato Grosso do Sul. (Marie Hippenmeyer)
Pfeile schnitzen für Touristen: Guarani-Indianer auf dem gerodeten Land ihrer Ahnen im Mato Grosso do Sul. (Marie Hippenmeyer)

Am Beginn von «Birdwatchers» sieht man die Welt aus der Vogelperspektive: In luftiger Höhe gleitet die Kamera sanft über das Dickicht des Urwaldes im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Dann taucht sie hinab in das Grün und stöbert ein paar Touristen auf, die auf einem Fluss umherschippern. Die Naturkundler sind auf der Suche nach exotischen Vogelarten, stossen stattdessen aber plötzlich auf ein paar Wilde, die schweigend am Ufer stehen und starren. Nackt, in Kriegsbemalung, Pfeil und Bogen im Anschlag. Für die Touristen ist das ein «Heart of Darkness»-Moment, ein gehöriger Schreck.Für die Indianer vom Stamme der Guarani hingegen ist es ein Geschäft. Kaum ist das Boot ausser Sichtweite, schlüpfen sie wieder in Jeans und T-Shirt – und kassieren das Honorar, das ihnen ein weisser Grossgrundbesitzer für diesen Auftritt zahlte. Der Eigentümer einer Feriensiedlung ist darauf angewiesen, dass seine ausländischen Gäste mit möglichst intensiven Eindrücken aus dem Dschungel heimkehren. Bitteres LachenDiese Eröffnungssequenz ist nicht ohne lakonischen Witz. Der chilenische Regisseur Marco Bechis wird ihn im Folgenden noch ein paar Mal pflegen. Das Lachen, das aus solchen Szenen resultiert, kann den bitteren Ernst des Geschehens freilich nicht übertönen. Der grossartige Film «Birdwatchers» handelt von Indianern, die nur noch als Indianerdarsteller gefragt sind. Ihr ursprüngliches Leben dagegen hat man ihnen längst schon geraubt. Die Guarani leben im Reservat, leisten schlecht bezahlte Aushilfsdienste auf den grossen Farmen der Weissen. Ab und zu ergattern sie ein bisschen Alkohol, der ihnen eigentlich streng verboten ist. Die Selbstmordrate, das zeigt der Film gleich zu Beginn, ist immens – gerade unter den Jungen. Nach dem Freitod zweier weiterer Indianer beschliesst der Anführer Nadio (Ambrôsio Vilhava) zu handeln. Seine Leute verlassen das Reservat, das ihnen so viel Elend bringt. Sie kehren zurück auf das Land ihrer Ahnen. Heute freilich besitzt der Grossgrundbesitzer (Leonardo Medeiros) ein Stück Papier, das ihn als legitimen Besitzer ausweist.Stoff, aus dem die Western sindDer Kampf ums Land: Das ist der Stoff, aus dem die Western sind. Tatsächlich zählt auch Bechis Werk mit seiner rauen, kraftvollen Intensität zu dieser Kategorie. Seinen fantastischen Laiendarstellern führte der Regisseur den Italowestern «C’era una volta il West» vor, um zu zeigen, dass ein Blick (und ein kluger Schnitt) mehr erzählen kann als tausend Worte. Die Guarani, die noch nie vor einer Kamera standen, haben gut zugehört. Sie sprechen mit ihren Körpern, mit Blicken voller Schmerz und Unglück. Aber auch voller Trotz, voller Beharrungsvermögen, das ihren weissen Opponenten imponiert. Durchaus auch im sexuellen Sinn, wie man an der Tochter des Grossgrundbesitzers (Fabiane Pereira da Silva) merkt, die sich zu einem jungen, schamanisch begabten Guarani (Abrísio da Silva Pedro) hingezogen fühlt. So kommt es zu Allianzen zwischen den Parteien, zu flüchtigen Freundschaften. Es kommt jedoch auch zu Verrat. Zu einer Bluttat, die macht, dass die Guarani erneut ihre Kriegsbemalung anlegen. Diesmal nicht, um ein paar harmlose Touristen zu erschrecken. Die Kuh als grösster FeindSo beeindruckend die Leistung der Darsteller, so überlegt ist die Dramaturgie, die einen Jahrhunderte alten Konflikt in eine prägnante Form gebracht hat – ohne es sich bei der Problemschilderung zu einfach zu machen. Bechis ist nicht gekommen, um zu (ver-)urteilen. Er will erzählen, was ist. Alles was man sieht, beruht auf seiner monatelangen Recherche. Auch er hat also genau zugehört und den Guarani mit seinem Film nun eine Stimme gegeben. Sie sprechen ehrfürchtig vom Jaguar, den man im Wald jage und der dennoch ein Freund bleibe. Von der Schlange, die man jage und die dennoch ein Freund bleibe. Die Kuh jedoch, die auf den von den Weissen gerodeten Flächen grast, nennen die Guarani ihren grössten Feind.Zum Schluss, nach einem verstörenden, irgendwie jedoch auch halb optimistischen Schluss, erhebt die Kamera sich wieder in die Höhe und zeigt, was das Nutztier für die Guarani bedeutet. Der Urwald ist ihr unverzichtbarer Lebensraum. Doch das Grün, das am Beginn so unendlich wirkte, ist nur noch ein schmales, von gigantischen Ackerflächen umschlossenes Band.

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