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«Das Recht muss man vollziehen»

Das Zürcher Filmfestival wurde zu Roman Polanskis Verhängnis: Als die US-Behörden vom geplanten Auftritt des Regisseurs erfuhren, forderten sie von der Schweiz formell dessen Verhaftung.

Am Samstagabend schlug die Zürcher Kantonspolizei zu: Sie nahm Roman Polanski unmittelbar nach der Landung seiner Maschine in Zürich-Kloten fest. Statt wie geplant im Nobelhotel Baur au Lac, wo der Regisseur mit seiner Frau Emmanuelle Seigner abgestiegen wäre, weilt er nun im Zürcher Polizeigefängnis in provisorischer Auslieferungshaft.Noch im Frühling reiste Polanski unbehelligt durch Europa. Der in Paris wohnhafte französisch-polnische Regisseur drehte in Berlin seinen Film «The Ghost». Obwohl seit 2005 ein internationaler Haftbefehl gegen Polanski vorlag, unternahmen die deutschen Behörden nichts. Möglicherweise übten auch die US-Behörden keinen besonderen Druck aus, denn sie hatten Polanski einen Deal vorgeschlagen: Sollte er bis zum 7. Mai vor einem Gericht in Los Angeles vorsprechen, würde sein Antrag auf Verjährung behandelt. Polanski erschien jedoch nicht, der Antrag wurde abgelehnt – und die US-Fahnder bliesen definitiv zur Jagd auf den 76-Jährigen.«Rein juristische Frage»Als die US-Behörden darauf von Polanskis Besuch in Zürich erfuhren, handelten sie. «Das US-Justizdepartement hat im Vorfeld des Zürcher Filmfestivals einen formellen Antrag auf Verhaftung von Herrn Polanski gestellt», sagte Brigitte Hauser, Informationschefin des Justizdepartements. Und Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf erklärte am Rande einer Pressekonferenz zu den eidgenössischen Abstimmungen: «Es gab für die Schweiz gar keine andere Möglichkeit. Das Recht muss man vollziehen. Bei jedem anderen Bürger wäre auch klar, dass man ihn ausliefert.» Weiter sagte Widmer-Schlumpf, es gehe um einen Straftatbestand, der «nicht einfach ein Kavaliersdelikt ist». Vielmehr werde Polanski ein schweres Vergehen vorgeworfen, das nun auch in der Schweiz unverjährbar sei. Auf politischer Ebene sei der Fall zwischen der Schweiz und den USA nie ein Thema gewesen. «Hier geht es um eine rein juristische Frage. Da hat die Politik zu Recht nichts zu sagen», betonte Widmer-Schlumpf.Die USA haben nun maximal 60 Tage Zeit, ein definitives Auslieferungsgesuch zu stellen. Falls Polanski einem vereinfachten Verfahren zustimmt, könnte er bereits in ein paar Tagen an die USA ausgeliefert werden. Er kann jedoch den Haftbefehl und einen Auslieferungsentscheid bis vor Bundesgericht anfechten. Polanskis französischer Anwalt Georges Kiejman hat bereits angekündigt, gegen die Festnahme seines Mandanten Widerspruch einzulegen. Kiejman ist ein Spezialist für spektakuläre Fälle: Er brachte die Scheidung von Cécilia und Nicolas Sarkozy über die Bühne und vertrat die Familie der Schauspielerin Marie Trintignant im Prozess gegen den Rocksänger Bertrand Cantat, der seine Geliebte im Drogenrausch erschlagen hatte.Folge der Verjährungsinitiative?Wenig wahrscheinlich ist, dass Polanski gegen Kaution auf freien Fuss gesetzt wird. «Das ist theoretisch möglich, kommt bei einer Auslieferungshaft jedoch nur in absoluten Ausnahmefällen vor», sagt Guido Balmer vom Bundesamt für Justiz. Dass Polanski nicht bereits bei einer früheren Einreise verhaftet worden war – der Regisseur hielt sich regelmässig in seinem Chalet in Gstaad auf –, begründete Balmer so: «In der Regel wissen wir nicht, wann gesuchte Personen einreisen. Diesmal wusste wir es aber genau.»Ein möglicher Grund für Polanskis Verhaftung könnte auch der Trend sein, ältere Fälle von Kindsmissbrauch wieder zu ahnden – dies im Zusammenhang mit dem Schengen-Abkommen und mit internationalen Rechtshilfeabkommen. Dies vermutet ein auf Rechtshilfe spezialisierter Jurist. Auch in der Schweiz sei mit der Annahme der Verjährungsinitiative 2008 für solche Delikte die Verjährung abgeschafft worden. Der Jurist ist überzeugt, dass im Fall Polanski der sogenannte Ordre-public-Vorbehalt nicht mehr zum Tragen gekommen ist. Der Vorbehalt beinhaltet, dass ausländische Entscheide ausnahmsweise nicht vollstreckt werden, wenn sie wesentlichen Grundsätzen des inländischen Rechts widersprechen. Das heisst, vermutlich wäre Polanski in der Vergangenheit in der Schweiz nicht verhaftet worden, weil die Tat hier schon längstens verjährt ist. Doch die Verjährungsinitiative und die Verschärfung des neuen Strafgesetzbuches könnten Polanski zum Verhängnis geworden sein.>

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