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Buch der Ahnungen

Der preisgekrönte Österreicher Thomas Stangl ist ein Autor, der es sich literarisch nicht leicht macht. Davon zeugt auch sein dritter Roman «Was kommt».

Der dritte Roman von Thomas Stangl schliesst an den zweiten mit dem Titel «Ihre Musik» (2006) an. Mit vierzig wird Emilia Degen, heisst es am Ende von «Was kommt», eine Tochter zur Welt bringen, die «als ein Mensch aufwachsen (wird), ohne Zwang und Gewalt und Gespenster». Doch diese Prophezeiung, die eine glückliche Wendung nach der lähmenden Kriegszeit beschreibt, wird sich nicht erfüllen. In «Ihre Musik» schiebt Emilia ihre an Multipler Sklerose leidende Tochter Dora im Rollstuhl durch die Wiener Leopoldstadt, allmählich selbst ertaubend.Der Roman «Was kommt» verklammert im Wechsel zwei unverbundene Leben, die dieselben Strassen und Örtlichkeiten miteinander teilen. Emilia Degen beobachtet mit staunenden Augen, wie 1937 die Möglichkeiten der Freiheit immer kleiner werden – und wie nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland ihr jüdischer Freund Georg verschwindet. Die Buchhandlung seines Vaters in der Zirkusgasse bleibt verwaist, auf den Rollläden steht: «Ist in Dachau», daneben ein Davidsstern. Emilia wohnt mit ihrer Grossmutter zusammen, den Vater sieht sie nur hin und wieder zwischen dessen Reisen. Sie besucht die Schule, trifft sich mit Georg, lässt sich von ihm «Das Kapital» zur Lektüre empfehlen. Gemeinsam gehen sie ins Kino, und einmal besuchen sie ein Kellertheater, wo ein Stück des eben verhafteten (und später ermordeten) Jura Soyfer gespielt wird. Nach dem Anschluss im Frühjahr 1938 fehlt der Geschichtslehrer Steinitz in der Schule, den Emilia gemocht hat. Alles schleicht sich tückisch heran, offenbart sich ahndungsvoll nur im Einzelnen. Die Treppenhäuser riechen nach Karfiol, Essig, Kohle und Urin. Thomas Stangl, der bereits mit einigen Literaturpreisen ausgezeichnet worden ist, fängt die alltäglichen Verrichtungen und Gänge mit einer beeindruckend feinnervigen, sublimen Sprache ein. Der Beginn, das morgendliche Aufstehen, wird poetisch nachgebildet, indem verzweigte Satzstrukturen mit häufigen Klammerbemerkungen den Prozess des Wachwerdens für die Leser und Leserinnen erfahrbar machen. Auch sie müssen sich dieser Lektüre erst vergewissern, ihre Umstände ertasten und erkennen. Das schulische Ritual glättet danach die Sprache, ohne dass sie an Genauigkeit einbüsst. Konturen scheinen zu verschwimmen, und werden unvermittelt, überscharf erkennbar. Mensch oder Maschine?Auch der Vollwaise Andreas Bichler wohnt mit seiner Grossmutter zusammen, in einem Haus, in dem es unangenehm nach muffigem Alltag riecht. Aus dem Radio klingt frisch «I Don’t Like Mondays», um 1980 herum. Andreas «ist ein anderer» – möchte es sein. Er spürt eine unheimliche Wut über die Verlogenheit der Welt, ohnmächtig tobt es in ihm, «hätte er ein Gewehr, könnte er sie, einen nach dem anderen, erschiessen». In der Schule wird er gehänselt, doch später erfährt er, dass Hänseln eine Form der Zuneigung ist. Andreas schwebt auf der gefährlichen Wolke einer pubertären Melancholie zwischen fantastischen Lektüren und unerfüllter Sexualität. Cora Eisler bleibt für ihn unnahbar, auch als er von ihr und ihrem Freund in ein Kaffeehaus eingeladen wird. Sie möchten ihn in ihre politischen Diskussionen mit einschliessen, doch Andreas vertut sich dabei schrecklich. «Ich mag den Kreisky auch nicht», plappert er, «mit seiner Nase.» Unvermittelt spürt er die Macht seines Wortes – und fällt zugleich aus dem Kreis der Freunde. Mit der «Judennase» ist er bei ihnen unten durch. Es bleiben ihm die Lektüren. Sie vermitteln ihm Anregung, ein anderer zu sein, in schwebenden Zuständen: «Man kann sich nie sicher sein, ob man ein Mensch ist oder eine Maschine.»Von der Realität beraubtDas Faszinierende an Stangls Roman ist, wie er äusserst behutsam und diskret seine beiden Hauptfiguren sprachlich umgarnt. Die Parallelführung der zwei Biografien wird nie überstrapaziert, Andreas und Emilia leben in ungleichen Zeiten zwei ungleiche Leben – dennoch sind sie einander verwandt mit ihrer lähmenden Einsamkeit und Verlorenheit, mit ihren gestohlenen Träumen. Die Realität beraubt sie – auf unterschiedliche Weise – ihrer jugendlichen Naivität. Die Leopoldstädter Topografie bildet dafür die gemeinsame Kulisse, in der es überall «Eingänge in die wirkliche Welt, Verstecke, ausgeschnittene Räume» gibt. In schnellen Schnitten beschleunigen die letzten Kapitel die beiden Biografien und zeigen in ferner Zukunft, was noch kommt. Andreas wird durch eine Fensterscheibe Cora wiedersehen – und diese wird sich diffus an ihn erinnern und lachen. Emilia wird alles verlieren, Georgs Namen, Dora, die Erinnerung. Die beiden Stränge zerfasern am Ende förmlich. Mit seinem poetisch andeutenden, nie hinweisend erklärenden Verfahren entgeht der 43-jährige Thomas Stangl der Falle, dass er die ungleichen Zeiten miteinander gleichsetzt. Er betreibt vielmehr poetische Historiographie, indem er intime Gefühlslagen beschreibt und mit ihnen einen Reigen von Ähnlichkeiten und Differenzen sichtbar macht.

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