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Brillanter Lückenbüsser

Der Pianist Steve Kuhn legt eine unprätentiöse Hommage an John Coltrane vor.

Es waren acht intensive, herausfordernde und lehrreiche Wochen, die der Pianist Steve Kuhn Anfang 1960 in der ersten «working group» des Saxofonisten John Coltrane verbrachte. Diese Formation, die von Steve Davis (Bass) und Pete LaRoca (Schlagzeug) vervollständigt wurde, spielte an sechs Abenden pro Woche in der Jazz Gallery in New York. Coltrane hielt es allerdings nicht für opportun, mit diesem Quartett ins Studio zu gehen. Einer der Gründe: Der damals erst knapp 22-jährige Kuhn war nur ein Lückenbüsser für McCoy Tyner.Beinahe ein halbes Jahrhundert später erinnert sich Kuhn in einem Telefoninterview: «Als mich Coltrane in seine Band holte, sagte er mir nicht, dass eigentlich Tyner zuoberst auf seiner Wunschliste stand. Dass ich die Chance bekam, mit Coltrane zu spielen, lag daran, dass Tyner noch einen Vertrag mit dem Jazztet zu erfüllen hatte.» Von Coltrane sei eine geradezu unheimliche Energie ausgegangen, sagt Kuhn und fügt hinzu: «Er erhielt für jedes Solo eine Standing Ovation. So etwas hatte ich zuvor und habe ich seither nie mehr erlebt.» Abseits der Bühne erlebte Kuhn Coltrane als ernsten, schweigsamen und von seiner Musik besessenen Menschen.Komplex und statischColtrane befand sich Anfang der 60er-Jahre in einer Übergangsphase, und das schlug sich auch im Repertoire nieder – so machte Kuhn sowohl mit harmonisch komplexen Stücken aus der nur wenige Monate zurückliegenden Zeit von «Giant Steps» als auch mit neuen modalen, also harmonisch sehr statischen Nummern wie zum Beispiel «Impressions» Bekanntschaft. Noch weiter zieht Kuhn nun den Bogen auf dem Album «Mostly Coltrane» (ECM), nämlich bis zu den Nummern «Configuration» und «Jimmy’s Mode», die Coltrane (1926–1967) beide fünf Monate vor seinem Tod aufnahm.Von den Stücken, die er selbst mit Coltrane spielte, wählte Kuhn «Like Sonny», «Central Park West» sowie die Standards «I Want to Talk About You» und «The Night Has a Thousand Eyes» aus. Einen weiteren Schwerpunkt auf «Mostly Coltrane» bilden Stücke, die das sogenannte Classic John Coltrane Quartet (mit Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones) 1964/65 aufgenommen hat: «Crescent», «Welcome», «Song of Praise», «Living Space». Im Gespräch wird allerdings klar, dass nicht Kuhn, sondern Joe Lovano die Stücke aus Coltranes mittlerer und letzter Schaffensphase vorgeschlagen hat. «Ich lernte diese Stücke erst durch Lovano kennen. Die Originalaufnahmen habe ich mir nicht angehört, weil ich diese Musik auf meine eigene Art spielen will», sagt Kuhn.Veredler LovanoDer überragende Tenorsaxofon-Stilist, der zehn von dreizehn Nummern auf «Mostly Coltrane» mit seinem sinnlichen Sound und seinem unversiegbaren Ideenreichtum veredelt, spielte bei der Vorbereitung dieses Albums eine zentrale Rolle, wie Kuhn erläutert: «Seit einigen Jahren bestreitet Lovano mit mir und wechselnden Bassisten und Schlagzeugern im Birdland in New York immer ungefähr zur Zeit von Coltranes Geburtstag eine Konzertserie zu dessen Ehren. Im letzten Juli hat mein Trio, zu dem der Bassist David Finck und der Schlagzeuger Joey Baron gehören, mit Lovano ein Coltrane-Programm am Jazzbaltica-Festival in Salzau gespielt. Der Vorschlag, eine CD in dieser Quartett-Konstellation aufzunehmen, kam dann schliesslich von Manfred Eicher.»«Edition of Coltrane’s Music»Eichers Wunsch nach einer solchen CD war für Kuhn eine Überraschung. Tatsächlich ist das von Eicher 1969 in München gegründete Plattenlabel Edition of Contemporary Music (ECM) bisher kaum je mit derartigen Retro-Projekten in Erscheinung getreten. Auf den Alben, die Kuhn ab 1974 für ECM aufnahm, dominieren denn auch eigenwillige Eigenkompositionen des Pianisten – vor nicht allzu langer Zeit sind das Solo-Album «Ecstasy» (1974 aufgenommen) sowie die Quartettalben «Motility» (1977, u.a. mit dem Altsaxofonisten Steve Slagle) und «Playground» (1979, u.a. mit der Sängerin Sheila Jordan) in der von Bob Blumenthal kenntnisreich kommentierten 3-CD-Box «Life’s Backward Glances» neu aufgelegt worden. Aber die Ausnahme bestätigt eben auch im Falle von Eicher die Regel, und so steht das Kürzel ECM nun halt ein einziges Mal für «Edition of Coltrane’s Music».Geglättete WogenAn die charismatische Grandezza bzw. hypnotische Ekstatik der Coltrane-Einspielungen reicht «Mostly Coltrane» nicht heran – dafür werden die Wogen zu stark geglättet (was nicht heissen will, dass nicht doch ab und zu eine Monsterwelle überschwappt). Man kann das allerdings auch positiv formulieren: Wem die seriöse Erhabenheit und die überspannte Jenseits-Dringlichkeit von Coltrane nicht ganz geheuer sind, kann dessen Musik nun von einer neuen, ungemein lyrischen und manchmal fast schon lieblichen Seite her kennenlernen. Wer weiss, vielleicht hätte Coltrane auch so abgeklärt gespielt, wenn er älter geworden wäre.

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