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Archetypen aus Polyester

Sie ist eine Meisterin des leicht Unheimlichen, und ihre Grossobjekte prägen sich dank klaren Formen dauerhaft ein. In einer Werkschau zeigt die deutsche Künstlerin bekannte und neue Arbeiten und gerät dabei in die Nähe des Kitschs.

Normalerweise sieht man sie vor Landgasthöfen: lebensgrosse Kunststofffiguren mit prallen Bäuchen und hohen Kochmützen. Das Objekt «Koch» im Kunsthaus Zürich scheint einer der ihren. Am Eingang des Bührle-Saals installiert, komplimentiert er die Besucher herein wie in ein Lokal oder Geschäft. Ein Eindruck, der verstärkt wird von den «Warengestellen» mit Kleinobjekten, die beidseits vom «Koch» aufgebaut sind. Man wähnt sich in einem Museumsshop mit integrierter Beiz. Schliesslich kennt man die Bemühungen der Ausstellungshäuser, ihre Klientel auch mit kunstfernen Angeboten zu umschmeicheln. Geschickt betont das Arrangement die in Katharina Fritschs Arbeiten angelegte Frage nach dem Warencharakter der Kunst. Die von Bice Curiger kuratierte Ausstellung, die Ende 2009 in die Deichtorhallen in Hamburg weiterzieht, zielt so direkt auf ein Kernthema der deutschen Künstlerin, die unser aller Umgang mit Kunstwerken und Bildaussagen beschäftigt.

Düsteres Schwarzwaldhaus

Berühmt wurde die 53-jährige Künstlerin mit Riesenplastiken wie dem lebensgrossen «Elefant» von 1987 oder dem «Rattenkönig» von 1991–93, der leider nicht in der Ausstellung, aber im Basler Schaulager bestaunt werden kann. Die makellosen Polyester-Objekte lassen keine persönliche Handschrift erkennen und prägen sich dem Betrachter umso leichter ein. Die Motive entstammen dem universellen Bildschatz des Menschen. Katharina Fritschs Figuren gleichen Archetypen, die mit tief verwurzelten Ideen, Wünschen und Ängsten verbunden sind. Die klare Form macht sie so leicht lesbar wie ein Ampelmännchen.

Trotz dieser klaren Linie ist Fritschs Arbeiten etwas latent Unheimliches zu eigen. Auch der servile «Koch» wirkt, anders als seine fidel grinsenden Brüder aus der Werbung, nur bedingt einladend. Das Gesicht ist streng, die ganze Figur von einer blass gelben Farbe, die eher fad als appetitlich wirkt. Hinter der Figur hängt ein etwas düsteres Schwarz-Weiss-Bild eines ländlich-rustikalen Gasthofs. Die Ausstellungs-Inszenierung führt fort, was die Bild-Figur-Konstellation andeutet, und zeigt hinter der Wand mit dem «Schwarzwaldhaus», gleichsam im Innern des Lokals, die legendäre «Tischgesellschaft». Entstanden 1988 für eine Ausstellung in Basel, besteht die Arbeit aus einer langen Tafel, an der 32 Mal der gleiche Mann in schwarzem Hemd sitzt. Der Mensch als Massenware, das ist eine beklemmende Science-Fiction-Fantasie.

In der klaren Linie wirkt der Einfluss der Minimal Art fort, die die junge Katharina Fritsch inspirierte. Die Zürcher Ausstellung mischt ältere Werke wie den berühmten Elefanten mit neuen Arbeiten, in denen Katharina Fritsch Bild- und Objektelemente in Beziehung zueinander setzt. Nach Fotovorlagen erstellt Fritsch grossformatige, meist monochrome Siebdrucke. Kombiniert mit Objekten entstehen daraus bühnenartige Raumbilder.

Garten der Assoziationen

Besonders gelungen ist das in einer Werkgruppe zum Thema Garten, die rund um ein H-förmiges Wandensemble installiert ist. Der Betrachter wird gleichsam zum Flaneur in einem Landschaftspark mit stets wechselnden An- und Ausblicken. Die Fotovorlagen der Siebdrucke indessen zeigen nicht herrschaftliche Parks, sondern öffentliche Grünanlagen der 1950er-Jahre, in denen Wirtschaftswunder-Deutsche die Freuden der Freizeit im Grünen entdecken. Figuren von Riesen oder Heiligen bringen ein mystisches Element in die gepflegten Gärten und sprechen davon, dass Natursehnsucht und Naturerlebnis mehr meinen, als auf sauber geharkten Wegen zu spazieren. Die «Skelettfüsse» vor adretten Rosenbeeten spielen leise mit dem Unheimlichen, das zuweilen auch groteske Züge trägt. Etwa in einer Serie von Siebdrucken, die nach Zeitungsillustrationen von 1870 entstand. Die naiven Bilder haben bereits Max Ernst inspiriert. Anders als der Surrealist verfremdet Fritsch die Bilder nicht, sondern vergrössert sie auf Plakatmass und überbetont so den dramatischen Felssturz oder den nächtlichen Vampirbesuch. Reale und weniger reale Sujets wirken gleichermassen wie Gruselmärchen. Ergänzt werden sie von fabelhaften Kleinobjekten wie dem orangeroten Oktopus, der in einem Tentakel einen Taucher schwenkt.

Süss und sexy?

Ergötzlich treibt Katharina Fritsch mit Entsetzen Scherz. Doch schlägt sie in ihren jüngeren Arbeiten auch leichte, süsse Töne an. Rund um die aus rosa Muschelformen komponierte «Frau mit Hund» fangen Bilder von Eiffelturm und Croissants Pariser Flair ein. Das Ensemble wirkt beschwingt, wie von einem leisen Chanson durchperlt. Unter der Decke schwebende Schirme bringen Mary Poppins ins Spiel. Die Muscheldame weckt vielfältige Assoziationen an die Verspieltheit des Rokoko, aber auch an billige Souvenirs. Ihr Gesicht indessen lässt an eine Vagina denken. Hier klingt das Thema Sexualität an, das im «Schlafzimmer»-Ensemble vertieft wird. Dabei verlegt die Künstlerin sich aufs Süssliche und kombiniert Kitschbilder von Eichhörnchen auf Skiern mit männlichen Pin-ups. Katharina Fritschs überwältigende Klarheit weicht einer zähen Zuckerigkeit, die als ironisches Spiel mit medialen Bildern verstanden werden kann. Damit betritt Fritsch jedoch ein ihr fremdes, bereits recht überlaufenes künstlerisches Feld. Zwar rühmt ein Katalogtext, die Künstlerin begebe sich «in ein männlich besetztes Terrain der Kunstgeschichte». Doch welches Terrain der Kunstgeschichte wäre nicht männlich besetzt? Katharina Fritsch ist die erste lebende Künstlerin, die den Bührle-Saal allein bespielen darf.

Die Ausstellung dauert bis 30. August. Begleitend erscheint ein Katalog: Katharina Fritsch. Hrsg. Kunsthaus Zürich. Hatje Cantz. 2009. 148 S., 48 Franken.

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