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Angriff der Sex-Rebellinnen

Die empörten Reaktionen an den Solothurner Filmtagen haben Schlagzeilen generiert. Ob sie den «Räuberinnen» nun auch im Kino helfen, ist allerdings mehr als fraglich.

So hat sich Samir die Lancierung von «Räuberinnen» nicht vorgestellt. Als sich während der Solothurner Filmtage mehrere Medien gegenseitig in schriller moralischer Entrüstung ob der derben Sex- und Gewaltszenen in Carla Lia Montis Werk überboten, rechnete der «Räuberinnen»-Produzent noch damit, dass diese Publizität dem Film helfen würde. Die Realität ist derzeit eine andere. Der Verleih Praesens-Film sah sich mit zahlreichen Absagen von Kinos vor allem auf dem Land konfrontiert und fand auch in den Städten zum Teil nur mit Mühe freie Leinwände.

In ihrer grotesk-überdrehten Komödie verwurstet Carla Lia Monti die anarchische Lust von Schauermärchen mit Schillers «Räubern» und gibt dem Ganzen einen feministischen Dreh. Heldin ist eine Blondine, die bald einmal eine Vorliebe für schwere Revolver entwickelt. Die blonde Emily (Nina Bühlmann) flüchtet vor der Zwangsheirat mit einem degenerierten Adelssprössling und findet Unterstützung in einem Bordell, wo sie sich zunächst Sex, Drogen und Rock’n’Roll hingibt. Als die Schergen des Fürsten auftauchen, ist es vorbei mit dem Lotterleben, und fortan widmet sich die Bande von Huren (unter ihnen auch Sabine Timoteo) dem Kampf gegen perverse Fieslinge. Diese werden mit Mordslust traktiert, das aber nicht zur Freude einer Feministin, die den Kampf gerne politisch und nicht rein triebmässig gesteuert sähe.

Es wird flagelliert und kopuliert im Film, es fliessen Blut und andere Körpersäfte, Köpfe rollen und sehr sensible Körperteile werden sehr unsensiblen Behandlungen unterzogen – da trifft auch schon mal ein Stöckelschuh auf den Penis eines Bischofs (Hans-Peter Ulli). All das spielt sich in einem kitschig überkandidelten Kunstuniversum sexueller Obsessionen ab, in dem es für mittelalterliche Ritter und Neger mit Nasenringen genauso Platz hat wie für Gameboys und Hometrainer. Schauplätze sind Postkartenburgen, Märchenwälder mit Plastikblumen und ein barockes Bohème-Bordell, in dem eine ebenso bemerkenswert gelangweilte wie auch gute Band (das Trio From Hell) spielt. Wenn es etwas zu loben gibt, dann die aufwendige und liebevolle Ausstattung und die Musik. Diese spielt eine wichtige Rolle, auch dank Nils Althaus, der als unsterblich verliebter Barde durch den Film wandelt.

Nicht ganz wie John Waters

Samir sieht den Film als rebellisch proletarische Gesellschaftskritik und als aufklärerisches Werk in Bezug auf die dunklen Seiten des Geschlechterverhältnisses. Er und seine Regisseurin vergleichen «Räuberinnen» zudem gerne mit den Filmen von Quentin Tarantino und Trash-Altmeister John Waters. Damit aber hängen sie die Latte hoch, viel zu hoch. Denn es gibt in diesem Film einfach zu viel Biederes im Bemühen, böse und verrucht zu sein. Die Trash-Ästhetik wirkt auch nicht mehr ganz heutig, und dass hier irgendwelche Diskurse subversiv unterwandert würden, kann man auch nicht behaupten. Witzig sind immerhin Patrick Frey und Viktor Giacobbo als traurige Frauenschänder. Sie werden zwar bald einmal geköpft, das hindert sie aber nicht daran, als «Talking Heads» über die «verfickten» Zeiten zu lamentieren und von sexueller Mundart zu fantasieren.

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