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An der Schlagader der Tanzkunst

«Such stuff that dreams are made on» heisst der Tanzabend zum Thema Sturm. Er könnte kontrastreicher kaum ausfallen: Während Cathy Marston literarische Figuren aus Shakespeares «Sturm» auf ihre Tanztauglichkeit erprobt, löst das Konzeptstück des Genfer Choreografen Guilherme Botelho den Sturm erst aus.

Shakespeares «Sturm» hat das Zeug zum Dauerbrenner. Regelmässig kehrt er im Stadttheater Bern auf die Bühne zurück, immer wieder mit neuem Gesicht. 1996 liessen sich Eike Gramss und Daniel Schnyder durch den Stoff zu einer Oper inspirieren. Regisseur Christoph Frick demontierte das Werk 2004 zu einem politischen Schauspiel – das beim Berner Publikum einen Sturm der Entrüstung auslöste. Und nun, fünf Jahre später, ist der «Sturm» auch in der Sparte Tanz angekommen. In doppeltem Sinn.Unter dem Titel «Before the tempest...after the tempest» präsentiert die Berner Ballettchefin Cathy Marston zwei Stücke, die je ein Paar aus Shakespeares «Sturm» ins Zentrum rücken. Die zwei fünfzehnminütigen Tanzduos sind keine Neuschöpfungen. Als Auftragsarbeit entstanden sie bereits 2004 in London, wo sie am Royal Opera House als Pro- und Epilog zur Oper «The Tempest» des britischen Komponisten Thomas Adès zur Uraufführung kamen.Schlafendes EilandFür den Tanzabend in den Vidmarhallen werden die zwei Duos attacca aneinandergehängt. So entsteht ein symmetrisch aufgebautes Kammerspiel mit zwei Brennpunkten: Im ersten Pas de deux stehen sich Sycorax und der animalische Caliban gegenüber, im zweiten der mächtige Prospero (Shakespeares Alter Ego) und der Luftgeist Ariel. Die Namen sind eine Orientierungshilfe. Doch nur für den, der die shakespearsche Vorlage kennt: In dem komplexen Werk überlagern sich viele Handlungsstränge. Es geht um Konstanten menschlichen Handelns, um Wut, Isolation, Rache und Machtmissbrauch, um eine mystische Insel, Liebe, Luftgeister, Zauberei und magische Künste. Hier setzt Marston mit ihren sinnlichen Bewegungsbildern an. Die leere Bühne markiert ein schlafendes Eiland. Schemenhaft löst sich aus dem Dunkel eine erdige Gestalt. Die Hexe Sycorax (Martina Langmann) trägt einen roten Mantel und darunter ein Geheimnis: Ihr Sohn Caliban (Chien-Ming Chang), ist ein Dschungelkind.Laut ist das Schreien, aufdringlich das rhythmisierte Hecheln und Stöhnen (Komposition Jules Maxwell) ab Band; eine Musik, die die Bilder eher stört denn stärkt. Symbiotisch ist die Beziehung von Sycorax und Caliban. Ihre Körper schlingen sich ineinander, bilden ein Rad. Auf vier Beinen bewegen sie sich fort. Ein Hechtsprung, und Caliban hängt in der Horizontalen um ihre Hüfte. Akrobatik und Poesie verbinden sich in diesem symbiotischen Spiel um Anziehung und Abstossung, das plötzlich eine Wende zeigt. Sycorax lässt den roten Mantel fallen wie eine abgestossene Schlangenhaut. Von nun an gehen ihre Bewegungen kontinuierlich in seine über. Ihr Stärke lässt nach, einige Sprünge und Drehungen später steht er alleine da, stützt ihren gebrochenen Leib. Auch im zweiten Duo, zwischen Prospero (Erick Guillard) und dem Luftgeist Ariel (Jenny Tattersall), verbindet Cathy Marston zwei ungleiche Partner durch einen Pas de deux. Auch hier endet die gegenseitige Abhängigkeit mit einer Befreiung. Stets spürbar ist das klassische Idiom in den Armführungen und gestreckten Beinen, wenn Ariel sich zur Mondsichel biegt, sich um den Nacken des Prospero faltet oder ihr Körper im weiss-blauen Ganzkörpertrikot spielerisch wie ein bewegtes Perpetuum mobile schwebt. Doch im Gegensatz zur gesampelten Geräuschkulisse überzeugt die Präzision und tänzerische Expressivität ihrer Charakterdarstellungen. VektorpfeileNach der Pause sind die Tanzenden wie verwandelt. Tanzende? «Tänzer interessieren mich nicht», sagt Guilherme Botelho. Es klingt wie Kokettieren. Denn die scheinbar simplen Bewegungsmuster und Wiederholungen, die repetitiven Metren und dynamischen Steigerungen, die er seinen Interpreten abverlangt, wären ohne professionelle Tanzausbildung nicht zu schaffen. Der Chef der Genfer Cie Alias und Preisträger des jüngsten Schweizer Tanz- und Choreografiepreises arbeitet in Bern erstmals mit einer fremden Compagnie. Er tut es radikal. In seinem Konzeptstück, das als Titel einen Vektorpfeil zeigt, ist Tanzbewegung im üblichen Sinn verloren gegangen. Damit trifft er die Ballettkunst an der Schlagader. Ein Stück, das zum Thema passt: Während die kosmische Minimal Music von Murcof in den Köpfen des Publikums einen Flimmersturm anrichtet, marschieren die Tanzenden in einer Endlosschlaufe über die Bühne. Von links nach rechts. Fünfzig Minuten lang. Wobei die Bewegungsmuster sich wie eine musikalische Partitur kontinuierlich verändern. Mal kriechen die zwölf Interpreten auf allen Vieren, dann laufen, rollen und gehen sie. Und schliesslich gleiten sie auf den seitwärts abgewinkelten Hüften und Beinen. Dass das überhaupt geht? Die Wahrnehmung wird gefordert. Die in sich bewegte Geräuschkulisse peitscht die Gruppe an. Schnell und immer schneller. Bis im Dunkel nur noch Striche leuchten. Ein Strom aus Menschen von links nach rechts. Man verliert die Orientierung. Es sind zwölf, es könnten 12000 sein. Gangarten als repetitiver Zeichenfluss erinnern an einen digitalen Strichcode. Die Entwicklungssteigerung fasziniert, Berner Ballett zeigt sich in Topform. Es ist ein Konzept, das es in Bern schon mehrfach zu sehen gab. Zum Beispiel in Stücken von Gilles Jobin («Moebius Strip») oder Maguy Marin («Umwelt»). Oder auch in Stücken von Botelho selbst. Dieses magische Fliessband in eine Richtung wirkt wie eine Betäubungsspritze. Und jede Veränderung wie eine Explosion. Eine mutige Programmation. Sie tut dem Abend gut, gerade weil er zu Diskussionen anregt: Etwa über einen Tanzbegriff, der weiter greift, als viele ihn gerne haben möchten.

Weitere Vorstellungen bis 10. 3. www.stadttheaterbern.ch.

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