«You can spot me, darling»

Als letztes Jahr ein musikalisches Comeback von Grace Jones angekündigt wurde, war die Vorfreude dezent. Nach ihrem epochalen Konzert am Montreux Jazzfestival möchte man sie aus der Popwelt nicht mehr wegdenken.

Pure Science-Fiction: Grace Jones nach einem von zahlreichen Kostümwechseln. (Keystone)

Pure Science-Fiction: Grace Jones nach einem von zahlreichen Kostümwechseln. (Keystone)

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Wenn eine 61-jährige Dame betont leicht bekleidet mit einem pinkfarbigen Hula-Hop-Ring um die Hüfte und einer Katzenmaske über dem Gesicht über die Bühne stelzt, dann verheisst dies in aller Regel ein Schauspiel, dessen Zeuge man lieber nicht sein möchte.

Ganz besonders wenn diese Dame in der Folge auch noch eine alte Disconummer anstimmt, sich zuvor von ihren Bediensteten die Bühne trockenschrubben lässt, weil sie – wie sie ihr Publikum wissen lässt – immer so viele Körpersäfte verliere beim Singen, was in ihrem Fall wohl etwas Sexuelles sei. Doch es gibt Abende, an denen ist ganz einfach nichts peinlich. Zumal die 61-Jährige Grace Jones heisst, es sich bei der alten Disconummer um den Gassenhauer «Slave to the Rhythm» handelt – und weil die beschriebene Szene Teil einer Revue ist, die eineinhalb Stunden lang ein Publikum dermassen paralysiert, dass es vor lauter Herjesses gar das Tanzen vergisst.

Sie waren alle da, die Madonnas, die Michael Jacksons oder die Princes dieser Welt. Könige hat man sie geschrien, Überirdische sogar. Madonna hat dementsprechend einen ganzen Flughafen zur Bühne gemacht, Prince hat mit dem Schick seines Massanzugs und der Länge seines Sets den Status zu rechtfertigen getrachtet. Und Michael Jackson pflegte sich an seinen Konzerten weltfriedensstiftend zusammen mit einem Sonnenblumenkind vor einen auf die Bühne rollenden Panzer zu werfen. Alles Kinderkram. Alles dummer Firlefanz. Wenn es eine Show verdient hat, überirdisch und majestätisch genannt zu werden, dann ist es diese vergleichsweise wenig technischen Aufwand beanspruchende Inszenierung der Grace Jones im Jahre 2009. Keiner und keine hatte mehr Stil, keiner und keinem gelang diese ideale Proportion zwischen Entertainment und musikalischem Handwerk – der Goldene Schnitt zwischen Spektakel, Kunst und gutem Geschmack. Etwas, was Grace Jones in ihrer Art der Selbstdarstellung stets an den Tag legte, in ihrem musikalischen Tun indes leider nicht.

Die Jamaikanerin begann ihre Musik-Laufbahn im Umfeld der ausschweifenden New-Yorker Studio-54-Szene mit reichlich überbelichtetem High-Life-Disco. Erst als sie Anfang der Achtzigerjahre dazu überging, ihr gesangliches Temperament zu zügeln und ihre Tanzboden-Musik mit jamaikanischer Groove-Beweglichkeit und ein bisschen New-Wave-Obskurität zu unterfüttern, machte sich das Model endgültig zur Marke und korrespondierte die Tonspur mit dem Image. Grace Jones, das war diese langgliedrige Muskelfrau mit dem Scherenschnittgesicht, irgendwo zwischen Science-Fiction-Ikone und Urwald-Amazone, eine, vor der man sich immer ein bisschen fürchten musste, sei es in der Rolle als besonders angriffslustige Gegenspielerin von James Bond oder als explizit unkeusches Disco-Mannsweib mit stets leicht zu tiefer Schlafzimmerstimme. Schien die Marke Grace Jones ab Mitte der Achtzigerjahre endgültig ausformuliert, hat die Frau nach fast zwanzigjähriger Schaffenspause auf ihrem erstaunlichen Comeback-Album «Hurricane» (2008) kurzerhand das Gegenteil bewiesen.

Ein Werk, das sie mit Freunden wie Tricky, Tony Allen, Sly and Robbie oder Brian Eno eingespielt hat und das dermassen entspannt und doch dringlich groovt, dass man die Frau Jones bereits als eine der erfreulichsten Renaissance-Artistinnen feiern durfte. Mit dem Konzert in Montreux hat sie diesem Eindruck noch einen draufgesetzt.

Die Art, eine Bühne zu betreten, ist in etwa von gleichem Gepräge wie der erste Satz eines Buches. Dass sich Grace Jones in Montreux natürlich nicht pünktlich wie ein Schweizer Glockenturm zur Arbeit meldet, versteht sich von selber, sie lässt das Publikum in der ausverkauften Miles Davis Hall bei geringem Platz und Sauerstoffgehalt eine zähe halbe Stunde in schwüler Discomusik ausharren. Doch im Grunde wäre alles andere für eine wie sie eine dramaturgische Enttäuschung gewesen.

Und Grace Jones betritt die Bühne nicht; sie ist auf einmal einfach da – thront auf einer hydraulischen Empore, mit futuristisch glimmender Maske und einer ebenso präzisen wie selbstbewussten Anweisung an ihren Lichtmann: «You can spot me, darling». Einen solchen Anfangssatz schreibt nur jemand in sein Buch, der weis, dass seine Worte Macht haben. Am Ende der Geschichte steht der längste Applaus, den die Miles Davis Hall zu Montreux in den letzten Jahren erlebt hat – und eine Hauptdarstellerin, die sich mit einem rammeligen Fauch-Miau von der Bühne verabschiedet.

Das Dazwischen ist eines der imposantesten Beispiele dafür, welche Magie möglich ist, wenn Kunst und Pop kompetent gepaart werden. Grace Jones besinnt sich ausschliesslich auf den gut gealterten oder neuesten Teil ihrer Discografie. Songs wie «Nightclubbing», das quasi-tangoeske «I’ve Seen That Face Before» oder «My Jamaican Guy» erhalten ein leicht entmufftes musikalisches Layout, wofür Grace Jones eine Band zur Verfügung steht, die keinen Ton zu viel spielt, die sich bestens mit den vorprogrammierten Sequenzen arrangiert und die Grace Jones’ Musik zu einem leicht federnden und doch hochmodernen funkigen Dancehall-Pop verdichtet.

Grace Jones als Vokalistin steht dieser Perfektion in nichts nach. Ihre Stimme ist kühl und expressiv, verführerisch und bedrohlich zugleich. Ihren Diven-Status legt sie dergestalt aus, dass sie gleich nach jedem einzelnen Song die Kostümierung wechselt. In den Umziehpausen plaudert sie unverblümt via Funkmikrofon aus dem Hinterbühnenbereich, wo offenbar hinreichend Rotwein bereitsteht. Dementsprechend unartikulierter werden diese Ansagen gegen Ende des Konzerts; aus dem Brummen und Glucksen ist jedoch herauslesbar, dass Frau Jones heute Abend Spass an ihrem Beruf hat.

Grace Jones wirkt stets auf eine schrullige Art oversexed, ein Zustand, den sie mit der Wahl ihrer Garderobe zu unterstreichen beliebt. So tut sie alles, was Modeberater gemeinhin raten, um Damenbeine länger wirken zu lassen. Tricks, die bei ihrem Wuchs beinahe schon groteske Ergebnisse zeitigen. Und als in Sachen optischer Beinverlängerung keine Steigerung mehr möglich scheint, verzichtet die Sängerin irgendwann darauf, untenrum überhaupt noch etwas anzuziehen, was über ein hochgeschnittenes Höschen hinausgeht. Doch was sich die Schneider für ihren Restkörper ausgedacht haben, setzt wieder einmal Massstäbe in der Kunst der Textilverarbeitung.

Ebenso bestechend ist das Lichtkonzept: Das rockige «Demolition Man» singt Jones in einer farbenprächtigen Laser-Pyramide, mal wird die ganze Szenerie einzig von einem zur Disco-Kugel umfunktionierten Hut befunkelt, und am finalen Höhepunkt der Show kämpft Grace Jones gegen eine gleissend beleuchtete Windmaschine an und interpretiert dazu Trickys Schwarzmaler-Weise «Hurricane». Das ist dermassen packend, heutig und betörend, dass dieser auf beste Art Verrückten am Ende jede und jeder zu Füssen liegt. Und irgendwie ist die in jedem Moment und in jedem Sinne des Wortes abgehobene Grace Jones auch heute noch pure Sciencefiction. Und eine, vor der man sich bei aller Liebe nach wie vor in Acht nehmen muss. (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2009, 11:40 Uhr

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