Starsängerin Kasarova: «Kein Alkohol, viel Schlaf, wenig reden»

Vesselina Kasarova eröffnet das Menuhin-Festival in Gstaad. Im Interview spricht die grosse Mezzospranistin über die Gefahren beim Singen, ihren Sohn und erotische Bühnenpartner.

Wandlungsfähige Künstlerin mit grosser Opernstimme: Vesselina Kasarova.

Wandlungsfähige Künstlerin mit grosser Opernstimme: Vesselina Kasarova. Bild: Keystone

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Sie singen derzeit sehr viel, Interviews geben Sie nur sparsam. Ist Sprechen für Sie anstrengender als Singen?
Man darf nicht denken, ich sei arrogant. Stimmbänder brauchen Pflege. Es geht beim Opernsingen ja nicht bloss darum, laut zu singen. Ich möchte das ganze Spektrum ausloten. Gerade die Farben der leisen Töne sind mir wichtig. Dies bedingt eine gute Technik und Disziplin: kein Alkohol, viel Schlaf, wenig reden. Und man darf nie krank singen, egal, wie oft ein Theater anruft.

Sie haben schon Auftritte abgesagt, auch am Zürcher Opernhaus, wo Sie soeben als Carmen brillierten...
Kein Sänger sagt gerne ab. Nach einer Absage fühlt man sich wie der letzte Dreck. Aber da ist die Verantwortung der Stimme gegenüber. Einen leichten Schnupfen kann man mit der richtigen Technik überwinden. Mit Halsweh zu singen, ist gefährlich.

Es gibt Sänger, die nehmen Schmerzmittel und tun es trotzdem.
Stimmt. Aber es ist ein Tabu, über das nicht offen gesprochen wird. Ein Sänger erkennt meistens erst später, was er seiner Stimme damit antut. Wenn sich auf den Stimmbändern Knoten bilden, ist das fatal. Ich habe gelernt: Wer eine Zukunft haben will in diesem Metier, muss lernen, egoistisch zu sein. Sonst wird er heute gefeiert, und morgen ist er weg vom Fenster.

Ihre Karriere hat bei den Salzburger Festspielen begonnen, Sie sind für Marylin Horne eingesprungen.
Das war für die Titelrolle in Rossinis «Tancredi». Ich hab einfach zugesagt. Wenn man jung ist, überlegt man nicht so viel. Ich musste die Partitur in zwanzig Tagen lernen. Ich habe so viel gearbeitet wie noch nie in meinem Leben. Ich büsste es damit, dass ich zwei Tage heiser war. Das war mir eine Lehre. Ich würde das heute nicht mehr machen.

Wie findet man als junge Sängerin zu einem eigenen Profil?
Das ist sehr individuell. Für mich ist es die Qualität, die den Unterschied macht. Man darf sich niemals mit andern vergleichen. Ich staune immer wieder über Journalisten, die Sänger miteinander vergleichen. Das kann man nicht. Man kann sagen, dass einer weniger gut ist in Bezug auf den Notentext. Man darf kritisieren, aber nicht vergleichen.

Wie erleben Sie Ihre Konkurrenz?
Ich unterscheide zwei Arten von Konkurrenz. Es gibt Sängerinnen und Sänger, deren Karriere auf fundiertem Können beruht. Und es gibt diejenigen, die von der Schallplattenindustrie hergestellt werden wie Produkte.

An wen denken Sie?
Namen? Bitte nicht. Nur so viel: Solche Karrieren sind niemals empfehlenswert. Irgendwann dreht sich der Erfolg wie ein Bumerang gegen die eigene Person. Und dann werden die Künstler fallen gelassen von denen, die sie hochgepusht haben. Wenn ich einmal aufhöre mit Singen, werde ich darüber schreiben.

Sie haben sich dagegen gewehrt, zum Produkt gemacht zu werden?
Von Anfang an. Das Nein-Sagen hat mich stark gemacht. Schnell bekannt zu sein und dann vergessen, das interessiert mich nicht. Ich bin bodenständig, ernsthaft, suche Beständigkeit. Ich möchte als Sängerin etwas aufbauen, was überdauert. Nie würde ich meine Seele verkaufen für den Beruf.

Hat die Bodenständigkeit mit Ihren Wurzeln zu tun?
Ich komme aus Stara Zagora in Bulgarien. Nein, nicht aus einer Musikerfamilie. Wir lebten isoliert von der westlichen Welt, in einer Umgebung, die vom Kommunismus geprägt war. Mein Vater musizierte in der Freizeit. Von Beruf war er Chauffeur. Mein Grossvater war ein Intellektueller, wurde politisch verfolgt und interniert. Ich habe früh erfahren, dass nichts von heute auf morgen kommt, dass man kämpfen muss.

Wurde es später einfacher?
In einem westlichen Opernhaus Fuss zu fassen, war für eine Bulgarin vor zwanzig Jahren nicht einfach. Es gab Vorurteile. Ich hatte wunderbare Kollegen, die mir halfen. Edita Gruberova etwa, an deren Seite ich 1989 am Opernhaus Zürich die Alisa in «Lucia di Lammermoor» sang. Sie ist bis heute ein Vorbild für mich. Auch der Dirigent Nikolaus Harnoncourt war für mich sehr wichtig.

Inwiefern?
Von Harnoncourt habe ich die Finessen des Ausdrucks gelernt und das Gefühl, frei zu sein auf der Bühne. Von Edita Gruberova, dass man als Sänger seine Persönlichkeit entwickeln muss, dass man niemals kopieren soll.

Sie haben auch eine Ausbildung als Konzertpianistin. Warum wollten Sie unbedingt singen?
Beim Begleiten von Sängern entdeckte ich meine Leidenschaft für den Gesang. Meine Eltern warnten mich: «Vesselina, das ist ein sehr schwerer Beruf.» Von meinem Ziel abbringen konnten sie mich nicht. Singen ist ganzheitlicher als Klavierspielen.

Das heisst, Sie müssen auch schauspielern. Sie wirken privat eher scheu und zurückhaltend. Machte Ihnen das kein Problem?
Im Gegenteil! Ich liebe es, zu spielen, mich zu verwandeln. Ich bin ein Mensch mit viel Fantasie. Sie hilft mir, die Emotionen zu bündeln und mich auf den Moment zu konzentrieren. Das ist mein Geheimnis: Was ich beim Singen gebe, kommt von innen. Grosse, übertriebene Gesten mag ich nicht. Ich lege Wert auf Natürlichkeit und Authentizität. Wenn ich eine Partie einstudiere, abstrahiere ich die Figur und überlege, wie ich fühlen und handeln würde, wenn ich in ihrer Situation wäre.

Sie sind auf der Bühne schon oft gestorben, jüngst als «Carmen» in Zürich. Wie fühlt sich der Tod an?
Beängstigend. Ich habe Angst, Menschen zu verlieren, die ich liebe. Wenn ich spiele, versuche ich mich zu erinnern, dass ich Menschen gesehen habe, die lächelten, als sie starben. Das hilft, ihn auszuhalten.

Und die Liebe? Sie geben sich auf der Bühne den attraktivsten Männern hin. Haben Sie sich schon einmal in einen Partner verliebt?
Noch nie. Und ich sage das nicht, weil ich mich schützen will. Aber ich habe etwas entdeckt: Ein Mann, der privat ziemlich langweilig und unscheinbar ist, kann in einer Rolle plötzlich sehr erotisch und attraktiv sein. Ich bin dagegen immun. Erstens, weil ich jeweils so sehr in meiner Figur drin bin, dass ich an nichts anderes denke. Und zweitens, weil ich in meinen Mann verliebt bin. Ich bin froh, dass ich überhaupt den Richtigen gefunden habe.

Sie glauben, es ist schwierig, mit einer Künstlerin verheiratet zu sein?
Wer akzeptiert schon dieses Leben? Mein Partner darf nicht eifersüchtig sein, auch wenn ich viel unterwegs bin. Er muss mir Freiheit lassen und mich gleichzeitig unterstützen. Der Sängerberuf und das Privatleben sind eigentlich nicht kompatibel.

Nehmen Sie Ihren Sohn mit, wenn Sie auf Tournee sind?
Bis er sechsjährig war, nahmen wir ihn mit. Nicht wegen der Musik. Er sollte Wärme und Geborgenheit spüren. Jetzt ist er zehn. Meinem Mann und mir ist es wichtig, ihm zu zeigen, was wichtig ist auf der Welt.

Woran denken Sie?
Er soll erfahren, dass das Leben sonnige und schattige Seiten hat. Vielleicht fällt ihm das einmal leichter, weil er eine Bulgarin als Mutter und einen Schweizer als Vater hat. Wir reisen jedes Jahr nach Bulgarien. Es ist gut für ihn, zu sehen, dass Menschen unterschiedliche Leben führen. Und dass man glücklich sein kann, auch wenn man wenig hat. Das ist eine Lebenserfahrung, die auch mir geholfen hat. (Der Bund)

Erstellt: 15.07.2009, 11:03 Uhr

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