Lieben und lieben lassen

Peter Stamm beschreibt in seinem neuen Buch eine Liaison, die jeder gängigen Liebeslogik widerspricht. Die Faszination daran weicht bald dem Ekel vor dem unerträglichen Protagonisten. Das allein wäre noch kein Problem. Dass ein Autor seiner Figur auf den Leim geht, aber schon.

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Ein Mann, eine Frau, und dazwischen eine Schaufensterscheibe: Bereits in der ersten Szene seines Romans «Sieben Jahre» skizziert Peter Stamm meisterhaft und mit wenigen Pinselstrichen die Brüche in der Beziehung zwischen seinen Hauptfiguren Alex und Sonja. Alex betrachtet seine Frau, die in einer Galerie steht, «im Zentrum wie immer», während er draussen vor der Tür in der Kälte ausharrt, als passiver Beobachter.

Dieser konzentrierte Auftakt verbirgt allerdings nicht, dass Peter Stamms neuster Roman mit seinen 300 Seiten vergleichsweise üppig geraten ist. Der Meister der kühl-präzisen Beobachtung, in dessen Erzählungen und Romanen kein Wort zu viel ist, hat darin auch seiner Sprache etwas mehr Freilauf als sonst gelassen und blendet etwa den historischen Kontext dezent ein.

Die Geschichte, die aus der Sicht von Alex erzählt wird, setzt nämlich im Jahr 1989 ein, als er und Sonja ihr Architekturstudium abschliessen. Im Hintergrund kommt das politische Gefüge ins Wanken und spiegelt die biografischen Umwälzungen, die für die Studenten mit dem Abschluss einhergehen: Die Sicherheit einer starren Struktur ist weg, aber alles scheint möglich.

Süchtig nach Hingabe

So kommt es, dass sich eine Liaison anbahnt, die gemäss jeder gängigen Liebeslogik zum Scheitern verurteilt wäre. Iwona heisst die Frau zwischen Sonja und Alex, auf die er eigentlich nur aus Zufall stösst. Es beginnt nämlich als bösartiger Spass: Alex’ Kommilitonen wollen ihn mit der unattraktiven Polin verkuppeln; und sei es aus Neugier oder sportlichem Ehrgeiz – Alex lässt sich auf sie ein. Iwona, ein sprödes, verstocktes Wesen, gehört zu jenem Typ Mensch, der anhänglich ist wie ein Hund und ein wenig lästig – und gerade das ist es, was Alex immer mehr erregt. Selbst wenn die erste Liebesnacht verkorkst ist und die meisten weiteren auch: Immer wieder kommt Alex mit Iwona zusammen, berauscht von ihr wie ein Süchtiger. Denn schon in der ersten Nacht macht sie ihm klar, dass er für sie der Mann ihres Lebens sei – mit einer Hingabe, die Alex Jahre später noch entflammt.

Alex’ Obsession kühlt nämlich auch dann nicht ab, als sich gleichzeitig die Beziehung zur ehemaligen Mitstudentin Sonja entwickelt, einer mehr als guten Partie, schön und intelligent, ambitiös und engagiert und damit das absolute Gegenteil von Iwona. Es scheint, als habe es sich Peter Stamm in seinem neusten Roman zur Herausforderung gemacht, eine eigentlich unmögliche Beziehung gegen eine logische Verbindung zu stellen. Zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen – die ehrgeizige Architektin einerseits, die strenggläubige Aushilfe in einer christlichen Buchhandlung andererseits – steht Alex, ein mittelmässiger Typ, der gern mehr sein möchte und dem das Leben eher widerfährt, als dass er es selber in die Hand nimmt. Denn wie sich allmählich zeigt, sind alle seine Beziehungen von anderen eingefädelt worden – auch jene mit Sonja, die kühl planend «die Optionen geprüft» habe, wie Alex später erfährt.

Das Leben wuchert

Peter Stamm schafft sich mit dieser Personenkonstellation eine Ausgangslage, die sein ganzes Können als Figurenzeichner erfordert. Dabei nutzt er die Architektur als Metapher – während etwa Sonja eine begeisterte Anhängerin des fortschrittsgläubigen Le Corbusier ist, zieht Alex den rückwärtsgewandten Aldo Rossi vor. Und während Sonja ihr Leben durch und durch plant, empfindet Alex «Angst und zugleich eine Art Faszination vor dem wuchernden Leben, das sich unseren Plänen entzog».

So wuchert die Beziehung zu Iwona, diesem Nichts von Person, auch nach jahrelangen Unterbrüchen – einmal ganze sieben Jahre – immer weiter, und Alex beginnt, seine Machtposition als derjenige, der geliebt wird, auszuspielen: Er kränkt Iwona, gibt ihr Geld für Sex, nimmt ihr am Ende das gemeinsame Kind weg – und wird so von Seite zu Seite unsympathischer.

Rechtfertigungszwang

Ein literarisches Vorbild für Iwona ist die Hauptfigur in Witold Gombrowiczs Theaterstück «Yvonne, Prinzessin von Burgund» von 1937, in dem die hässliche Frau von einer adligen Gesellschaft drangsaliert wird. Während Gombrowicz allerdings seinen gemeinen Hofstaat zur Kenntlichkeit entstellt, lässt Stamm seinem Protagonisten viel Raum, um sein Tun vor sich zu rechtfertigen – immer und immer wieder ringt Alex um Worte, um seine Faszination zu beschreiben und um seinem Tun eine höhere Weihe zu geben.

Und mit ihm sein Autor. Einmal heisst es: «Es war mir, als erhebe Iwonas Liebe und ihr Leiden auch mich.» Am Ende tröstet sich Alex lapidar damit, dass Iwona mit ihrer störrischen, aber nie erwiderten Liebe vielleicht sogar glücklicher gewesen sei als Sonja und er. Dieses beständige Werben um Verständnis, dieser Rechtfertigungszwang erscheint an solchen Stellen nicht nur zynisch, sondern ist vor allem literarisch auf Dauer ermüdend. Und dennoch gibt es auch in «Sieben Jahre» jene für Stamm typischen Passagen, in denen er einem die Widersprüchlichkeit der Menschen, ihr bemitleidenswertes, weil doch nie gelingendes Ringen um Glück so glasklar vor Augen hält, dass es klingt, wie wenn er die Fähigkeit hätte, Gefühle anzuzapfen und eins zu eins in Sprache zu übersetzen. So heisst es einmal über Alex und Sonja: «Vielleicht funktionierte unsere Beziehung ja gerade, weil wir uns nie wirklich nähergekommen waren.» Der unerträglichen Hauptfigur Alex kommt man in «Sieben Jahre» dafür näher, als einem lieb ist. Und vielleicht funktioniert diese Beziehung deshalb nicht ganz.



Das Buch Peter Stamm: Sieben Jahre. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2009. 304 S., Fr. 33.90.> (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2009, 01:17 Uhr

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