«Ich bin verwirrt»

Marina Zenovich drehte einen Dokumentarfilm über den Polanski-Prozess. Jetzt recherchiert sie in der Schweiz.

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Das Schicksal ist manchmal ein Fax. Als Marina Zenovich 2003 begann, den Gerichtsfall Polanski von 1977 aufzuarbeiten, da schickte sie dem Filmregisseur ein Fax nach Paris und bat ihn um ein Gespräch. Sie erhielt nie eine Antwort. Viel später telefonierte sie mit seiner Sekretärin. Polanski habe ihr doch damals geantwortet, sagte diese, in seinem Antwortfax habe er geschrieben: «Bitte drehen Sie keinen Dokumentarfilm über mich.» Als Polanski diesen Satz schickte, hatte Marina Zenovich dummerweise ihr Faxgerät ausgeschaltet. Sie fragt sich heute, ob sie wohl mit dem Projekt, das inzwischen so viel bewegt hat, überhaupt angefangen hätte, wenn Polanskis Antwort sie tatsächlich erreicht hätte.

Zenovichs mit zwei Emmys ausgezeichneter Film «Roman Polanski: Wanted and Desired» schafft das Kunststück, dem Täter wie dem Opfer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem er keine moralische Stellung bezieht, sondern das Milieu vor und vor allem den Gerichtsfall nach dem Verbrechen analysiert. Die Ränkespiele von Richter Laurence Rittenband etwa: ein Mann, der als Antisemit und Frauenfeind bekannt war und vor allem dafür, alle Artikel über sich in einem Album zu sammeln und die Zulassungen für Journalisten zum Polanski-Prozess eigenhändig zu verlesen. Ein Mann, der in dem Fall seinen Medienauftritt fürs Leben witterte und dafür bereit war, Verabredungen mit den Anwälten von Geimer und Polanski eigenmächtig wieder zu brechen.

Der Film über einen unsauber geführten Prozess rollte vor einem Jahr die ganze Geschichte wieder auf. Fühlt sich Marina Zenovich, die seit acht Monaten an der Fortsetzung von «Wanted and Desired» arbeitet, dadurch in irgendeiner Weise für Roman Polanski verantwortlich? «Ich weiss es nicht», antwortet sie an einer Pressekonferenz am Donnerstagmorgen im Hotel Widder in Zürich und wirkt dabei ein bisschen verzweifelt und traurig. Sie will vor allem «fair» sein in ihrer Arbeit.

Warten auf den Entscheid

Seit Mittwoch ist Marina Zenovich in Zürich und arbeitet. Sekündlich treffen Interviewanfragen aus der ganzen Welt ein, bis auf diese Pressekonferenz will sie sich aber nicht äussern. Sie ist auch nicht hier, um Polanski im Gefängnis zu besuchen, sondern um die schweizerische Justiz und Politik verstehen zu lernen. Sie ist schockiert: Wie Polanski und seine Anwälte wartete sie in den letzten Wochen gespannt auf einen Entscheid des Berufungsgerichts, wie jetzt weiter zu verfahren sei, stattdessen erfuhr sie von Polanskis Verhaftung.

«Sie bekommen von mir nicht viele Informationen, ich suche hier nach Informationen. Ich bin verwirrt», sagt sie. Verwirrt und verletzt ist sie auch, weil David Wells, damals stellvertretender Staatsanwalt und einer ihrer vertraulichen Informanten im Film, am Mittwoch in der «New York Times» gestand, Marina Zenovich angelogen zu haben, um die Geschichte «aufzubuttern». Es ändert jedoch nichts am Kern ihrer Arbeit.

Roman Polanski selbst sagte noch zehn Tage vor seiner Verhaftung bei einem Besuch in Wien über Zenovichs Film: «Er kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Zenovich hat Dinge aus den Archiven geholt, die – hätten wir das damals schon zur Verfügung gehabt – den Prozess nach einer Woche beendet hätten.»

Und Samantha Geimer, das Opfer? Im Film schildert sie anschaulich ihre Zeit in einer Welt voller Männer, die jedes kleinste Detail der Missbrauchsgeschichte wieder und wieder von ihr hören wollten. Mit Samantha Geimer ist Marina Zenovich heute befreundet, sie betont in Zürich, wie sehr Geimer den Fall endlich beendet wissen möchte, wie sehr sie darunter leidet, dass heute wieder – genau wie damals – Journalisten vor ihrem Haus campieren und sie verfolgen. «Ich möchte nicht missverstanden werden», sagt Zenovich, «ich bin nicht Polanskis oder Samanthas Sprachrohr. Es gibt in diesem Fall keine Gewinner oder Verlierer.»



Im Kino Marina Zenovichs Film «Roman Polanski: Wanted and Desired» läuft ab 8. Oktober in Bern im Kino. Die DVD ist erschienen bei Ascot Home Entertainment.> (Der Bund)

Erstellt: 02.10.2009, 01:15 Uhr

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