Historisches Museum Bern

Hallers ungeheurer Wissensdrang

Am Beispiel des grossen Wissenschaftlers Albrecht von Haller gibt das Historische Museum Bern sensationelle Einblicke in die Welt des 18. Jahrhunderts. Und zeigt höchst vergnüglich, welche Bedeutung Haller als Naturforscher, Arzt und Dichter zukommt.

Die erste Ausstellung im Kubus des Historischen Museums gilt Albrecht von Haller. (Bild Valérie Chételat)

Die erste Ausstellung im Kubus des Historischen Museums gilt Albrecht von Haller. (Bild Valérie Chételat)

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Sein Konterfei prangte früher ehrwürdig auf der 500-Franken-Note, und in Dietrich Schwanitz’ Kampfschrift «Bildung. Alles, was man wissen muss» (2001) ist er als einziger Schweizer aufgeführt. Zu den siebzig ausgewählten Texten, welche die Welt verändert haben sollen, gehört auch das Gedicht «Die Alpen». Die Rede ist von Albrecht von Haller (1708–1777), der als 21-Jähriger dieses grosse Poem niederschrieb und sofort Weltruhm erlangte.

Das Idyllische der Alpen

Haller nämlich, der 1708 in Bern zur Welt kommt, in Tübingen und Leiden Medizin studiert und in Bern als praktizierender Arzt tätig ist, entdeckt das Idyllische an den Alpen. Zudem zeichnet er das Bild eines anspruchslosen, dank seiner Sittlichkeit gesunden und glücklichen Hirtenvolkes und prägt damit für lange Jahre die internationale Einschätzung der Schweiz und ihrer Bewohner. Der Grundstein für den Schweizer Tourismus ist gelegt, wie die Ausstellung im Historischen Museum deutlich macht.

Albrecht von Hallers Dichterzeit ist kurz, aber intensiv – schwülstig schön beispielsweise ist sein Liebesgedicht an Doris, mit dem er um die Hand seiner Angebeteten anhält und reüssiert. Später hat Haller oft den Mediziner gegen den Dichter ausgespielt. 1749 schreibt er: «Ein Dichter vergnügt eine Viertelstunde, ein Arzt verbessert den Zustand eines ganzen Lebens.» Trotzdem ist er sich der Bedeutung seiner Gedichte bewusst, denn Haller bringt für neue Auflagen stets Verbesserungen an.

Gemeinsam mit der Albrecht-von-Haller-Stiftung und der Universität Bern hat das Historische Museum mit einem Budget von 1,2 Millionen Franken eine gigantische Schau über den Universalgelehrten konzipiert. Auf 1200 Quadratmetern sind im neu eröffneten Kubus (siehe Kasten) die Lebensstationen Hallers und seine wissenschaftlichen Errungenschaften ausgestellt. Zehn mit viel Liebe zum Detail eingerichtete Kabinette laden nach Art eines Bildungsromans ein zur Entdeckung einer beinahe vergessenen Jahrhundert-Ikone und ihrer Welt.

400 Leichen präpariert

Neben erklärenden Animationsfilmen und der wichtigen Frage, was Haller mit der aktuellen Wissenschaft verbindet, lebt die Ausstellung von der Fülle und der Qualität der Objekte. Zu sehen sind zahlreiche medizinische Instrumente, ein begehbares anatomisches Theater, Wachsmodelle, ein von Haller präpariertes Skelett siamesischer Zwillinge, ein Herbarium, Schriftdokumente, Kunstwerke oder die Nachstellung eines von Haller entworfenen Universitätsquartiers in Göttingen. Eine prunkvolle, dem Rokoko-Stil nachempfundene Spiegelgalerie kündet von der höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, und einige Dokumente machen deutlich, dass Haller auf diesem Parkett gelegentlich patzte. Er war nicht der feingeistige Welterklärer, sondern der Mann für die handfeste Forschung.

Albrecht von Haller ist Anatom, Physiologe, Botaniker – er schreibt das erste umfassende Pflanzenverzeichnis der Schweiz –, Dichter und Magistrat. Hallers Bedeutung in der Geschichte der Medizin liegt vor allem in seiner Rolle als Anatom begründet: Durch die Präparation von nahezu 400 Leichen gelingt es ihm, den Verlauf der Arterien im menschlichen Körper darzustellen. Weitere Studien gelten dem Blut, den Knochen, dem Nervensystem und der Embryonalentwicklung. Mit seinen systematischen Tierversuchen (Haller spricht von «mir selbst verhassten Grausamkeiten») löst er ein Experimentierfieber aus, das bereits von Zeitgenossen kritisiert wird.

Hallers Liebe zu Bern

Ein wichtiger Teil der Ausstellung widmet sich dem Verhältnis von Haller zur Republik Bern. Haller ist ihr absolut zugetan, doch die Liebe ist eine einseitige. Man bietet ihm nie eine angemessene Stellung an, sondern lässt ihn nach Göttingen ziehen, wo ihm alle für seine Forschungen nötigen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden und wo er als Professor für Anatomie, Botanik und Chirurgie Weltruhm erlangt. Später duldet man ihn in Bern als Rathausammann, als Salzdirektor in Roche nahe dem Genfersee und zum Schluss als obersten Gesundheitspolitiker des Staates Bern. Die höchsten politischen Weihen bleiben ihm versagt: Dreimal kandidiert er vergeblich für den Kleinen Rat.

Genugtuung erlebt Haller 1777 kurz vor seinem Tod: Kaiser Joseph II. beehrt auf seiner Reise durch Europa weder die Berner Regierung noch Hallers Konkurrenten Voltaire, sondern einzig ihn. Und jetzt richtet ihm das Historische Museum Bern eine ebenso aufwendige wie ästhetisch herausragende Ausstellung aus, die im Stolz auf den klügsten Sohn der Stadt begründet liegt.

Die Ausstellung dauert bis zum 13. April 2009. Zu Haller siehe auch «Kleiner Bund» vom letzten Samstag und www.haller300.ch. (Der Bund)

Erstellt: 04.12.2008, 08:51 Uhr

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