«Eisenvogel»: Vom Tibet in die Diaspora

Drei Frauen - eine Sehnsucht: Die Berner Schauspielerin Yangzom Brauen erzählt mit «Eisenvogel» die Geschichte ihrer Grossmutter und Mutter.

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Beim Casting geht sie als Russin, Asiatin, Latina oder Italienerin durch, die Berner Schauspielerin Yangzom Brauen, die zurzeit im Schweizer Science-Fiction-Film «Cargo» zu sehen ist. Aufgewachsen im Thurgau und in Bern, wo sie die Schauspielschule absolviert hat, lebt die 29-Jährige heute in Los Angeles, und ihre Chancen, in Hollywood Fuss zu fassen, stehen nicht schlecht.

Einer kosmopolitischen Familie, wie sie im globalen Dorf immer zahlreicher werden, entstammt die Schauspielerin. Ihr Vater, der Berner Ethnologe Martin Brauen, ist vor einem Jahr nach New York gezogen, zusammen mit der Mutter, der tibetischen Künstlerin Sonam Dölma, deren 89-jährige Mutter in Bern in einer Studenten-WG lebt.

Zwischen der Welt, in der die Grossmutter aufgewachsen ist, und jener der jungen Schauspielerin liegen Welten. Bis 1959 lebte die Grossmutter in den Bergen Osttibets als Nonne in einfachsten Verhältnissen. Dass eine Nonne auch Kinder hat, ist in Tibet nicht ungewöhnlich, ist doch im Buddhismus das Zölibat keine Pflicht.

Als der Dalai Lama 1959 Tibet verliess, riskierte auch die Grossmutter mit ihrer Familie ihr Leben auf der Flucht aus dem besetzten Tibet nach Indien. Sechsjährig war Yangzoms Mutter, als sie zu Fuss das Himalaja-Gebirge durchquerte. Mit der geglückten Flucht hatte das Leid der jungen Familie allerdings kein Ende, Sonams Vater und ihre kleine Schwester starben. Wie die Grossmutter mit all diesen Schicksalsschlägen fertig geworden ist und sich in so fremden Welten wie Indien, der Schweiz und Amerika zurecht gefunden hat, steht im Zentrum von «Eisenvogel».

In ihrem ersten Buch porträtiert die junge Schauspielerin ihre Grossmutter und Mutter und erzählt von ihrem eigenen jungen Leben, das so stark von der Sehnsucht, nach dem Schneeland Tibet geprägt ist. Eine umfangreiche Familiensaga ist dabei entstanden, in der sich gleichzeitig das schwere Los des tibetischen Volks der letzten 60 Jahre spiegelt: Mit der Besetzung Tibets durch die Chinesen erfüllte sich die düstere Prophezeiung eines Mönchs aus dem achten Jahrhundert: «Wenn der Eisenvogel fliegt und die Reitpferde auf Rädern rollen, dann werden die Tibeter ihre Heimat verlassen müssen wie die Ameisen.»

Differenzierte Haltung

Nicht mithalten mit der Dramatik des Stoffes kann die literarische Umsetzung der Enkelin. Allzu harmlos-nett sind Erzählstil und Aufbau des Debüts, das zurzeit auf Platz 26 der Bestsellerliste des «Spiegels» steht. Zu wenig konturiert sind die Schilderungen in der ziemlich oberflächlich gehaltenen Nacherzählung. Auch dort, wo Yangzom Brauen sich ihre eigene Geschichte vornimmt und zwischen ihren Erfahrungen als Jungschauspielerin und Tibet-Aktivistin hin und her switcht, hält der muntere Plauderton an. Dabei ist eine durchaus differenzierte Sicht gegenüber ihrer verlorenen tibetischen Heimat auszumachen, die sie bis heute nur einmal, als Sechsjährige, besuchen konnte. Yangzom Brauen zelebriert nicht die unter westlichen Tibet-Freunden weit verbreitete Verklärung: Sie macht vielmehr jenes Spannungsfeld spürbar, in dem sich immer mehr junge Tibeter bewegen, die nie auf dem Dach der Welt gelebt haben. Diese fordern Autonomie, ohne aber den Mythos Tibet weiter zu zementieren und verlangen einen echten Dialog mit den Besetzern – auch wenn sich die chinesische Regierung diesem bis heute verweigert. (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2009, 13:50 Uhr

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