Alfred A. Häsler

Einsatz für eine bessere Schweiz

Im Alter von 88 Jahren ist in Zürich der Publizist und Schriftsteller Alfred A. Häsler gestorben. Er hörte zeitlebens nie auf, für die Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit einzutreten.

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«In Auschwitz habe ich mir innerlich das Versprechen abgenommen, alles in meiner Macht Stehende als Schreiber und Redender zu tun, damit nicht wieder geschehen könne, was eben in diesem Jahrhundert im christlichen Europa geschehen ist, geschehen konnte, weil zu viele Staatsmänner und Völker, auch wir Schweizer, weggeschaut haben. Aus dieser Schuld werden wir nie entlassen.» Alfred A. Häsler ist 1946, mit 25 Jahren, als einer der ersten Schweizer nach Auschwitz gekommen: als freiwilliger Helfer einer schweizerischen Hilfsorganisation, die sich polnischer Waisenkinder annahm. Aber so sehr ihn das Erlebnis aufwühlte und so sehr es tatsächlich sein Denken und Handeln bis zuletzt prägen sollte: Häsler fand genau das vor, worüber er seine Landsleute seit 1938 mit allen Mitteln hatte aufklären wollen.

Frühe Erkenntnis

Schon 1939 publizierte der 1921 in Gsteigwiler geborene Interlakner Typografenlehrling in der Berner Zeitung «Nation» unter dem Titel «Wird mit Zuchthaus bestraft . . .» einen ganzseitigen Bericht über den Terror der Gestapo in Deutschland, und bis 1945 machte er in der «Helvetischen Typographie», im «Oberland» und im «Walliser Boten» immer wieder neu und voller Leidenschaft auf die Not der Gepeinigten und Verfolgten des 3. Reiches aufmerksam. So dass es nur selbstverständlich war, dass er 1946, inzwischen Schriftsetzer in der Genossenschaftsdruckerei Zürich, die ihm gebotene Gelegenheit, als Mitarbeiter der «Hilfe für Polens Kinder» aktiv für Naziopfer tätig zu werden, sofort wahrnahm. Ja, so sehr verschmolzen persönliche Ambition und politische Leidenschaft in ihm, dass er selbst in seiner künftigen Frau, die er damals in Polen kennenlernte, zuerst die im Ernstfall erprobte politische Kämpferin sah. «Die Abteilungsleiterin der polnischen Frauenliga, 25 Jahre alt, hiess Zofia Pawliszewska», heisst es in Häslers Lebenserinnerungen «Einen Baum pflanzen» von 1996. «Sie hatte während des Aufstands rund 150 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus dem Zentrum der Stadt durch die Kanalisation vor dem Zugriff der Nazis gerettet. Am 8. Mai 1948 heirateten wir.»

Dem Lakonismus dieser Mitteilung zum Trotz war die Beziehung alles andere als ein theoretisches Konstrukt und hielt auch der Bewährungsprobe stand, die Häsler zu bestehen hatte, als er – bereits vor der Hochzeit! – zusammen mit Edgar Woog und anderen PdA-Funktionären unter dem Verdacht der Spendenveruntreuung verhaftet und in einem eindeutig politischen Prozess zum Opfer der schweizerischen Spielart von McCarthyismus und Kommunistenhetze wurde. Eine Bewährungsprobe, die erst zu Ende war, als der weltoffene Erwin Jaeckle Häsler in der «Tat» seine eigentliche journalistische Bestimmung als Reporter, Interviewer und Essayist finden liess.

So entstand zwischen 1950 und 1990 in der «Tat» und später in der «Weltwoche» und im Schweizer Fernsehen jene spektakuläre Gemeinschaft von bedeutenden Menschen aller Art, die in den meisten Fällen nichts anderes miteinander gemeinsam hatten, als die Begegnung mit Alfred A. Häsler, der eines Tages mit dem Tonband oder dem Notizblock bei ihnen auftauchte, bescheiden-neugierig seine Fragen stellte und als Freund nach Hause ging. Karl Barth gehört dazu, David Ben Gurion, Helmut Gollwitzer, Karl Jaspers, Robert Jungk, Herbert Marcuse, Max Planck, Manès Sperber, Margarete Susman und vor allem F. T. Wahlen, der SVP-Bundesrat, der im ehemaligen Kommunisten Häsler seinen verständnisvollsten Gesprächspartner fand und noch 2003, im letzten von ihm publizierten Buch, dem Briefwechsel Häsler - F. T. Wahlen, eine bewegende Hommage erfuhr.

Kampf gegen Unrecht

Daneben aber hörte Häsler niemals auf, für die Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit einzutreten und auf bedrohliche Entwicklungen hinzuweisen, so – schon 1954 – auf die Fichierungspraxis der Bundespolizei, die Umweltzerstörung oder die Orientierungslosigkeit der Jugend. Massstäbe, die noch heute nicht ihre Gültigkeit verloren haben, setzte er aber vor allem im Umgang mit dem Thema Flüchtlingspolitik und Antisemitismus in der Schweiz der Jahre 1933 bis 1945. In seinem Buch «Das Boot ist voll», das 1967 zum ersten Mal erschien, brachte er mit einem Schlag die ganze bittere Wahrheit der damaligen Politik aus dem Archiv des Schriftstellervereins heraus ans Licht. Mit leidenschaftlicher Anteilnahme für die Opfer, zugleich aber auch in einer Darstellungsweise, die den klugen, aber schwer verdaulichen Bänden des Bergier-Berichts an Lesbarkeit haushoch überlegen ist. Häsler hat es mit der Aufarbeitung der Flüchtlingspolitik von 1933–1945 nicht bewenden lassen, sondern ist bis in die 1990er-Jahre immer wieder dafür eingetreten, dass die Schweiz nicht nochmals ins gleiche Fahrwasser gerate. In einem seiner letzten Bücher, «Wahrheit verjährt nicht» (1997), hat er engagiert für das Recht und die Gerechtigkeit Stellung genommen, als die Schweiz im Zusammenhang mit den nachrichtenlosen Vermögen unter Beschuss geriet.

Wie erst gestern bekannt wurde, ist Alfred A. Häsler bereits am 7. April gestorben. Wer das Glück hatte, ihn persönlich zu kennen, wird ihn in Erinnerung behalten als einen Mann mit grosser Ausstrahlung, der den moralischen Ansprüchen und humanen Ideen, die er schreibend und redend so vehement vertrat, auf ganz selbstverständliche Weise auch selbst nachgelebt hat. (Der Bund)

Erstellt: 15.04.2009, 08:30 Uhr

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