Don Quichotte und die letzten Dinge

Lange hat Urs Widmer nicht mehr so lustvoll-ausufernd fantasiert wie in seinem neuen Roman «Herr Adamson», über den man noch lange rätseln wird.

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Haben Sie auch schon mitten im Sommer, z.B. wenn Sie aus einer U-Bahnstation heraufkamen, ein leichtes Frösteln verspürt? Dann ist, wenn wir die Mythologie, nach der Urs Widmers neuer Roman funktioniert, ernst nehmen, ein Toter durch Sie hindurchgegangen.

Ein Toter, der so, wie er im letzten Moment seines Lebens ausgesehen hat, nochmals «nach oben» kommt und noch so lange bleiben darf, bis sein Nachfolger stirbt. Wobei dieser Nachfolger jener Mensch ist, der im Augenblick seines Todes zur Welt kam und den er, um dessen Todesstunde wissend, aber ohne ihm helfen zu können, als Vortoter begleitet, bis er ihn abholen muss, um selbst endgültig zu verdämmern. Nur die Nachfolger können ihre Vortoten sehen, und wenn sie sie lieben, können diese sogar den ihnen zugemessenen Kreis von 100 Schritten verlassen, über den sie sonst nur ein einziges Mal, um den Nachfolger abzuholen, hinauskommen.

Am 22.Mai 2032

«Ein Lebender, durch den ein Toter geht, fröstelt auch im Sommer, wenn er kein Holzklotz ist.» Herr Adamson sagt diesen Satz, als er dem Ich-Erzähler die Sache mit den Toten und Vortoten plausibel macht. Adamson ist nämlich so ein Vortoter, und der Nachfolger, den er, nur ihm sichtbar, durchs Leben begleitet, ist eben jener Ich-Erzähler, der sich am 22. Mai 2032, nachdem er seinen 94. Geburtstag gefeiert hat, daran macht, noch schnell alles, was mit dem fraglichen Herrn Adamson zusammenhängt, für eine Enkelin auf Band zu sprechen. Wobei er gegen Ende in einen rechten Stress gerät, denn bereits nähert sich Herr Adamson, um ihn abzuholen, und die Aufzeichnung schliesst denn auch mit dem unfertigen Satz «Er kommt auf mich zu, und jetzt».

Der Ich-Erzähler ist natürlich, obwohl er ebenfalls 1938 geboren wurde und im gleichen Basler Bruderholz-Quartier aufwuchs, nicht mit dem Autor identisch. Aber er teilt mit ihm den Witz und die Ironie und vor allem die Phantasie, ja es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass seit «Im Kongo» (1996) in keinem Buch von Urs Widmer die Fabulierfreude so lustvoll und furios ins Kraut geschossen ist wie in diesem Roman, der Kindheitserinnerung und Todesvision, Sciencefiction und Fantasy, Horror und Archäologie, Western und Indianergeschichte zu einem hinterhältig grotesken Erzählvergnügen zusammenwirbelt.

Es gelangt dabei nicht das ganze Leben des 94-Jährigen zur Darstellung, sein Bericht beschränkt sich auf die Begegnungen mit Herrn Adamson und die Erfahrungen, die mit der eigenwilligen Todesmythologie verbunden sind, weitet sich dann aber im zweiten Teil zu einem abenteuerlichen Abstecher zu den Navajo-Indianern aus, an deren Beispiel das Phänomen der weiterlebenden Vortoten besonders drastisch, wenn auch unter Auflockerung des ursprünglichen Prinzips, vorgeführt wird.

Inferno im eigenen Kopf

Zu den stärksten Passagen gehört die Schilderung jenes Infernos, das der Achtjährige mit Adamson zusammen erlebt, als er diesem mit Hilfe des Dinosaurierknochens, den Adamson ständig mit sich herumträgt, durch eine Mauer auf die «andere Seite» folgt. Dante, Kafka, Alfred Kubin kommen einem in den Sinn, wenn der kleine Pechvogel, von Adamson mit Flüchen angetrieben, in einer surrealen Landschaft einem abschüssigen Hang entlang balanciert, in dessen Tiefe das «Herz der Ewigkeit» pulsiert; wenn er sich die Schmerzschreie Tausender anhören muss, schliesslich kopfüber im freien Fall der Tiefe entgegenstürzt, Hitze, Angst und Panik durchlebt und am Ende doch nicht weiss, ob er nicht einfach «ins Kraftfeld jenes schwarzen Lochs in sich geraten ist, das alles, was er erfuhr, ansaugte und in ihm aufbewahrte». Was wohl doch nicht ganz stimmen kann, erwacht er doch in den Ruinen von Mykene und muss von einem griechischen Polizisten auf dem Fahrrad durch die Lüfte nach Basel zurückgeflogen werden.

Von Hellas nach Arizona

Mykene kommt nicht zufällig ins Spiel, war Adamson zu Lebzeiten doch als Spitzel bei den dortigen Ausgrabungen von Heinrich Schliemann mit dabei und trieb es, während der Schatzgräber buddelte, mit dessen Frau Sophia. Agamemnon – wie denn sonst? – wurde der so gezeugte Sohn getauft, und der wiederum zeugte Adamsons Enkelin Bibi, die für den Ich-Erzähler insofern eine Rolle spielt, als er ihr den Koffer mit Adamsons archäologischem Vermächtnis überreichen soll.

Damit aber kommt das Indianische zu seinem Recht. Aus Bibi ist nämlich die Navajo-Forscherin Daphne Miller geworden, die der Ich-Erzähler, der sich ein Leben lang mit der (real existierenden, von Widmer wunderbar humorvoll karikierten) Navajo-Sprache Diné-Bizaad befasst hat, eben dieser Sprachkenntnisse wegen 2011 in Basel kennen lernt. Die 80-Jährige nimmt den 73-Jährigen als Assistenten nach Arizona, wo sie Recherchen über einen Vorfall betreibt, bei dem 1938 eine Gruppe von Navajo-Indianern niedergemetzelt worden sein soll. Was im Sinne von Widmers Todesmythologie zu einem Höhepunkt führt, ist der Ich-Erzähler doch in der Lage, sämtliche Opfer «mit Blutstümpfen dicht über dem Staubboden schwebend», «mit zerschmetterter Schädeldecke» oder wie «regelrechte Fleischfetzen» als Vortote leibhaftig zu sehen und zu hören. Als Mrs. Miller dem genialen Gehilfen das Du anträgt, kommt ihre wahre Identität an den Tag, und nachdem sie erfahren hat, dass nicht Schliemann, sondern Adamson ihr Grossvater war, reisen die beiden nach Basel, wo Adamsons hinterlassener Schatz sich genau so als eine Mogelpackung entpuppt wie letztlich das ganze Buch: Der «Schmuck der Klytämnestra», den sich die nach 65 Jahren endlich gefundene Enkelin über Kopf und Brust hängt, ist hintendran mit einem Preisschild versehen, auf dem «EPA 19.80» steht und das der Ich-Erzähler diskret wegreisst und zerknüllt.

Komik mit Abgründen

Man mag bedauern, dass der wunderbare Todesmythos, der wie eine dunkle Folie hinter dem Ganzen steht, nicht Tragik, sondern Komik hervorbringt. Aber Urs Widmers Stärke liegt nun mal seit jeher im Komödiantischen und Clownesken, und es war eigentlich nur zu erwarten, dass auch sein Umgang mit dem Tod sich dieser leichten, fröhlichen, unterhaltsamen Mittel bedient.

Wobei man bei näherem Zusehen dann aber doch immer wieder auf Dinge stösst, die hinter dem Grotesken und Übermütigen durchaus auch Abgründiges aufschimmern lassen. Dass das Inferno letztlich im eigenen Kopf zu suchen ist, beispielsweise, oder die Art und Weise, wie dieser Ich-Erzähler redend und redend seinem Leben im letzten Moment noch einen Sinn abzugewinnen sucht. Und natürlich der hinter dem Ganzen stehende Todesmythos als solcher, der ja den Tod keineswegs ignoriert oder verniedlicht, sondern zu einem schrecklichen Dauerzustand erklärt, der nochmals ein ganzes Menschenleben lang anhält. (Der Bund)

Erstellt: 18.08.2009, 09:39 Uhr

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