Die wunderbare Welt der Mumins

Tove Janssons «Die Mumins» ist ein zeitloser Kinderbuchklassiker. Hierzulande ist

jedoch wenig bekannt, dass die Zeichnerin in den 1950er-Jahren auch einen international erfolgreichen Comic-Strip erfand, der nicht weniger

fantasievoll, bizarr, fröhlich, melancholisch, kurz:

bezaubernd war.

In einem ihrer ersten Abenteuer entfliehen die Mumins dem harschen Klima Finnlands und segeln in ihrer Nussschale an die Côte d’Azur, wo sie unter dem veredelten Namen «de Mumin» dem süssen Jetset-Leben frönen – ohne freilich zu ahnen, dass die Luxussuite im Palacehotel und die zahlreichen von ihnen ausgelösten Katastrophen auch etwas kosten. Die französische Noblesse interpretiert das pausenlose Fettnäpfchentreten der ungehobelten, aber liebenswerten Nordlichter als die «köstliche Exzentrik» schwerreicher Ausländer. Nach ein paar Wochen wird jedoch selbst der abenteuerlustige Muminpapa der mediterranen Dolce Vita überdrüssig – als ihm die Verhaftung wegen Gouverneursbeleidigung droht, packt er seine Familie kurzerhand ins Boot und kehrt zurück. Dieses Ausschweifen in die Ferne ist eher eine Ausnahme im Leben der Muminfamilie. Meistens bildet das romantische Muminhaus den Mittelpunkt der erstaunlichen, befremdlichen und bisweilen auch beängstigenden Abenteuer der bleichen und rundlichen Trolle.Snorkfräulein und MümmlaManchmal suchen fiese Banditen das idyllische Mumintal heim, Mumins Freund Schnüferl braut bizarre Elixiere mit unvorhersehbaren Nebenwirkungen, Gespenster flattern durch die Gegend, der pfeifenschmauchende und schlapphuttragende Schnupferich scheint alles zu wissen, will aber wenig sagen, Mumin liebt das Snorkfräulein, dieses erwidert seine Liebe, macht aber auch anderen männlichen Wesen schöne Augen. Der grummelige Muminpapa träumt nicht nur vom nervenkitzelnden Leben als Künstler, Verbrecher oder Abenteurer, sondern zieht immer wieder aus zu tollkühnen und grandios scheiternden Expeditionen. Einmal verkriecht er sich mit Muminmama in einer malerischen Höhle am Meer und überlässt den kleinen Mumin ganz sich selbst; bei anderer Gelegenheit schleppt er die ganze Sippe auf eine vermeintlich einsame Insel, wo sich die Mumins allerdings mit ihren Urahnen herumschlagen und die vorlaute Mümmla aus den Fängen einer Bande gestrandeter Piraten retten müssen . . .Vielseitig begabte KünstlerinDie Finnlandschwedin Tove Jansson (1914–2001) hatte bereits vier Kinderbücher über die unförmigen Trolle im Mumintal geschrieben, als sie von der englischen Associated Press den Auftrag erhielt, ihre Abenteuer in Comics umzusetzen. 1954 erschien die erste Folge in «The Evening News». Auf dem Höhepunkt seiner Popularität wurde der Strip in 120 Zeitungen in vierzig Ländern veröffentlicht und täglich von über zwanzig Millionen Menschen gelesen.Da Tove Jansson ihren internationalen Ruhm hauptsächlich den Mumintrollen verdankt, ist ausserhalb Finnlands kaum bekannt, dass sie eine vielseitig begabte Künstlerin war, die in ihrer Heimat auch als Malerin, Illustratorin, Grafikerin und Autorin von erwachsener Belletristik verehrt wird. Zum Erfolg der Mumin hatte sie eine ambivalente Beziehung. Sie fühlte sich von ihm bedrängt. In ihrer Kurzgeschichte »Sarjakuvapiirtäjä» (Comiczeichner) wird ein Comicautor von seinen berühmten Figuren derart beherrscht, dass er eines Tages spurlos verschwindet und nur einen unvollendeten Strip hinterlässt.Wie in den Kinderbüchern entwirft Tove Jansson auch in ihren Comics eine zauberhafte Welt. Die Figuren sind überaus originell und sehen auch so aus, selbst die unwesentlichsten Nebendarsteller sind liebevoll ausgearbeitet, die Geschichten überraschen mit verblüffenden Pirouetten, und Janssons charmante Zeichnungen, deren eleganter Stil seit den 1950er Jahren kein bisschen gealtert ist, stecken voller betörender Details. Finnisches LebensgefühlDie Welt der Mumintrolle ist fantastisch und realistisch zugleich und spricht Kinder ebenso an wie Erwachsene. Unter der verspielten und humorvollen Oberfläche schwingt allerdings immer eine melancholische, bisweilen auch düstere Grundstimmung mit, und Tove Jansson spricht auch ernsthafte Themen an. Vor allem in späteren Abenteuern erzählt sie ohne falsche Kindlichkeit von Einsamkeit, Freundschaft, Liebe und Toleranz. Und von sich und ihren Nächsten – Too-Ticki, das Mädchen im gestreiften Hemd, das eines Tages in Mumintal auftaucht, ist niemand anders als das Alter Ego von Janssons Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä.Die Mumins sind längst Teil der finnischen Kultur wie Sibelius, Sauna und Tango, die Bücher und Comics sind Klassiker, die wieder und wieder aufgelegt werden, und die liebenswert verschrobene Fauna und Flora Mumintals ist im Alltag allgegenwärtig. Kein Wunder: Was auf Mitteleuropäer anmutet wie ein unwirklicher, von mysteriösen Naturgesetzen beherrschter und von bizarren Wesen bevölkerter Landstrich, ist eine letztlich durchaus realitätsnahe und nur leicht verfremdete Schilderung des ländlichen finnischen Lebensgefühls: Die Einsamkeit und das einfache Leben auf Inseln und im Wald, die unmittelbare Nähe zur Natur, die unwirklich hellen Nächte und die irrationale Euphorie im kurzen und intensiven Sommer und die bedrückend düsteren Tage im zermürbenden Winter – all das hat Tove Jansson, die selber auf einer kargen Insel in der Ostsee lebte, mit fruchtbarer Fantasie weitergesponnen zu einem magischen Kosmos, der auch fünfzig Jahre später nichts von seinem Zauber verloren hat.Das Buch Tove Jansson: Die Mumins 1. Reprodukt-Verlag, Berlin 2008. 96 S., Fr. 39.–. Die Gesamtausgabe sämtlicher von Tove Jansson gezeichneten «Mumin»-Comics wird fünf Bände umfassen.>

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt