«Der Meister spricht»

Wie wird ein Künstler zum Star? Zahlreiche Privatdokumente illustrieren Klees Weg zum Erfolg sowie seinen grossen Nachruhm.

«Klee, du bist hier total angekommen», ruft der Autor Robert Gernhardt in seinem satirischen Gedicht «Good News aus Nürtingen» dem Maler Paul Klee nach. «Und wurdest in den Wandschmuck des Hotel Vetter aufgenommen.» Ein Foto, von Kuratorin Marianne Hopfengart selber aufgenommen, belegt, dass in dem Kleinstadthotel eine Klee-Reproduktion hängt. Zu Lebzeiten klagte Klee, er fühle sich nicht vom Volk getragen. Heute werden seine Bilder noch in der tiefsten Provinz an die Wand gehängt. Klee ist eindeutig in den Superstar-Gefilden angekommen. Die Ausstellung «Paul Klee. Leben und Nachleben» illustriert den Werdegang Klees vom jungen Künstler auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache bis zum Kunststar post mortem. Aufschlussreich ist vor allem jener Teil der Schau, der Ruhm und Nachruhm des grüblerischen Künstlers nachspürt.Anlass der Ausstellung ist die Überführung des Paul-Klee-Archivs aus dem Besitz der Familie Klee an das Zentrum Paul Klee (ZPK). Zu dem Archiv, das von Klees 1990 verstorbenem Sohn Felix aufgebaut und gehütet wurde, gehören neben Fotos, Malutensilien und rund 2600 Briefen, gesendet und erhalten von Verwandten, Künstlerfreunden, Sammlern, auch zahlreiche Bücher aus Klees Bibliothek.Babytalk via KopfhörerVollständig sei diese Bibliothek nicht erhalten, erzählt Ausstellungskuratorin Hopfengart. Als Klee 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland floh, liess er viele Bücher zurück. Jüngst tauchte in einem Antiquariat Klees namentlich gezeichnete Ausgabe von Goethes «Italienischer Reise» auf, die der junge Künstler auf seiner Italientour 1902 im Gepäck hatte.Jetzt ist das Buch in eine Ausstellung integriert, die den populären Künstler als scheuen Privatmenschen zeigt und zugleich seine Popularität thematisiert. Eingerichtet ist die Schau im grossen Saal im Erdgeschoss, der im Rahmen der Vernissage nach dem Gründer des ZPK zum Maurice-E.-Müller-Saal ernannt wird. In 28 Vitrinen, zu beiden Seiten des Saals aufgestellt, sind die teils noch nie gezeigten Schätze aus dem Archiv zu sehen. In dem locker strukturierten Raum dazwischen hängen Gemälde und Zeichnungen Klees aus der Sammlung des Hauses. Wer mag, kann zwischen Vitrinen und Stellwänden pendeln und die Fotos von Klees Familie, vor allem vom als übermächtig erfahrenen Vater, mit gezeichneten Porträts vergleichen. Von Paul Klee aufgenommene Fotos seines Sohnes, die Felix Klee in allen Altersphasen zeigen, dokumentieren das enorme Interesse des Künstlers an der kindlichen Entwicklung. Der auch als Musiker sehr talentierte Paul Klee notierte sogar lautmalerisch das Babygeplapper seines Kindes. Dass ein Schauspieler die kindlichen Laute für eine Audio-Installation eingesprochen hat, gehört zu den weniger glücklichen Einfällen der Kuratorin.Publikumsmagnet KleeAusgiebig stöbert die Schau im Privatleben des Künstlers. Die Muscheln, die Klee auf Reisen gesammelt, die Katzen, die sein Logis geteilt, wir finden sie alle in den Vitrinen wieder. Lange waren biografische Betrachtungen von Künstlern und ihren Werken als wenig anspruchsvoll verpönt. Doch längst hat der Starkult Einzug in die Kunstwelt gehalten. Dass dies in einer Zeit geschieht, in der die meisten Museen ihre Besucher zählen, um Erfolgsbilanzen vorweisen zu können, ist sicher kein Zufall. Ein Haus wie das ZPK, das sein Budget zur Hälfte durch Eintritte, Seminare, Buchverkäufe selber erwirtschaftet, wie Direktor Juri Steiner betont, braucht ein breites Publikum.Ein grosses Publikum erreicht man mit grossen Namen. Wie aber wird einer zu einem Grossen seiner Zunft? Die Ausstellung greift diese Frage auf und zeigt, dass Ruhm nicht einfach eine Folge von Begabung ist. Jeder Erfolg hat seine Helfer. Auch Paul Klee hatte bereits zu Lebzeiten zahlreiche Unterstützer. In einer Vitrine zum Stichwort Amerika ist neben einem Foto aus der ersten Bauhaus-Ausstellung 1938 im MoMa in New York eine von Klee gefertigte Puppe zu sehen, die die Künstlerin Galka Scheyer porträtiert. Scheyer, die bereits Ende der 1930er-Jahre nach New York auswanderte, rührte in den USA kräftig die Werbetrommel für ihren Künstler-Kollegen Klee.Klee auf Teppichen und VasenIn einer anderen Vitrine finden sich Petra Petitpierres Aufzeichnungen «Aus der Malklasse von Paul Klee». Petitpierre, die von 1929 bis 1932 bei Klee studierte, machte sich in den Vorlesungen Notizen und begann jedes Blatt mit den ehrerbietigen Worten: «Der Meister spricht».Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Sohn Felix es, den Ruhm seines Vaters zu mehren. Äusserst faszinierend zeigt die Abteilung «Nachleben» auf, wie Klee seit den 1950er-Jahren zum allseits bekannten Markennamen wurde. Seine Farbkompositionen und Linien begeisterten dabei nicht nur die Kunstwelt. Tapeten, Teller, Teppiche, Vasen mit Mustern, die Klees Stil nachempfunden waren, schmückten in den frühen 1960er-Jahren viele Wohnzimmer. Beliebt waren damals vor allem die farblich heiteren Werke des jüngeren Klee. Seit den 1970er-Jahren wird hingegen der späte Klee mit seinen grossen, existenziellen Zeichen stärker rezipiert. Jede Zeit hat gewissermassen ihren eigenen Klee.Eine Auswahl an Ausstellungsplakaten, Fälschungen und Merchandising-Produkten rundet den ergötzlichen Ausstellungssektor «Nachleben» ab. Dabei zeigt sich: Zumindest als T-Shirt-Print wird Klee heute von vielen getragen.Die Ausstellung wird heute um 18 Uhr eröffnet und dauert bis 24. Mai 2010.>

Der Bund

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