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Zupackend und warmherzig

Auf der Grundlage von Gesprächen mit der Schauspielerin ist Anne Cuneos Buch entstanden, das eine Frau zeigt, die besonders stolz darauf war, dass sie ihr Leben als Schauspielerin, Ehefrau und Mutter dreier Söhne unter einen Hut brachte.

Nur zu gerne hätten wir geglaubt, was Anne-Marie Blanc fünf Jahre vor ihrem Tod in ihrer letzten Bühnenrolle behauptete: «Ich werde nicht sterben.» Die Grande Dame des Schweizer Films und Theaters starb am 5.Februar 2009 im Alter von 89 Jahren. Nun erscheint zu ihren Ehren ein Erinnerungsbuch, das die Schriftstellerin und Blanc-Freundin Anne Cuneo auf der Grundlage von Gesprächen mit der Schauspielerin geschrieben hat: Wir lauschen, wie Anne-Marie Blanc beim Tee in ihrer Wohnung, bei einem Glas Champagner auf einer Premierenparty oder bei einem Bier im Hinteren Sternen aus ihrem Leben erzählt. Wir lernen in diesen Gesprächen eine zupackende, aber äusserst warmherzige Frau kennen, die besonders stolz darauf war, dass sie ihr Leben als Schauspielerin und als Ehefrau und Mutter dreier Söhne unter einen Hut brachte.Für immer die SoldatentrösterinSo plaudert Anne-Marie Blanc aus ihrem Privatleben, erzählt, wie sie ihren Mann, den Filmproduzenten Heinrich Fueter, kennenlernte, und sie lässt ihre Karriere Revue passieren: Sie erinnert sich an die kleinen Rollen, die sie spielte, als sie 1938 als Elevin ans Zürcher Schauspielhaus kam, und sie schildert, wie ihr 1941 mit der Titelrolle in Franz Schnyders «Gilberte de Courgenay» der Durchbruch gelang: Mit strahlender Schönheit spielt sie in diesem Film die «Petite Gilberte», eine selbstlose Soldatentrösterin, die an Weihnachten 1915 allein mit ihrem Charme die Truppenmoral eines ganzen Bataillons zu halten vermag. Es war die Rolle ihres Lebens.Anne-Marie Blanc hatte kein Problem damit, dass sie auch noch im hohen Alter mit dieser Rolle identifiziert wurde, mit der sie zur Galionsfigur der geistigen Landesverteidigung wurde. Jedoch platzt ihr der Kragen, als sie im Gespräch mit Anne Cuneo mit der Behauptung konfrontiert wird, sie habe diese Rolle nur dank ihrem Mann erhalten, der die Produktion des Courgenay-Films leitete. Ausführlich schildert die Blanc, wie es wirklich dazu kam, dass sie die Rolle der Gilberte spielte.Über die späteren Filmrollen der Blanc, die Zusammenarbeit mit Daniel Schmid und anderen Vertretern des neuen Schweizer Films, erfährt man in diesem Buch nur wenig, wie es überhaupt zu bedauern ist, dass die Gespräche und Cuneos Ausführungen fast ausschliesslich die Lebensjahre bis 1945 umkreisen.Die irische SäuferinSchön aber, dass Anne Cuneo in ihrem Buch auch einige Schauspielkollegen von Anne-Marie Blanc zu Wort kommen lässt. So zitiert sie Maria Becker, eine der letzten Überlebenden des legendären Emigranten-Ensembles, oder den unverwüstlichen Norbert Schwientek, der sich daran erinnert, wie Anne-Marie Blanc in «Der Krüppel von Inishmaan» an seiner Seite eine irische Säuferin spielte und sich dafür – es war ihre Idee – die Zähne schwarz färbte. Rollen wie diese, mit denen sie die Erwartungen des Publikums unterlaufen konnte, habe sie immer mit grosser Leidenschaft gespielt, erzählt Anne-Marie Blanc. Und auch sonst habe sie nach Herausforderungen gesucht, die verhinderten, dass sie zu einem «Darstellungsbeamten» wurde, der nur noch das kultiviert, womit er Erfolg hat.Hinter dem VorhangEiner ihrer letzten Herausforderungen stellte sich die in Vevey geborene Blanc 1989, als sie im Alter von 71 Jahren zum ersten Mal eine Bühnenrolle in ihrer Muttersprache spielte: Es war die Titelrolle in «Madame Paradis», einem Zweiakter, den Anne Cuneo für Anne-Marie Blanc geschrieben hatte. Wesentlich interessanter als dieses Stück, das im Erinnerungsbuch nachzulesen ist, sind die anderen Textbeigaben: die zahlreichen Bühnenfotos, das private Fotoalbum und die DVD, auf der eine Aufzeichnung von «Savannah Bay» zu finden ist, jener Duras-Inszenierung, mit der Anne-Marie Blanc 2004 im Alter von 85 Jahren ihren Abschied von der Bühne gab. Noch einmal kann man sich in Erinnerung rufen, wie die Blanc auf einen Stock gestützt in einer Lichtgasse stand, wie sie von ihrer Enkelin, der Schauspielerin Mona Petri, in einem letzten grossen Dialog nach ihren Erinnerungen befragt wurde, bevor sie hinter einem schwarzen Vorhang verschwand.Buch & Matinee Morgen Sonntag, 20. 9., um 11 Uhr findet im Zürcher Schauspielhaus eine Matinee zu Ehren Anne-Marie Blancs statt: Martin Walder spricht mit Anne Cuneo, und die Enkelin Mona Petri liest aus dem besprochenen Buch. Anne Cuneo: Anne-Marie Blanc. Gespräche im Hause Blanc. Römerhof-Verlag, Zürich 2009. 288 S., Fr. 44.–.>

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