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Singen und Rumpeln

Wenig spektakulär, aber schlank und solid präsentiert sich die Weihnachtsausstellung 2008. Neben Newcomerinnen wie Quynh Dong oder Verena Schmocker rufen sich gestandene Berner Kunstschaffende mit neuen Werken in Erinnerung.

Die Zeiten sind vorbei, da sich die Qualität eines Kunstwerks am Zeitaufwand messen liess, der für dessen Herstellung benötigt wurde. Spätestens seit dem Einzug von Marcel Duchamps Readymades ins Museum obliegt es dem Ausstellungsbesucher, seinen Teil der Arbeit zu leisten und die Kunst als solche zu erkennen oder zu hinterfragen. «Der Künstler ruht sich aus», ist eine der Schlussfolgerungen, die der deutsche Kunstkritiker Boris Groys aus diesem Umstand zog und die sich der 31-jährige Omar Alessandro für seine Arbeit zunutze gemacht hat. In Form eines Transparents hat er das Zitat über dem Eingang der Kunsthalle angebracht, wo es vielfältige, auch provozierende Assoziationen zulässt: Machen die Künstler einfach Pause nach dem Aufbau in der Kunsthalle? Oder sind womöglich alle Künstler faul und «Taugenichtse», wie es unlängst etwa den Progr-Künstlern unterstellt wurde? Immer geht es im Schaffen des in Bern lebenden Italieners um den Kunstbetrieb als solchen und um bereits bestehende Werke, die er erweitert und damit hinterfragt. Spiel mit dem KunstbetriebNeben Omar Alessandro ist San Keller der einzige dezidiert konzeptuell arbeitende Künstler innerhalb der Weihnachtsausstellung. «Ich bin sehr froh, haben wir solche Positionen dabei, da sie über persönliche oder rein künstlerische Fragestellungen hinausgehen», sagt Kunsthalle-Leiter Philippe Pirotte. San Keller, den man von diversen Performances kennt, stellt ein kleines Gemälde mit dem Titel «The Real On Kawara» aus, mit dem er gewitzt auf die «Today Series» des berühmten Japaners anspielt, die derzeit übrigens in der Ausstellung «Ego Documents» im Kunstmuseum zu sehen sind. Keller hat lediglich einen Bindestrich gemalt, der quasi die Verbindungslinie zwischen dem ersten und letzten Arbeitstag seines Vaters darstellen soll. Vom Gewicht der FarbeAus 140 Bewerberinnen und Bewerbern hat die Jury dieses Jahr 18 Kunstschaffende (letztes Jahr: 29) ausgewählt, die in Form von mehreren Arbeiten ihr Schaffen vorstellen können. Dabei ging es gemäss Pirotte weder darum, die «üblichen Verdächtigen» zu zeigen noch repräsentativ zu sein, sei es punkto Technik, Alter oder Geschlecht. Vielmehr sei die Qualität der eingereichten Werke das entscheidende Kriterium für die Jury gewesen, deren Zusammensetzung der Kunsthalle-Vorstand seit letztem Jahr festgelegt hat. Neben dem Kunsthalle-Leiter sind darin – anders als in Vorjahren – nur noch eine externe Fachperson (Anita Shah vom Museum Franz Gertsch), dafür drei Personen des Berner Kunstlebens vertreten (Boris Billaud von Visarte Bern, die Kunsthistorikerin Rachel Mader und der Kunstsammler Thomas Stauffer). Pirotte, der nie einen Hehl aus seiner Skepsis gegenüber der Unverrückbarkeit der Weihnachtsausstellung gemacht hat, sieht heute jedoch auch deren Vorteile. So habe er immer wieder seine Entdeckungen gemacht, zu denen in Bern dieses Jahr etwa der 1941 geborene Dieter Seibt gehört, der mit «Wanderschaft von Quelle zu Quelle» fünf interessante Arbeiten auf Papier zeigt.Der gleichen Generation gehört Heidi Künzler an, die mit einer ihrer charakteristischen Rauminstallationen eines der prägnantesten Werke zur Ausstellung beisteuert. Voluminöse schwarze Holzelemente hängen scheinbar schwerelos an der Wand und fragen nach dem Verhältnis von Leere und Fülle und – in Kontrast zu einem blauen Element – nach dem Gewicht der Farbe. Gehäkelte ErinnerungenAuch wenn unter den Ausstellenden nur vier Frauen sind, ihre Werke ragen platzmässig und qualitativ heraus. So ist die 26-jährige Quynh Dong, Aeschlimann-Corti-Preisträgerin 2008, mit einer poetischen Videoarbeit zu ihrer Heimat Vietnam vertreten, die von einem hypnotisierenden Gesang begleitet wird. Ebenfalls eine Abgängerin der Hochschule der Künste Bern ist die 25-jährige Verena Schmocker, deren bemerkenswerte Diplomarbeit«Nexus Obscura» – eine Auslegeordnung von gehäkelten weissen Objekten – an eine brockenhausdurchwehte Insekten-Systematik erinnert. Maia Gusberti schliesslich heisst die vierte Frau, die mit einer Serie zu Kairo die einzige Vertreterin im Medium Fotografie neben Manuel Burgener ist. Dieser wartet mit einer wandfüllenden Schwarz-Weiss-Arbeit auf, deren Raffinesse vor allem aus Distanz zur Geltung kommt. Christian Grogg ist mit einem wunderbaren fliegenden «Boomerang» vertreten, während Christoph Hess in drei Varianten alte Plattenspieler – gleichsam als Antwort auf Quynh Dongs Gesang – vor sich hin sägen und rumpeln lässt.Sie ist luftig und schlank, aber auch etwas beliebig, die jetzige Weihnachtsausstellung, um die es stiller als auch schon geworden ist. Vielleicht hat sie ihr Image als «das» Sprungbrett einheimischen Schaffens langsam eingebüsst und erweist es sich zunehmend als attraktiver, von Pirotte in eine seiner international besetzten Gruppenausstellungen eingebunden zu werden.Die Ausstellung wird heute Abend um 18 Uhr eröffnet und dauert bis 18. Januar.>

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