«Melodien sind wie Gedankengänge»

Nur eine Sängerin hat in jüngerer Zeit die Kunst des Belcanto derart kultiviert und derart mit Ausdruck erfüllt wie Edita Gruberova. Die aus Bratislava stammende Sopranistin, die 1970 in Wien als Königin der Nacht debütierte, ist am Sonntag im Casino Bern zu Gast.

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Erstaunlich: Sie bedauert, sich für den vereinbarten Termin wenige Minuten verspätet zu haben, sie, die Primadonna assoluta des italienischen Belcanto, für deren Auftritte die Fans ganze Nächte vor den Vorverkaufsstellen ausharren. Es ist das Selbstverständlichste auf der Welt, mit Edita Gruberova sich im Gespräch zu verständigen. Im ersten Augenblick der Begegnung gilt ihre Sorge noch der Frage, ob sie vielleicht ihr Auto an verbotener Stelle parkiert habe. Auch eine Ausnahmeinterpretin wie Edita Gruberova hat sich Alltagsproblemen zu stellen, und sie tut dies mit dem ihr eigenen Humor. Dann aber ist sie gedanklich bereits in ihrer künstlerischen Welt, eine Welt, die ebenso von faszinierenden Begegnungen wie von technischen Details handelt.

Neue Belcantokultur

Edita Gruberova ist in erster Linie Koloratursopranistin. Sie hat den Belcanto von Mozarts frühen Seria-Opern bis zu Richard Strauss’ «Ariadne» in einer Weise kultiviert, dass selbst Dirigenten, die bisher diese Kunstform als platt karikierten, dessen Ausdrucksvielfalt neu erfahren mussten. Da sind zunächst die wunderbaren Frauenporträts aus der Feder von Bellini und Donizetti, denen sie spätestens seit jener Aufführung der «Lucia di Lammermoor» an der Wiener Staatsoper im März 1978 ungeahnt neue Töne lieh. «Maria Stuarda», «Linda di Chamounix», «Anna Bolena» oder eben «Lucia»: Gruberova hat in den letzten dreissig Jahren nicht allein einen neuen Kosmos des Belcanto geschaffen, sie hat mit ihren Auftritten diesen von extremen Emotionen gezeichneten Gestalten ein neues Leben geschenkt. Sucht sie in den über siebzig Opern Donizettis noch neue Partien? «Ich bin gerade dabei, die zahlreichen Opern ein bisschen durchzuhören. Natürlich interessieren mich auch ,Gemma di Vergy‘, ,Parisina‘, ,Sancia di Castiglia‘, ,Pia de’ Tolomei‘ und wie sie alle heissen. Es ist sehr schmeichelhaft, dass uns Donizetti immer wieder mit grossen Frauenschicksalen bedacht hat. Nun sind nicht alle Partien gleich bedeutend. In Japan beispielsweise haben es die unbekannteren Titel schwer – aber wenn ich komme, geht das Publikum eben davon aus, dass ich da schon irgend ein Röllchen singe, das interessant genug ist», fügt sie mit einem Lächeln und in einer Mischung aus Wiener Dialekt und slawischem Tonfall hinzu. Irgendwann sei ihr als junge Sängerin bewusst geworden, dass sie ausser Gilda und Traviata halt keinen Verdi singen könne: «So habe ich für mich entdeckt, dass ich im Fach Belcanto keine Probleme habe, dass mir diese Musik sehr liegt. Ich geniesse diese Art der Emotionen, die man gar nicht mit Worten wiedergeben kann.»

Höchste Ansprüche

Eine Sängerin, die jedem Ton eine neue Färbung verleiht, setzt die perfekte technische Beherrschung des Instruments voraus. Aber dies ist eben nur die Basis. «Melodien sind wie Gedankengänge, denen ich folge, die mit Sinn und Ausdruck erfüllt werden müssen, sonst sind es eben nur Töne, platte Töne.» Auch extreme emotionale Situationen verlangen nach perfekter Interpretation: «Wenn nur ein Ton unbedacht hervorgebracht wird, spürt man das sofort. Jeder Ton, jede Phrase ist voller Eigenheit, voller Ausdruck. Die Musik muss abheben, muss alle Erdenschwere verlieren.» Wird sie dieses einmalige Können weitergeben, in Meisterkursen, an Schülerinnen? «Ich werde zwar oft für Kurse angefragt. Aber nein, ich bin der Überzeugung, dass man das nicht lehren kann. Man muss das spüren, die richtigen Antennen und Andockpunkte haben.»

Edita Gruberova macht keinen Hehl daraus, dass sie von manchen Kolleginnen nicht besonders viel hält. Insbesondere von denen, die ganz einfach nicht die stimmlichen Voraussetzungen für manche Werke haben: «Es gibt Kolleginnen, die singen diese Partien mit grosser Stimme, mit veristischem Ausdruck, mit verdischer Grösse. Das geht nicht. Oder aber sie haben die Höhe nicht und singen die ,Casta diva‘-Arie aus Bellinis ,Norma‘ einen Ton tiefer, aber das verfälscht die ganze Partie.» Da wundere es einen nicht, wenn das Publikum diese Kunst als platt empfinde: «Denn das Publikum ist unser Prüfstein.»

Bei Edita Gruberova äussert sich jede musikalische Geste anders, intensiver, herausfordernder. In der Rolle der Elisabetta in Donizettis «Roberto Devereux» tritt uns vor allem in der Regie von Christof Loy von 2005 eine atemberaubende Powerfrau entgegen. Konventionelle Texthüllen der italienischen Librettistik wie «furore» und «traditor» klingen plötzlich bedrohlich oder von unsäglicher Verzweiflung angetrieben.

In kaum einer anderen Rolle finden sich alle diese Qualitäten komprimiert wie in der Zerbinetta in Richard Strauss’ «Ariadne». Sie schätzt, dass sie die Partie bis heute in etwa 250 Auftritten gesungen hat. «Es gibt so viele Facetten in dieser Musik, man muss sie nur nützen. Allmählich habe ich mir auch meine Freiheiten herausgenommen. Hier ein Innehalten, ein Lachen, ein Traurigsein auf dem höchsten Ton, das Verlorensein. Musikalische Gedankengänge eben! Ich will alle diese Facetten und Feinheiten einbringen.»

Öffentliche Einsamkeit

Edita Gruberova hat ihre Auftritte auf höchstens 35 Abende pro Saison reduziert. Konzertante Aufführungen spielen dabei eine immer grössere Rolle. «Natürlich ist das Visuelle wichtig. Ich spiele gerne und das Spiel ist eine zusätzliche Dimension. Aber bei guter Konstellation und entsprechender Leitung kann ich sehr viel an Ausdruck und Charakter hinüberbringen. Ich bin dann gezwungen, mich wirklich nur auf die Musik zu konzentrieren.»

Die Vorbereitung für einen Auftritt sei von sehr grosser Bedeutung. Irgendwann beginne sie zu singen, vielleicht nicht das angesetzte Programm, mehr für sich, und manchmal auch während des Kochens. Dann ziehe sie sich ganz auf sich zurück, unabhängig davon, was sie tue, auch wenn sie unter Leuten sei: «Ich nenne das meine öffentliche Einsamkeit.»

Konzert Sonntag, 14. Dezember, 17 Uhr, im Kultur-Casino Bern.

Erstellt: 16.12.2008, 09:12 Uhr

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