Roma-Frauen im Berner Rotlichtmilieu

Wegen des Personenfreizügigkeitsabkommens arbeiten immer mehr ungarische Roma-Frauen im Sexgewerbe. Ein simples Anmeldeverfahren fördert den Missbrauch in dem Milieu von Menschenhandel, Gewalt und Ausbeutung.

Mit einem Online-Meldeverfahren auf die Strasse: Prostituierte am Sihlquai in Zürich. (Thomas Burla)

Mit einem Online-Meldeverfahren auf die Strasse: Prostituierte am Sihlquai in Zürich. (Thomas Burla)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Immer mehr Roma-Frauen arbeiten als Prostituierte am Sihlquai oder bieten ihre Dienste in Hotels oder Wohnungen im Kreis 4 an, berichteten Zürcher Zeitungen. Ende August arbeiteten 160 Ungarinnen auf dem Zürcher Strassenstrich, die Mehrheit davon seien Roma. «Langsam fassen die Roma-Frauen auch in Bern Fuss», sagt Alexander Ott, Leiter Einwohnerdienste der Fremdenpolizei Bern. «Roma-Prostituierte werden seit wenigen Monaten vermehrt festgestellt», bestätigt der Sprecher der Kantonspolizei Bern, Heinz Pfeuti. Das Phänomen bestehe, seit die Personenfreizügigkeit auf die osteuropäischen EU-Länder ausgeweitet würden, schreibt die «NZZ am Sonntag.» Auch die Berner Kantonspolizei geht davon aus, dass Bewegungen von Ungarn nach Europa und in die Schweiz durch die EU-Personenfreizügigkeit unterstützt werden.

Kontrollen im Milieu

Als Angehörige eines EU-Staates haben die Ungarinnen aber das gute Recht, in der Schweiz zu arbeiten. Für Bürger der EU- und Efta-Mitgliedstaaten wurde die 90-Tage-Regelung eingeführt. Selbstständigerwerbende können so pro Jahr während maximal 90 Tagen in der Schweiz arbeiten. Die Anmeldung erfolgt beim Amt für Berner Wirtschaft (Beco) online. Wegen Widerhandlungen gegen die Meldevorschriften im Rahmen des Personenfreizügigkeitsabkommens kam es nun zu Anzeigen, teilte die Fremdenpolizei gestern mit. In der Nacht vom 21. auf den 22. September kontrollierte die Fremdenpolizei Bern elf Frauen aus dem Milieu, sie stammten vor allem aus Ungarn, Polen und Deutschland

«Die Frauen nicht verteufeln»

Angezeigt wurden die Personen, weil die Frauen nicht selbstständig arbeiteten, wie es ihr Status verlangen würde. Dafür müssten sie etwa auf eigene Rechnung arbeiten und Arbeitsort und -zeiten selber auswählen können, sagt Beat Zutter vom Beco. Aus Zürich ist bekannt, dass Frauen von Roma-Männern zur Prostitution gezwungen werden, die Zuhälter seien extrem gewalttätig und die Frauen müssten das gesamte Geld abliefern. Noch sei in Bern nichts Spezielles bezüglich Roma-Zuhälter bekannt, heisst es bei der Berner Kantonspolizei.

«Wir wollen die Frauen nicht verteufeln», sagt Ott und betont, dass sich keine einzige in Ausschaffungshaft befinde. Die kontrollierten Personen seien über ihr Motiv zur Einreise und Ausübung der Sexarbeit im Rotlichtmilieu befragt worden. Konkret: Es geht darum, wer die Frauen rekrutiert hat und ob dies allenfalls organisiert abläuft.

Prostituierte melden sich online

«Im Rotlichtmilieu gibt es mit diesem Online-Meldeverfahren für Selbstständigerwerbende einen grossen Missbrauch», sagt Ott. Bei der Onlineanmeldung erhalte man einen Code, um sich vor der Abreise wieder abzumelden, erklärt Werner Könitzer, Regierungsstatthalter in Nidau. «Nicht jede Frau hat eigenen Internetzugang.» So könnten Personen, die für die Prostituierten die Onlineanmeldung übernommen hätten, die Frauen zum Bleiben zwingen, indem sie den Code bei sich behalten würden. Es sei offensichtlich, sagt auch Zutter, dass nicht jede Anmeldung tatsächlich von den Ausländerinnen oder Ausländern gemacht werde.

Laut einer Hochrechnung des Beco arbeiteten im Jahr 2008 im Kanton Bern 170 ausländische Frauen und 19 Männer selbstständig im Sexgewerbe. Kontrolliert werde die Selbstständigkeit in diesem Gewerbe von der Fremdenpolizei oder dem Migrationsdienst, sagt Zutter. Das Beco kontrolliere lediglich, ob die sich anmeldenden Personen aus einem EU- oder Efta-Staat stammten. Für die anderen Branchen ist der Verein Arbeitsmarktkontrolle Bern zuständig. Dessen Tätigkeit ist ein Beitrag zur Umsetzung der flankierenden Massnahmen zur Einführung der Personenfreizügigkeit.

In der Möglichkeit für Ausländerinnen als Selbstständige mit einem so einfachen – und missbrauchsanfälligen Anmeldeverfahren – zu arbeiten, sieht die grüne Berner Grossrätin Barbara Mühlheim «eine neue Grauzone». Wenn die Frauen als Angestellte arbeiten, brauchen sie eine fremdenpolizeiliche Aufenthaltsbewilligung, teilt die Fremdenpolizei mit. Zudem wären die Frauen etwa verpflichtet, Steuern oder Krankenkassenprämien zu bezahlen, sagt Mühlheim.

Strassenstrich im Dunkeln

Erst vor Kurzem befasste sich der Grosse Rat mit dem Rotlichtmilieu. Im März wurde beschlossen, dass es im Sexgewerbe Schranken, Regeln und Schutz brauche und dafür ein Prostitutionsgesetz nötig sei. Politiker brachten dieses Anliegen in den Grossen Rat, nachdem Regierungsstatthalter Könitzer mit einem Modell im Hotel Schloss in Nidau gute Erfahrungen gemacht hatte. Kern seines Modells ist ein Verhaltenskodex für Betreiber von Bordellen, Massagesalons oder Kontaktbars. Wie aber auch der Strassenstrich von einem neuen Gesetz erfasst werden soll, ist unklar.

«Soweit der Polizei bekannt, seien ungarische Prostituierte vor allem in Etablissements tätig. In Bezug auf die Strassenprostitution sei aber mit einer Dunkelziffer zu rechnen. Die Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe, Xenia, konnte zur Situation der Roma-Frauen in Bern und zum Meldeverfahren für selbstständigerwerbende Ausländerinnen nichts sagen. «Die Selbstständigkeit ist nicht für alle Sexarbeiterinnen eine gute Lösung. Viel ehrlicher wäre, auch ein Angestelltenverhältnis zuzulassen, wenn möglich mit einem Gesamtarbeitsvertrag», sagt Könitzer. Das brauchte aber einen sehr grossen Sinneswandel in vielen Amtsstuben.

Der Bund

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