Ein Dorf in Angst

In Krauchthal wird ab Mitte März eines von 31 Durchgangszentren für Asylsuchende im Kanton Bern betrieben. An einer Informationsveranstaltung äusserte die Bevölkerung Fragen und Bedenken.

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Bis unten an die Treppe stauen sich die Menschen, die in den grossen Saal im ersten Stock des Landgasthofs Löwen strömen. Der Grossaufmarsch der Krauchthaler gilt einer Informationsveranstaltung zur Notlage im Asylbereich und der daraus resultierenden Tatsache, dass Krauchthal – unfreiwillig, auf Geheiss des Kantons – seine Zivilschutzanlage für ein Durchgangszentrum öffnen muss. Dem Gemeindepräsidenten, Claude Sonnen, der «eine Riesenzahl von Fragen» hat, ist es möglicherweise wegen den vielen Informationshungrigen ein bisschen mulmig zumute: «Ich wäre heute Abend lieber zu Hause geblieben», sagt er. Auch der geladene Regierungsrat Hans-Jürg Käser (fdp), der sich in den «Saal des Löwen» gewagt hat, stellt fest: Bevor in Bern das Durchgangszentrum Hochfeld eröffnet wurde, seien 500 Flugblätter mit der Einladung zu einer Informationsveranstaltung verteilt worden, gekommen seien nur zwei Personen. «Im Gegensatz zu ländlichen Regionen ist man es sich dort gewohnt, Leute aus fremden Kulturen zu sehen», sagt Käser.

Wohl deshalb ist der Polizeidirektor, der für das Asylwesen im Kanton zuständig ist, nicht nur zum Informieren gekommen, sondern auch um «eine Lanze zu brechen für die Leute aus anderen Kulturen». Flüchtlinge, die in der Schweiz zurzeit Asylgesuche stellen, kommen vorwiegend aus Eritrea, Somalia und Irak. Noch sei es auch in der Schweiz nicht so lange her, dass Menschen aus Not das Land verlassen mussten, sagt Käser. In Rütschelen beispielsweise seien 1845 fünfzig Leute bestimmt worden, die Gemeinde zu verlassen, weil sie nicht mehr ernährt werden konnten. Mit etwas Geld wurden die Leute an der Gemeindegrenze verabschiedet – wahrscheinlich seien sie in die Neue Welt ausgewandert. Diese Szene stelle ein Wandgemälde im Gemeindehaus Rütschelen dar, erzählt Käser. Danach erinnert er die Krauchthaler daran, dass die Schweiz ein humanitäres Land sei und dieser Verpflichtung nachkommen müsse. Mit den stark zunehmenden Zahlen von Asylsuchenden sei der Kanton Bern im letzten Herbst in eine Notlage gekommen. Angesichts des hereinbrechenden Winters den Menschen keine Unterkunft bereitzustellen, wäre unvorstellbar. «Wenn jemand erfrieren würde, müsste man den Schuldigen suchen», sagt Käser.

Auf der Einladung zum Informationsanlass hatte der Gemeinderat darauf hingewiesen, dass die Veranstaltung nicht eine Debatte über die Asylpolitik der Schweiz sei. Vielmehr sollen Fragen beantwortet und Ängste abgebaut werden. Jakob Amstutz, Geschäftsleiter der Flüchtlingshilfe der Heilsarmee, sagt, «wir haben ein bisschen mehr Erfahrung» und «kommt auf uns zu, statt die Faust im Sack zu machen». «Was machen diese Leuten den ganzen Tag?», will jemand wissen oder ein Bürger stellt fest: «Wir haben nur ein Postauto, wenn 80 Asylbewerber Richtung Bern wollen, reicht das wohl nicht.» Auch der Schulbetrieb macht der Bevölkerung Sorgen, weil sich die Zivilschutzanlage neben dem Schulhaus befindet. Wo die Schüler die Pause verbringen sollten, wenn der Schulhausplatz von Asylbewerbern mit Beschlag belegt sei? Amstutz und David Hunziker, der das Durchgangszentrum ab dem 11. März leiten wird, geben Auskunft: Natürlich könnten die Asylbewerber sich nicht einfach auf dem Pausenplatz unter die Kinder mischen. Nach Möglichkeit gebe es neben Haushaltsarbeiten im Durchgangszentrum und Deutschkursen auch Beschäftigungsprogramme für Asylsuchende. «Vielleicht finden Sie in Krauchthal gemeinnützige Arbeit, damit die Leute abends von etwas Sinnvollem müde sind und nicht herumhängen müssen.»

So sachlich bleibt es nicht den ganzen Abend. «Ich will nicht den schwarzen Mann über die Türe malen – aber wir werden einiges erleben», sagt ein Bürger. Ein anderer gibt unumwunden zu: «Ich habe richtig Angst.» Warum das Durchgangszentrum ausgerechnet in Krauchthal eröffnet werden müsse – die kleine Gemeinde werde damit den höchsten Ausländeranteil in der Schweiz haben. Die Kantons- und Heilsarmeevertreter versuchen zu beruhigen. Diese Leute seien keine Kriminellen und das Durchgangszentrum kein Gefängnis. «Leute, die ein Asylgesuch stellen, sind Bittsteller, sie geben sich Mühe, vernünftig wahrgenommen zu werden», sagt Käser.

Wer schliesslich in Krauchthal den nachhaltigeren Eindruck hinterlässt, der Regierungsrat oder der Bürger, der gegen Ende der Veranstaltung das Wort ergreift, bleibe dahingestellt. Letzterer aber erzählt im mucksmäuschenstillen Saal: «Ich habe Eritrea selber bereist, es sind sympathische und arbeitsame Menschen.» Er berichtet vom 30-jährigen Krieg gegen Äthiopien und davon, dass sich Präsident Isaias Afewerki immer mehr zum Diktator entwickle und Dienstverweigerern der unverhältnismässig grossen Armee drakonische Strafen drohten. Mit Sicherheit seien nicht alle Unsicherheiten aus der Welt geschaffen, sagt darauf Gemeindepräsident Sonnen. «Ich muss aber gestehen, dass ich doch froh bin, heute Abend hier gewesen zu sein.»

Anita Bachmann

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Erstellt: 21.02.2009, 01:16 Uhr

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