Der Lebensretter aus Adelboden

Auf dem Bergbauernhof seiner Eltern musste Jürg Zimmermann bereits als Kind anpacken. Später studierte er an der ETH Chemie und entwickelte das Medikament Glivec.

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«Die Konkurrenz sollte nicht sehen, woran wir hier forschen. Ich wische vor dem Fototermin die Zeichnung mit den Molekülen von der Wandtafel weg», sagt Jürg Zimmermann. Wer seine Arbeit für so wichtig hält, überschätzt sich gewaltig – könnte man meinen. Aber Zimmermann ist tatsächlich kein unbedeutendes Rädchen im Getriebe. Zumindest nicht für Menschen, die an chronisch myeloischer Leukämie leiden. Und das sind immerhin 20 Prozent aller Blutkrebspatienten. 95 Prozent von ihnen können heute gerettet werden, weil Zimmermann für das Pharmaunternehmen Novartis ein Medikament namens Glivec entwickelt hat. Damit lässt sich eine Krankheit überstehen, die bis vor Kurzem als Todesurteil galt.

Und dafür ist Zimmermann, ein Bergbauernsohn aus Adelboden, zum Erfinder des Jahres ernannt worden. Die Europäische Kommission und das europäische Patentamt vergeben diesen Titel jedes Jahr für «wesentliche Beiträge zum technischen Fortschritt und zur Stärkung der europäischen Wirtschaft».

Lieber Feiern als Holzen

Zimmermanns Waffe gegen Krebs schaffte es auf die Titelseite des «Time Magazine» – von dieser und anderen Ehrungen zeugen gerahmte Bilder an den Wänden seines Büros mit Aussicht auf die Basler Pharmalandschaft. Doch der Nimbus der hochdekorierten Forscherwelt passt irgendwie nicht zum agilen 52-Jährigen, dessen Teint so gar nicht an eine Labormaus erinnert. «Mit Intelligenz hat mein Erfolg weniger zu tun als mit dem Motto meines Vaters: Wenn man etwas tut, dann richtig», sagt der Doktor der Chemie denn auch. Seine Geschichte beginnt auf den Adelbodner Alpwiesen und führt nicht schnurstracks an die ETH.

«Mit meinen vier Brüdern und meiner Schwester musste ich schon früh auf unserem Bergbauernhof anpacken», sagt er. Heuen, Holzen und Melken hasste er, Schwingfeste am Sonntag nicht. Arm sei seine Familie gewesen, aber glücklich. Oder wie es der Naturwissenschaftler ausdrückt: «Glück ist nicht proportional zum Lohn.» Glück, das waren damals zum Beispiel ein paar rare Aprikosen. Als er zehn war, kam das erste Tiefkühlhaus ins Dorf – und in seinem Gefolge immer mehr Touristen.

«Grösster Schritt des Lebens»

Die Gelegenheit, Fremdsprachen zu üben, hätte der Bergbauernsohn also gehabt. «Mein Sprachlehrer hielt den Unterricht mit mir aber für Zeitverschwendung», sagt er. Ganz anders der Lehrer für Naturwissenschaften: Endlich hatte er einen Schüler, der den Chemiebaukasten sogar über Mittag ausleihen wollte. Nach der Schule machte Zimmermann den «grössten Schritt» seines Lebens: «Ich ging mit 16 nach Basel, um eine Lehre als Laborant anzupacken.» Hinaus in die Welt wollte er. «Grenzen liegen mir nicht.» Mit der Lehre sei sein Vater sofort einverstanden gewesen. «Er wusste, dass ich nicht zum Bauer geboren bin.»

In der Stadt stellten sich ungewohnte Fragen: Wie fahre ich Tram? Wie gehe ich mit den vielen Leuten um? Wo sind die Berge? «Plötzlich fehlten sie mir», sagt Zimmermann. Jedes Wochenende fuhr er nach Hause – mit dem Roller. Die Lehre erschien ihm zu praktisch ausgerichtet, Chemiebücher las er in der Freizeit. Stipendien ermöglichten dem Wissbegierigen schliesslich ein Studium als Chemieingenieur am Burgdorfer Technikum.

Erst danach führte sein Weg an die ETH – wieder dank Stipendien. «Mein akademischer Werdegang war lang, aber ich habe das Wissen wie ein Schwamm aufgesaugt», sagt Zimmermann. Mit 32 Jahren verdiente er zum ersten Mal Geld. «Meine Kindheit hat mich Ausdauer gelehrt», sagt er. Und wohl auch Trittsicherheit auf unbekannten Pfaden: «Doktorat und Postdoktorat führten mich nach Australien und Kanada, wo damals fast niemand hinging.» Der Kulturschock sei ausgeblieben. «Ich war in der Welt der Wissenschaft zu Hause.»

Plötzlich muss alles nützlich sein

Schliesslich folgte doch noch ein Schock: der Industrieschock. Zimmermann kam zurück nach Basel und begann bei Novartis. «Auf einmal zählte die Frage nach dem Warum nicht mehr. Plötzlich musste alles nützlich sein.» Die Entwicklung von Krebsmedikamenten brachte ihm aber Erfüllung. Und man glaubt es ihm sogar, wenn er sagt, die Dankbarkeit der Geretteten sei wichtiger als Preise. «Als Berner Oberländer sonne ich mich halt nicht gerne in der Öffentlichkeit.»

800 Millionen für ein Medikament

Neun Jahre lang hatte Zimmermann an der Entwicklung von Glivec gearbeitet. Dann endlich bekam ein Patient die erste Dosis. Was folgte, war ein weiterer Schock: «Es passiert ja gar nichts. Das ist bloss Zuckerwasser», hiess es im Spital – zu einer Zeit, als die Ärzte an schlimme Nebenwirkungen von Krebsmedikamenten gewöhnt waren. «Wir waren unglaublich frustriert», sagt Zimmermann. Einen Monat später kam der wahre Donnerschlag: Während früher nur 20 Prozent der Patienten auf Krebspräparate ansprachen, waren es bei Glivec 95. «So einen Durchbruch gab es in der Krebsforschung noch nie.» Weltweit versuchen Forscher nun, diesen Erfolg auf andere Krebsarten zu übertragen. Glivec brachte es auch fertig, den Industrieschock zu mildern: «Die Einführung eines neuen Medikaments kostet 800 Millionen Franken. Es braucht eine grosse Firma wie Novartis, um solche Kosten und Risiken zu tragen – und dafür bin ich dankbar», sagt Zimmermann.

«Stolz auf die Vergangenheit»

Frustrierend sei Forschung nie. «Die Freude, etwas herauszufinden, belohnt einen für jede Durststrecke.» Vielleicht ist auch diese geduldige Einstellung ein Mitbringsel aus der Kindheit. «Ich bin auf jeden Fall stolz auf meine Vergangenheit», sagt Zimmermann. Noch immer kehre er oft in seine Berghütte auf der Silleren zurück. Allerdings sei er ein typischer Auswanderer und hänge am romantischen Bild seiner Kindheit. «Aber in Wirklichkeit sind die Leute dort oben heute ganz anders, viel offener.» Stillstand könne er von den Adelbodnern auch nicht verlangen. «Schliesslich habe auch ich mich entwickelt –nicht zuletzt dank meinen beiden sprachbegabten und kritischen Töchtern.» (Der Bund)

Erstellt: 20.07.2009, 16:17 Uhr

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