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Polizei beginnt statistisch bei null

Raubdelikte und Körperverletzungen haben 2008 zugenommen, Tötungsdelikte sind weiter zurückgegangen. Der Kokainhandel floriert, und die Jugendkriminalität ist unvermindert hoch – das alles sagt eine Kriminalschätzung.

Die Sicherheitsverantwortlichen im Kanton Bern kamen bei der Präsentation der neuesten Kriminalstatistik gestern nicht darum herum, Erklärungen vorauszuschicken. Denn die nackten Zahlen allein hätten aufgeschreckt: Mit 73736 registrierte die Kantonspolizei Bern 2008 insgesamt 32 Prozent mehr Straftaten als im Vorjahr. «Statistisch gesehen erleben wir zwischen 2007 und 2008 eine Zäsur», sagte Polizeikommandant Stefan Blättler. Der Kanton Bern hat als einer der Pilotkantone auf die gesamtschweizerische Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) umgestellt. Der Hauptgrund für die grossen Abweichungen gegenüber früher sei die Zählweise, neu würden nicht mehr Fälle gezählt, sondern einzelne Straftaten. Ein Einbruchdiebstahl erscheint deshalb in der PKS gleich dreimal, als Diebstahl, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Auch eine Schlägerei mit vier beteiligten Personen gilt nicht mehr als ein Fall, sondern wird viermal erfasst. Dazu kommt, dass mit der Integration der Stadtpolizei Bern in die Kantonspolizei erstmals auch die Straftaten in der Stadt Bern erfasst wurden – beide Korps führten vor der Fusion andere Statistiken. «Statistisch gesehen beginnt die Polizei bei null», sagte Blättler. Für die nächsten Jahre könne nun aber eine aussagekräftige Vergleichsbasis geschaffen werden, und die Berner Zahlen könnten künftig im gesamtschweizerischen Kontext oder im Vergleich mit anderen Kantonen gesehen werden.

Jugendkriminalität bleibt hoch

Mit Blick auf das vergangene Jahr blieb der Polizei aber nichts anderes als ein Überschlag übrig. «Aufgrund einer groben Schätzung gehen wir davon aus, dass es keine erheblichen Abweichungen zur Kriminalitätsrate des Vorjahres gibt», sagt Blättler. Den Hauptharst der Straftaten machten mit 77 Prozent die Vermögensdelikte aus. Darunter fallen vor allem Diebstahl, Fahrzeugdiebstahl und Sachbeschädigung. Der Einbruchdiebstahl macht ein Viertel (5252) aller Diebstahldelikte aus und sei nach wie vor markant geprägt vom kompromisslosen Vorgehen gut organisierter osteuropäischer Banden. Weder Polizeikontrollen noch Verhaftungen zeigten Wirkung. «Man organisiert sich neu und delinquiert weiter», sagte Blättler. Die Banden könnten nur selten und nur mit hohem Risiko für die Polizisten angehalten werden, weil die Diebe vor nichts zurückschreckten.

Tendenziell zugenommen hätten Raub und Körperverletzung. Ein grosser Teil dieser Delikte betrifft die unvermindert hohe Jugendkriminalität: 27 Prozent der Raubdelikte und 18 Prozent der Körperverletzungen wurden von Jugendlichen bis 17 Jahre verübt. Es ereigneten sich zwar keine medienwirksamen Fälle wie in früheren Jahren, aber Jugendkriminalität sei an der Tagesordnung. «Nachdenklich stimmen die unberechenbaren Amok-Drohungen im Umfeld von Schulen», sagte Blättler. Zwar sei noch nie etwas passiert, aber alleine die Leichtfertigkeit, mit der die Ankündigungen platziert würden, sei bedenklich. Zudem führten Drohungen wie beispielsweise im November an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern zu aufwendigen Polizeiaktionen.

Kokainhandel floriert

Etwa gleichbleibend ist laut Polizei der Anteil an Ausländerkriminalität. 44 Prozent der Körperverletzungen und 43 Prozent der Raubdelikte werden ausländischen Tatverdächtigen angelastet. Mit 64 Prozent ist der Ausländeranteil an der insgesamt weiter sinkenden Anzahl von Tötungsdelikten hoch. Die 11 Tötungsdelikte (2007: 15, 2006: 24) seien alle aufgeklärt worden, sagt Blättler. Eine wichtige Rolle spielten Ausländer auch beim illegalen Betäubungsmittelhandel. «Vor allem der Kokainhandel floriert im Kanton Bern», sagte Blättler. Der Handel werde vorwiegend in westafrikanischen Kreisen abgewickelt, und die Täter seien in der Lage, innerhalb kurzer Zeit Mengen im Mehrkilobereich zu importieren und weiterzuverkaufen (vgl. «Bund» vom 6. Februar). Von der Polizei sichergestellt wurden letztes Jahr gut 5,8 Kilogramm Kokain. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass Biel mit 42 Delikten gegen das Betäubungsmittelgesetz pro 1000 Einwohner an der Spitze und damit vor der Stadt Bern liegt. Bei allen Delikten nach Strafgesetzbuch ist die Kriminalitätsrate in Bern mit 150 Straftaten pro 1000 Einwohner am höchsten, gefolgt von Biel mit 143 und Langenthal mit 89 Delikten pro 1000 Einwohner.

Stadion- und Alkoholverbot?

Nicht nur das Zerschlagen von Drogenhändlerringen, das Aufklären von komplizierten Mordfällen und Schüler, die drohen ihre Schule in die Luft zu sprengen, halten die Polizei in Atem. Grosse Kräfte würden auch die Sportveranstaltungen binden. Mit sieben Mannschaften in den beiden höchsten Spielklassen in Fussball und Eishockey sei der Kanton Bern schweizweit am «besten» vertreten, sagte Blättler. Jedes Wochenende müssten deswegen mehrere Hundert Polizisten arbeiten, statt die Wochenenden mit ihren Familien zu verbringen. «Das trägt nicht zur Attraktivität der Polizei als Arbeitgeber bei», sagte der kantonale Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (fdp). Die Kosten seien explodiert und mit über zwei Millionen Franken mittlerweile zehnmal so hoch wie noch vor ein paar Jahren. Käser habe sich deshalb bereits mit den Präsidenten der Sportklubs getroffen, und sein erklärtes Ziel sei: Stadionverbote konsequent umzusetzen, über die Folgen des Alkoholausschanks nachzudenken und eine Regelung zu finden, um friedliche Zuschauer aus dem Stadion zu bringen, ohne dass sie zwischen die Fronten von Schlägern gerieten. Unter die Hooliganszene würden sich neuerdings nicht nur Anhänger von rechts-, sondern auch von linksextremen Gruppierungen mischen.

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