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Lieber flitzen statt sitzen

Früher gab es fast an jeder Schule ein Skilager, heute können viele Kinder weder Ski fahren noch langlaufen. «Sport im Freien» ist eigentlich Teil des Lehrplans. Aus Angst vor Unfällen bleiben viele Lehrer aber lieber drinnen.

Die Dame an der Kasse der Eishalle in Matten ist hell begeistert: «Sie suchen die Kinder aus Saxeten? Bevor Sie reindürfen, muss ich Ihnen jetzt etwas sagen: So freundliche Kinder habe ich noch nie zuvor hier gesehen.» Die Dame sagt das sehr ernst, sie sieht und hört viel hier, beim Eingang der Eishalle. Da kommen Lehrer mit Schülern, Eltern mit Kindern, Sozialpädagogen mit ihren Schützlingen – oft, sagt sie, sehr oft sogar müsse sie den Kopf schütteln über die Besucher der Eisbahn und deren Benehmen. Als wir reindürfen, sind die «netten Kinder» schon arg verschwitzt, haben rote Backen vom Schlittschuhlaufen. Vanessa hat die Jacke ausgezogen und sitzt nun im pinkfarbenen gemusterten Kapuzenpullover auf der Holzbank. Ihre langen Haare kleben ihr an der Stirn, sie hat vom Laufen Hunger und Durst bekommen. Vanessa ist eine von insgesamt elf Schülerinnen und zwei Schülern, welche die Gesamtschule in Saxeten besuchen – Kindergartenkinder mitgerechnet. «Willst du so eines?», fragt sie und streckt uns eine Tüte mit Salzgebäck hin. Wir nehmen dankend an. «Die Skitage sind die besten Tage an unserer Schule», sagt sie dann und kaut dazu eine Handvoll Salzgebäck zur Stärkung. Zivilschutzkeller statt TurnhalleAn der Gesamtschule in Saxeten stehen im Februar jeweils drei Tage hintereinander Skifahren und Eislaufen auf dem Programm – zumindest, wenn es das Wetter erlaubt. Doch nicht nur das: Lehrer Uwe Recke steht mit den Kindern auch sonst wöchentlich auf den Skiern am «Skilernhang», geht Schlitteln und macht mit ihnen «Schneespiele im freien Gelände», wie er sagt. Eine Turnhalle gibt es in Saxeten nicht, nur einen Sportplatz, eine Hochsprunganlage, eine Kletterwand und einen Pingpongtisch – und für das Schlechtwetterprogramm einen grossen Zivilschutzraum, ausgelegt mit grünem Rasenteppich. «Ich mache vor allem auch Sport mit dem, was sich draussen in der Natur anbietet», sagt Recke.Zusätzlich zum Winter- und Sommersportprogramm geht der ausgebildete Sport-, Deutsch- und Mathematiklehrer mit den Kindern einmal die Woche schwimmen. Und im Sommer unternimmt er Wanderungen, geht mit den Schülern klettern oder macht auch schon mal eine dreitägige Velotour. Die Erstklässler waren mit dabei und lernten so zusammen mit den Oberstufenschülern viel über Gemüse und Gemüseanbau im Seeland. Unterstützt wird Uwe Recke bei den sportlichen Aktivitäten von den Teilpensenlehrern oder auch von Eltern, welche ihn begleiten. Auch die Schulkommission und sogar der Gemeinderat begrüssen seine Aktivitäten. «Sie alle stehen hinter der Gesamtschule Saxeten und unserer Pädagogik. Das erleichtert vieles», sagt Recke. Uwe Recke hat seine Lehrerausbildung in der damaligen DDR gemacht – Sport war in seiner Lehrerausbildung ein Schwerpunktfach. Dabei ging es vorab um Breitensport – für besonders talentierte Kinder gab es in der DDR reine Sportschulen. Voraussetzung des Besuchs einer Sportschule war die Anmeldung durch die Eltern.Sport für die GesundheitIn der Schweiz ist dies ähnlich: Sport an der Volksschule dient grundsätzlich nicht der Sichtung von Talenten und entsprechendem Grundlagentraining für Spitzensport, sondern gemäss dem bernischen Lehrplan vielmehr der Förderung der «Gesundheit» und dem «Erleben von Gemeinschaft» (vergleiche Kasten). «Die Erwartung ist zudem, dass Sport nicht nur in der Halle, sondern auch im Freien stattfindet», sagt der Oberländer Schulinspektor Bernhard Häsler. Er räumt indes ein, dass es «mittlerweile die Tendenz gibt, den Unterricht, insbesondere den Sportunterricht, nach drinnen zu verlagern, und das ist eigentlich falsch». Ski fahren mit der ganzen Schule? Das kostet Geld. Schlitteln mit der Kindergartenklasse? Das braucht Organisation und könnte gefährlich werden. «Geld und Sicherheit sind zwei Faktoren, weswegen an vielen Schulen nur noch selten Wintersportarten ausgeübt werden», sagt Häsler.Recke weiss, dass Skifahren Geld kostet. Damit sich die Schule die drei Tage im Februar leisten kann, gehen die Schüler «tännle». Gemeinsam verkauft die Klasse Tannenbäume, die sie zuvor selber gefällt hat. Das damit verdiente Geld reichte bisher immer für die drei SkitageUwe Recke führt drei Gründe auf, weshalb er so viel Wert auf Bewegung im Unterricht legt: «Die Kinder sind kaum je krank, wir haben keinen einzigen übergewichtigen Schüler, und der Sport fördert die Kameradschaft unter den Kindern.» Das sieht man auch anderswo so: in Thun zum Beispiel. Fünf Schulen führen seit vier Jahren einen Skitag durch. 650 Kinder von der 3. bis zur 6. Klasse können während einer Woche im Januar einen Tag an der Lenk Ski fahren. «Die Kinder schätzen es, einen Tag mit den Freunden fahren zu können, und kommen zum Teil richtig auf den Wintersport-Geschmack», sagt Ursula Wüthrich, Schulleiterin der Primarschule Allmendingen.Versteckte Talentsichtung?Auf die Idee gekommen, den Kindern das Skifahren schmackhaft zu machen, sind allerdings nicht die Thuner Lehrer selber. Rolf Rüegsegger heisst der Mann, dank dem die Thuner Schüler zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Piste stehen. Rüegsegger ist Präsident des Skiclubs Thun und hat im Auftrag von Swiss-Ski dieses Projekt entwickelt, «um den Kindern zu zeigen, wie schön Bewegung im Schnee doch eigentlich ist». Diverse Kinder hätten heute keinen Bezug mehr zum Wintersport, sagt Rüegsegger. Und damit fehlt Swiss-Ski früher oder später auch der Nachwuchs. Geht es an den Thuner Skitagen also auch um versteckte Talentsichtung? «Nein», sagt Rüegsegger , «überhaupt nicht. Im Gegenteil: Nur schon wenn ich das Wort Leistungssport oder Rennsport in den Mund nehme, reagieren die meisten Schüler sofort abweisend.»Eltern werden unterstütztDas Skiprogramm umfasst viele spielerische Elemente – unterrichtet werden die Kinder während des Skitags von ausgebildeten Skilehrern. Wer keine eigenen Skier hat, kann die Ausrüstung zu günstigen Konditionen in einem Sportgeschäft in Thun mieten. Der Skitag kostet die Eltern 18 Franken – Mittagessen und Tageskarte inklusive. Wer dies nicht bezahlen kann, bekommt auf Antrag Unterstützung von der Stadt. Der Tag an der Lenk ist vom Morgen bis zum Abend von ausserschulischen Helfern durchorganisiert. «Die Lehrer sorgen sich deshalb nicht um die Sicherheit der Kinder», sagt Schulleiterin Wüthrich. Gingen die Volksschullehrer aber alleine mit den Klassen irgendwohin, «dann sind schon Ängste da – im See schwimmen oder baden mit den Schülern, das macht bei uns kein Lehrer mehr».Vanessa aus Saxeten jedenfalls ist froh, hat sie einen so sportlichen Klassenlehrer. «Manchmal machen wir auch Wanderungen», sagt sie plötzlich, steht auf und flitzt auf ihren Schlittschuhen wieder davon – vorbei an ihrem Klassenkameraden, der eben die einbeinige Schlittschuhfahrt übt. Man merkt es ihr an: Draussen sein gefällt ihr irgendwie besser, als drinnen zu sitzen.>

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