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Gottesdienste: Weg vom Sonntag?

Aufgrund einer Studie will die reformierte Kirchgemeinde «Thun Stadt» einiges ändern, um in Zukunft zu bestehen. Ein Gespräch mit dem Präsident der Kirchgemeinde Hans Ulrich Burri.

Das Angebot der Kirchgemeinde überprüfen: Hans Ulrich Burri, Präsident der Kirchgemeinde Thun Stadt. (Franziska Scheidegger)
Das Angebot der Kirchgemeinde überprüfen: Hans Ulrich Burri, Präsident der Kirchgemeinde Thun Stadt. (Franziska Scheidegger)

Der Bund:Laut einer Studie sind kritische Intellektuelle , die sogenannt Postmateriellen, und Statusorientierte in der reformierten Kirche Thun übervertreten. Gibt es nun bald Apéros und Vernissagen statt Gottesdienste?

Hans Ulrich Burri:(lacht) Ja, ja, genau, so machen wir das jetzt dann. Nein, im Ernst: Am meisten erstaunt hat mich an der Studie, dass die Leute der Bürgerlichen Mitte in der Kirchgemeinde offenbar fehlen. Ich war mir sicher, dass in Thun, insbesondere im Kirchenkreis Thun-Stadt, die Bürgerliche Mitte stark vertreten ist. Dafür sind bei uns dann nebst den Statusorientierten und den kritischen Intellektuellen vor allem auch die Modernen Performer, die Traditionell-Bürgerlichen und die Genügsam-Traditionellen stark vertreten.

Wie erklären Sie sich den Umstand, dass die Bürgerliche Mitte fehlt?

Das weiss ich nicht. Ich kann nur vermuten, dass dies historisch bedingt sein muss und mehr mit der wirtschaftlichen Situation zu tun hat als mit der Kirche.

Vielleicht haben Gutverdienende mehr Religion nötig als die Bürgerliche Mitte und die Unterschicht, die ja laut Studie auch kaum vertreten ist.

Wir hoffen nicht, dass dies so ist. Wir wollen keine Kirche für eine bestimmte Schicht sein. Wenn man die Milieukarte betrachtet, dann sieht man zum Beispiel, dass wir in unserem Kirchenkreis im Einzugsgebiet der Schönaukirche nicht dasselbe Milieu vorfinden wie im Einzugsgebiet der Stadtkirche. Dies könnte unter Umständen Konsequenzen für unsere Arbeit haben, da in den beiden Einzugsgebieten nicht dieselben Bedürfnisse abzudecken sind.

In Deutschland wurden nach derselben Studie die Kirchenkreise ganz neu gezogen. Leute, die aus demselben Milieu stammen, wurden zum Beispiel in einen Kreis zusammengefasst. Zudem wurden Pfarrer gewählt, die zum jeweiligen Milieu passten. Wäre dies eine mögliche Konsequenz?

Das ist nicht denkbar.

Wegen des möglichen Widerstands der Pfarrer?

Das sicher auch, ja. Die Pfarrer haben ihre festen Kreise und sind in diesen sehr verwurzelt. Daran etwas zu ändern, macht keinen Sinn. Entscheiden werde sowieso nicht ich allein, sondern der Kirchgemeinderat, der sich auch noch eine eigene Meinung bilden wird. Die Studie ist grundsätzlich gut und recht, aber man darf nicht vergessen: Wir sind nicht ein Verkaufsunternehmen, das teure Luxusautos verkauft und deshalb genaue Informationen über die Zielgruppe braucht.

Die Studie wurde aber gerade nach Grundsätzen des Direktmarketing verfasst. Haben Sie denn Mühe mit der Studie, weil sie finden, Kirche und Wirtschaft passen nicht zusammen?

Persönlich habe ich kein Problem mit der Studie. Es gab allerdings schon zynische Bemerkungen, wie etwa: Nun kommt die Kirche auch noch mit Ideen aus der Marktwirtschaft. Für ein Unternehmen ist eine solche Studie grundsätzlich sicher viel einfacher zu gebrauchen. Als Kirche bieten wir ja nicht einfach ein Produkt und können nach der Sozialmilieustudie unser Zielpublikum entsprechend anschreiben und umwerben.

Weshalb sollte das nicht funktionieren?

Wir haben einen öffentlichen Grundauftrag, und der heisst: Seelsorge. Da darf es keine Rolle spielen, wer welchem Milieu angehört. Wir müssen auch auf Minderheiten Rücksicht nehmen. Schade finde ich übrigens, dass die politischen Behörden offenbar noch nicht auf den Zug aufgesprungen sind. Das Stimm- und Wahlverhalten sagt viel weniger über eine Bevölkerung aus, als es diese Studie tut. Sie gibt einen viel besseren Einblick in die Bevölkerungsstruktur der Stadt.

Was wird der Kirchgemeinderat Thun Stadt denn nach dieser Studie nun konkret machen?

Wir werden sicher unsere Angebote überprüfen und ergänzen. Wenn man beispielsweise das Freizeitverhalten unserer Milieus studiert, muss man sich fragen, ob die Gottesdienste wirklich am Sonntag stattfinden sollen oder ob man allenfalls nicht Abendgottesdienste, kombiniert mit einem kulturellen Anlass, fördern müsste.

Dann gibt es künftig eben doch Vernissagen?

Das vielleicht nicht, aber wir werden möglicherweise dem musikalischen Rahmenprogramm mehr Aufmerksamkeit schenken und zum Beispiel schauen, dass wir weiterhin einen guten Organisten haben. Daneben müssen wir uns sicher fragen, wie wir vermehrt Familien mit Kindern einbinden können. Die Studie hat ja gezeigt, dass wir in unserem Kreis doch einige Familien haben. Einbinden könnte man diese beispielsweise, indem man eine Kinderbetreuung bei Gottesdiensten anbietet.

Evangelikale Freikirchen haben unter anderem gerade wegen ihres Rahmenprogramms Erfolg: Musik, auch Rockmusik, und Kinderhütedienste gehören dazu. Kupfert die reformierte Kirche nun das Erfolgsrezept der Evangelikalen ab?

Nein, sicher nicht. Wir haben eine ganz andere Theologie und missionieren vor allem auch nicht. Dies wird auch weiterhin so bleiben. Aber ich stelle fest, dass in meiner Generation die Kirche praktisch nicht mehr existiert. Zudem haben wir ein demografisches Problem: Wir haben deutlich mehr Todesfälle als Taufen. Und das führt zu einem starken Rückgang der Reformierten. Wir wissen zudem auch, dass wir künftig deutlich weniger Geld zur Verfügung haben werden.

Weshalb?

Einerseits aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen, andererseits aber auch wegen der neuen Steuergesetzgebung und der Wirtschaftskrise. Aus all den erwähnten Gründen machen wir uns Überlegungen, wie die Kirche künftig aussehen könnte. Das entsprechende Projekt in Thun heisst Kirche 2015 und ist mit ein Grund, weshalb wir die Sozialmilieustudie überhaupt machen liessen.

Die Studie hält immerhin fest, dass die jüngere Generation in der reformierten Kirche Thun gut verankert ist.

Die Leute der jüngeren Generation sind einfach Mitglieder. Das heisst aber nicht, dass sie in der Kirche auch mitmachen. Im Gottesdienst treffen Sie vor allem alte Leute.

Die Unterschicht ist in der reformierten Kirche Thun kaum vertreten. Sie sei wahrscheinlich in anderen Kirchen und Religionen zu Hause, sagte der Studienverfasser bei der Präsentation. Es könnte doch aber auch sein, dass die Leute der Unterschicht ganz einfach die Kirchensteuern sparen wollen.

Das ist möglich. Zum Teil wird uns das als Grund bei Kirchenaustritten angegeben, zum Teil werden andere Gründe genannt. Wenn man dann aber nachhakt, merkt man häufig, dass die anderen Gründe nur vorgeschoben sind und es doch um die Kirchensteuer geht. Aber die Kirche braucht das Geld ja nicht einfach für sich, sondern gibt es wieder aus.

Für was zum Beispiel?

Wir machen Anlässe für alte und junge Leute, wir haben einen eigenen Sozialdienst, wir gewähren Darlehen und dann zahlen wir Löhne. Nicht die Löhne der Pfarrer, die bezahlt der Staat, aber die Löhne der kirchlichen Mitarbeiter wie Sozialdiakone, Katecheten oder Sigriste. Diese Löhne sind in den letzten Jahren stark angestiegen. Wir haben jedoch nicht mehr Leute angestellt, im Gegenteil, wir können die Stellen nicht mehr besetzen, weil uns die Mittel fehlen. Die Löhne fallen in unserem Budget am stärksten ins Gewicht. Um es im Griff zu haben, müssen wir uns zudem noch viel anderes überlegen. Zum Beispiel, ob wir unsere Liegenschaften nicht besser bewirtschaften müssten.

Dann nähert sich die Kirche also doch in gewisser Weise der Wirtschaft an?

Ja, so gesehen schon. Bezüglich der kirchlichen Organisation und Führung ist tatsächlich ein Umdenken im Gang. Die Finanzen spielen heute eine grosse Rolle. Wenn ich höre, wie viel Geld früher vorhanden war, da musste man sich weniger solche Überlegungen machen. Es ging einfach. Überhaupt wird sich vermutlich noch anderes ändern müssen.

Zum Beispiel?

Wir werden uns fragen müssen, ob es Sinn macht, dass jede Kirchgemeinde jede Tätigkeit anbietet, etwa eigene Sozialdienste führt. Zumal die Stadt auch noch ähnliche Angebote hat. Da müssen wir künftig ehrlich hinschauen und Lösungen finden.

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