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Arzt mit sanften Methoden

Der Emmentaler Hausarzt Hansueli Albonico hat die Initiative für die Komplementärmedizin mitlanciert. In seiner Praxis setzt er seit mehr als 20Jahren auch auf alternative Methoden – und sieht diese als Ergänzung zur Schulmedizin.

Das Wohnzimmer von Hansueli Albonico ist mit Kakteen und anderen Pflanzen geschmückt. Nur wenig weist im ehemaligen Käsehaus gleich hinter dem Bahnhof auf den Verfechter der Komplementärmedizin hin. 1985 eröffnete Albonico in Langnau zusammen mit seiner Frau, der Ärztin und SP-Grossrätin Danielle Lemann, eine Hausarztpraxis – und setzte schon früh auf Alternativen zur Schulmedizin. «Wir wurden von Anfang an überrannt.» Seine Frau sei damals viel aufgeschlossener für die Anthroposophie, die Pflanzenheilkunde oder die Homöopathie gewesen als er. Die Skepsis gegenüber solchen Methoden war gross, und die Ärzte, welche sie praktizierten, wurden gar als Spinner verschrien. Das hat sich längst geändert: Bis in weite Bevölkerungskreise ist die Komplementärmedizin hierzulande beliebt. Mittlerweile hat sie sich einigermassen bewiesen – und sei auch unter Schulmedizinern akzeptiert, sagt Albonico. Hansueli Albonico wuchs in St. Gallen auf. «Ich komme von der Naturwissenschaft.» Sein Vater war Professor für Anthropologie an der HSG – eher ein Aussenseiter an der Wirtschaftsuniversität. «Er versuchte die Biologie mit der Psychologie und der Soziologie zu verbinden.» Seine Herkunft prägte ihn stark, sagt Albonico: «Auch die Komplementärmedizin basiert auf der Naturwissenschaft. Meine Eltern hatten ein sehr offenes Menschenbild, in dem es Platz für Kreatives gab.» So begann er sich für die Anthroposophie zu interessieren. «Wir hatten ein völlig ungezwungenes Verhältnis zur Medizin.» Bei Krankheiten wie der Angina habe der Hausarzt der Familie damals selbstverständlich nicht Antibiotika verschrieben. «Sein menschliches Auftreten gegenüber den Patienten beeindruckte mich.» So richtig für die Komplementärmedizin begeistern konnte sich Albonico aber erst im Studium der Medizin in Bern. «Die Universität Bern hatte schon damals den Ruf einer sehr patientennahen Ausbildung.» Im Studium lernte er auch seine Frau kennen. Beide arbeiteten erst als Assistenzärzte im Wallis. Dort seien ihm die Grenzen der Schulmedizin bewusst geworden: «Mit schulmedizinischen Methoden und Medikamenten alleine wurde man den Patienten nicht gerecht.» Seine Frau setzte auch alternative Methoden ein. «Das war von der Obrigkeit nicht immer gerne gesehen.» Sie habe deshalb beinahe ihre Stelle verloren. «Wir erlebten aber beide, dass diese Medizin wirkt.» In den grossen Spitälern sei die individuelle Behandlung immer mehr verloren gegangen. «Darunter leiden die Patienten.» Es seien gerade die Frauen, welche die Komplementärmedizin schätzten, weil sie näher an der Betreuung von Kindern und Alten seien. Viele machten die Erfahrung, dass alternative Methoden wirkten und eine Erweiterung zur Schulmedizin seien. Damit könne etwa die Verträglichkeit einer Chemotherapie verbessert werden. Die Verankerung der Komplementärmedizin in der Verfassung, über welche die Schweizer Stimmberechtigten am 17. Mai entscheiden, soll laut Albonico keine Mehrkosten verursachen. Ärzte, welche solche Methoden praktizierten, brauchten zwar mehr Zeit. «Die Kosten pro Zeiteinheit sind aber wesentlich tiefer, weil wir weniger Geld für die Technik oder Medikamente brauchen.» Im Wohnzimmer erinnern Trommeln und Bücher an einen Afrikaaufenthalt. In den Achtzigern ging Albonico mit seiner Frau nach Zimbabwe, um die Leitung eines Bezirksspitals zu übernehmen. Präsident Mugabe sei damals noch ein Idol gewesen, welcher auch im Gesundheitswesen Akzente gesetzt habe. Vor Ort sei es sehr schwierig gewesen, an die einheimischen Heiler heranzukommen. Viele Scharlatane hätten ihr Unwesen getrieben und dabei zum Teil grosse Schäden verursacht. Auch die Gegner der Komplementärmedizin sprechen heute bisweilen von quasireligiösem Wunderglauben und kritisieren die mangelnde Wissenschaftlichkeit. «Das lässt sich überhaupt nicht mit unserer Komplementärmedizin vergleichen», sagt Albonico. Er sei kein Dogmatiker. So führte er mit der Unicef in Zimbabwe zum Beispiel Impfkampagnen gegen Masern und Starrkrampf durch. «Viele meinen, ich sei ein dogmatischer Impfkritiker. Das stimmt nicht.» Täglich hatte er bis zu einem Dutzend Masernfälle, und immer wieder Tote. Die Jahre in Afrika beschreibt er als wesentlich für das Praktizieren einer «handfesten, elementaren Medizin». Im Regionalspital Langnau gibt es seit 1998 sogar eine komplementärmedizinische Abteilung – eine Premiere in der Schweiz. Mit 12 Betten ist sie allerdings bescheiden. Die neue Abteilung bot einen Lichtblick: Schon damals war der Spitalstandort umstritten, Betten waren zu wenig belegt. Der Einsatz für das Spital schweisste die örtlichen Schulmediziner und Albonico zusammen. Dass ausgerechnet dem Emmental eine Vorreiterrolle zukommt, sei kein Zufall. Gerade dort habe es immer komplementärmedizinische Ansichten gegeben, sagt er – und verweist etwa auf den Emmentaler «Wunderarzt» Michael Schüppach aus dem 18. Jahrhundert. Dieser stritt sich mit Albrecht von Haller – und wurde in Langnau gar einmal von Goethe besucht. Neben der Komplementärmedizin kämpft Albonico auch für die Palliativmedizin. Diese will unheilbar kranken Menschen eine möglichst gute Lebensqualität bieten. Deren Bedeutung werde im Hinblick auf die neue Spitalfinanzierung noch zunehmen. Die Spitäler seien praktisch gezwungen, Sterbefälle vorzeitig zu entlassen oder zu anderen Institutionen zu verschieben. «Das wird den Patienten nicht gerecht.» Albonico zieht Parallelen zur Komplementärmedizin: Es gehe darum, im letzten Moment keine unnötigen medizinische Massnahmen vorzunehmen. Unlängst habe etwa eine krebskranke Patientin zugunsten einer Mistelbehandlung auf eine Chemotherapie verzichtet und damit ihre letzten Lebensjahre in guter Lebensqualität verbracht.

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