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Dreckige Geschäfte mit dem Müll

Eine Kinderkrippe, Restaurants, der Fussballclub, Gärtnereien und Privatpersonen

Elf Jahre lang fuhren der Chauffeur und sein Belader die gleiche Route. Tag für Tag sammelten sie mit ihrem Wagen 6 der Bieler Kehrichtabfuhr den Müll ein. Dabei entstanden Bekanntschaften: hier ein Schwatz mit einem Geschäftsinhaber, dort ein Kaffee mit einer Rentnerin. Und es ergaben sich Gelegenheiten, sich grosszügig zu zeigen oder etwas nebenbei zu verdienen.Begonnen hat alles 1998 mit dem Angebot des Inhabers eines Blumengeschäfts. Er zahlte den Männern 20 Franken bar auf die Hand, dafür leerten sie seinen Container auch ohne die damals noch über 40 Franken teure Vignette. Über die Jahre kassierten die beiden Kehrichtmänner so stolze 36000 Franken. «Wenn man das so liest, erscheint einem das als wahnsinnig viel Geld», sagte der Chauffeur gestern vor dem Kreisgericht in Biel, «aber passiert ist passiert, das kann man nicht rückgängig machen.»Im Januar letzten Jahres teilte das Strasseninspektorat die Mannschaften neu ein. So flog der kleine Bieler Kehrichtskandal schliesslich auf. Die beiden Männer wurden verhaftet, der Belader gestand sofort, der Chauffeur gab nach neun Tagen Untersuchungshaft das Leugnen auf. So kam das ganze Ausmass ihres Treibens ans Licht. Insgesamt waren 14 «Kunden» involviert, die Deliktsumme beträgt mindestens 77 000 Franken. «Es tut mir sehr leid, dass wir solchen Mist gebaut haben», sagte der 60-jährige Chauffeur, der 26 Jahre für das Strasseninspektorat gearbeitet hatte. Auch sein 50-jähriger Kollege, der fast ebenso lang bei der Stadt angestellt war, bereut die Taten: «Das war der grösste Seich, den ich je gemacht habe. Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen.»Kaffee statt VignetteWährend elf Jahren hatten sich die beiden immer wieder bestechen lassen und sich in einem Fall auch der Veruntreuung schuldig gemacht. Meist waren Restaurants involviert. Bei sieben Gastgewerbebetrieben haben sie Kehricht ohne die nötigen Vignetten entsorgt. Als Gegenleistung erhielten sie Getränke und Esswaren. Eine Wirtin, die den Ghüdermännern ab und zu einen Kaffee spendierte, hatte aber gar nicht die Absicht, Gebühren zu sparen. «Sie hat uns die Vignette hingelegt, wir haben sie aber nicht mitgenommen, um ihr einen Ge-fallen zu tun», sagte der Chauffeur.In einem anderen Fall ging es um eine Kinderkrippe. Anstatt einer Vignette hing dort jeweils ein Säcklein mit Münz am Container. Die Kehrichtmänner teilten das Geld untereinander auf, anstatt es ihrem Arbeitgeber abzuliefern oder die Krippe auf die Vignettenpflicht aufmerksam zu machen. Auch bei einigen Privatpersonen nahmen sie Kehricht ohne Vignetten mit. Eine Frau, bei der sie ab und zu zum Znüni eingeladen waren, nannten sie liebevoll «Grosi». Bei ihr seien jeweils nur kleine Mengen Abfall angefallen, so dass sie kaum je einen Sack voll bekommen habe, sagte der Chauffeur. Und auch beim Fussballstadion Gurzelen, bei dem der Belader nebenbei als Abwart amtete, leerten die beiden Männer Container ohne Vignetten. Als Entschädigung erhielten sie ein Saisonabonnement des FC Biel.Neben diesen Machenschaften zogen die Kehrichtmänner aber auch einen kleinen Privathandel mit rund 400 Containervignetten auf. Das Gartenhaus Wyss klebte diese nicht mehr auf die Container, weil sie oft gestohlen worden waren, sondern händigte sie den Männern von der Abfuhr persönlich aus. Diese vernichteten sie aber nicht, sondern verkauften sie zu ermässigtem Preis an ein italienisches Restaurant weiter. «Ich weiss auch nicht mehr, wie wir auf diese Idee gekommen sind», sagte der Chauffeur, «plötzlich haben wir es ein-fach so gemacht.» Auch der Belader lieferte keine Erklärungen. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten nach dem Warum antwortete er: «Das ist eine schwierige Frage. Wir wollten einfach eine saubere Stadt.»Strafe: Zwölf Monate bedingtDie Tatbestände waren gestern unbestritten. Das Gericht verurteilte die Männer wegen Veruntreuung und Sich-bestechen-lassen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von je zwölf Monaten. Die Verteidiger hatten auf eine Geldstrafe oder allenfalls eine bedingte Freiheitsstrafe von acht respektive neun Monaten plädiert. Ohne finanzielle Not hätten die Angeschuldigten ihre Amts-pflicht verletzt und sich «mit einer gewissen Dreistigkeit» über längere Zeit einen «namhaften Nebenerwerb» verschafft, begründete Gerichtspräsident Markus Gross das Urteil. Strafmildernd habe sich hingegen ausgewirkt, dass die beiden geständig seien, in geordneten Verhältnissen lebten und Reue zeigten.Die stämmigen Männer traten gestern geknickt vor Gericht. «Es kommt mir hier vor wie in einer anderen Welt», sagte der Belader. Beide versuchen nach ihrer Entlassung noch immer, auf dem Arbeits-markt wieder Fuss zu fassen. Der Chauffeur sagte: «Da muss man jetzt einfach durch.»>

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