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Auf Abwegen, weil Halt in der Familie fehlt

Mehr Gewalt- und Eigentumsdelikte, häufigerer Drogenkonsum: Dazu haben sich Jugendliche aus Patchwork-Familien, befragt durch Lausanner Forscher, bekannt. Die Detailanalyse zeigt, wo Gefahr droht.

Auf den ersten Blick sind die Zahlen alarmierend: Kinder aus Patchwork-Familien (nur ein Elternteil leiblich) fallen in vielerlei Hinsicht häufiger auf als andere: Sie begehen mehr Straftaten (und fallen solchen häufiger zum Opfer), konsumieren öfter Drogen und müssen eher ein Schuljahr repetieren. Am besten, also mit den tiefsten Zahlen, schneiden überall jene Kinder ab, die mit beiden leiblichen Eltern aufwachsen («traditionelle Familie»). Jene bei einem allein erziehenden Elternteil liegen dazwischen (siehe Grafik).Solche Zahlen wurden vom Lausanner Kriminologie-Professor Marcelo Aebi und zwei Mitarbeiterinnen Anfang März an einem Fachkongress in Interlaken vorgestellt. Sie stammen aus einer noch nicht veröffentlichten Nationalfonds-Studie und sind von der «Sonntags-Zeitung» aufgegriffen worden. Aebi selber warf auch einen zweiten Blick auf seine Zahlen – und der legt nahe, das Leben in einer Patchwork-Familie an sich nicht schon als eine Ursache für diverses Fehlverhalten zu betrachten.Grundlage der Studie ist eine 2006 in verschiedenen Ländern durchgeführte, repräsentative Befragung Jugendlicher von 13 bis 16 Jahren. Diese konnten anonym angeben, ob sie im abgelaufenen Jahr oder überhaupt schon einmal Gewaltdelikte, Vandalismus, Diebstahl oder Drogenhandel betrieben hatten. Gefragt wurde auch nach erlittenen Straftaten sowie dem Konsum von Alkohol und anderen Drogen, weichen oder harten. Befragt wurden 3600 Jugendliche, unter ihnen 7 Prozent aus Patchwork- und 16 Prozent aus Einelternfamilien. Gut bestückte KerbhölzerAuch abgesehen von den Unterschieden erregt Aufsehen, dass 24 Prozent der Befragten zugeben, schon einmal etwas aus einem Laden gestohlen zu haben, und sich 21 Prozent zu «gängigen» Gewaltakten wie Schlägereien bekennen. Bei den kürzlich konsumierten Drogen machten Alkohol (von 39 Prozent angegeben) und Cannabis (7 Prozent) den Hauptanteil aus.Zugleich fragten die Forscher nach den sozialen Verhältnissen: Wohnort, Einkommensniveau und Herkunft der Familie. Und sie interessierten sich dafür, wie die Jugendlichen mit den Eltern und mit anderen Erwachsenen im gleichen Haushalt auskommen. Zum Beispiel gaben in allen Familientypen 86 – 88 Prozent der Jugendlichen an, ihnen werde vorgeschrieben, wann sie aus dem Ausgang nach Hause kommen müssten – aber in traditionellen Familien beteuerten immerhin 65 Prozent, sich auch daran zu halten, in Patchwork-Familien nur 60 Prozent.«Dynamik wichtiger als Struktur»Die Detailanalyse zeigte den Forschern, «dass die Dynamik der Familie wichtiger ist als ihre Struktur. Demnach delinquieren mehr Jünglinge, die eine schwache Bindung an ihre Eltern haben, besonders wenn diese ihre Freunde nicht kennen. Gleichzeitig treten solche Beziehungsprobleme häufiger in unvollständigen Familien und besonders in neu zusammengesetzten auf.» Als mögliche Erklärungen werden Auseinandersetzungen zwischen getrennten Eltern und geringere Autorität von Stiefvätern angeführt. Auf solche Probleme müsse man besonders achten, meint Aebi, aber man dürfe deswegen nicht die Patchwork-Familien allgemein an den Pranger stellen.Wirtschaftlich sind die in der Befragung erfassten Patchwork-Familien im Durchschnitt nicht schlechter gestellt als die traditionellen, allerdings an beiden Enden des Spektrums etwas stärker vertreten. Dagegen lebt nur ein Fünftel der traditionellen Familien in «Risiko- quartieren», aber ein Drittel der zusammengewürfelten – und auch der Einelternfamilien, die insgesamt wirtschaftlich schlechter dastehen.Wohnlage und SchulleistungenBetrachtet man nun nur die Jugendlichen aus den schwierigeren Wohnlagen, so haben sie unabhängig vom Familientyp gleich häufig im Jahr vor der Befragung mindestens ein Delikt begangen: nach eigenen Angaben 36 Prozent. In den «risikofreien» Quartieren allerdings delinquierten «nur» 21 Prozent der Sprösslinge traditioneller Familien, aber 27 Prozent der anderen. Schaut man die Schulleistungen an, so fällt der Familien-Unterschied fast nur bei den Repetenten ins Gewicht: Leben sie in traditionellen Familien, so delinquieren sie nicht häufiger als andere Schüler. Von den Jugendlichen mit normalen Schulleistungen sind jene aus nicht-traditionellen Familien nur wenig «krimineller» (etwas über statt etwas unter einem Viertel). Haben aber Kinder von Alleinerziehenden oder neu geformten Elternpaaren ein Schuljahr repetiert, so steigt die Deliktrate auf 37 Prozent.Diese Befunde führen die Lausanner Forscher zum Schluss, Kinder aus Patchwork-Familien sollten mehr Aufmerksamkeit erhalten, zum Beispiel durch verstärkte Unterstützung in der Schule. Und es wäre angesichts der Wirtschaftskrise «ungeeignet», Sozialhilfe für Alleinerziehende zu kürzen: «Negative Effekte würden nicht sofort, aber wahrscheinlich nach einigen Jahren sichtbar.»>

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